Freitag, 2. September 2011

The Opus - First Contact 001


Release Date:
29. Oktober 2002

Label:
Ozone Music

Tracklist:
01. Mission
02. First Contact (Feat. Lord 360, Murs & I Self Divine)
03. Mind Surfas
04. Take Me To The Basement (Feat. Aesop Rock)
05. Luna Landing
06. Live (Feat. Lumba)
07. Roads Seldom Traveled
08. River (Feat. Slug)
09. I Come In Peace
10. Fallen
11. Veteran's Day (Feat. Kenny B & Ricky Swords)
12. Enlightened
13. Guide To The Other Side

Review:
Nach "Architechnology" scheitert das Projekt Rubberoom, zwar nicht auf musikalischer, wohl aber auf kommerzieller und Label-politischer Ebene, mit dem Eintritt ins neue Jahrtausend. In alle Winde zerstreut hat sich die Gruppe aus Chicago damit allerdings nicht. Dass The Opus, der produzierende Teil der Gruppe, weiterbestehen würde, war nicht schwer zu erraten - Fanum (alias Mr. Echoes) und The Isle Of Weight bildeten schließlich schon vorher ein Duo. Also dauert es nicht lange, bis man sich mit weiteren Emcees aus dem Mittleren Westen kurzschließt und nach der Insolvenz des alten Labels ein neues findet - Ozone Music. Das erste Lebenszeichen ist 2002 die "0.0.0."-EP, kurz darauf folgt "First Contact 001", das offizielle Debüt der beiden.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Der Aufbau ist einfach: Herzstück sind die Marken-Sounds von The Opus, auf knapp der Hälfte der Tracks wird außerdem noch einer edlen Auswahl an Underground-Spittern der Zutritt in die einzigartige Opus-Landschaft gewährt. Das mag erst einmal wie ein recht herkömmliches Produzentenalbum klingen, doch wer The Opus kennt, der weiß ganz genau, dass ihn hier alles andere als Normalität erwarten wird. Der Sound von Isle Of Weight und Fanum war schon das, was "Architechnology" prägte und er hat sich nicht weltbewegend verändert. Immer noch schmettern brechend harte Drumlines über kalte Sound-Szenarien eine Ode an Hardcore-HipHop, der in seiner innovativen Erscheinung weit abseits des HipHop-Alltags mal mit einem Drum-n-Bass-Einschlag und mal mit Einflüssen aus dem Industrial-Genre spielt - "Daddy's traveling" und hat eine "Mission", wie das Intro (das Sample stammt aus "2001: A Space Odyssey") schon so treffend verkündet. "Mind Surfas" umrahmt das Wesen von The Opus ganz gut: monoton hämmernde Drumline, fremde, sich entwickelnde Sounds und eine Stimmung, die den Hörer in eine andere Welt mitnimmt. Die besondere Stärke der LP ist dabei die Abwechslung zwischen Instrumentals und gästebesetzten Songs, die den Hörer nie zu weit abdriften lässt. Das gibt dann einem Track wie "Veteran's Day", der als schwächstes Stück der Scheibe nicht unbedingt mit Lobeshymnen gepriesen wird, einen weiteren Sinn und rechtfertigt seine Existenz. Einige Dinge haben sich seit "Architechnology" durchaus geändert, der pechschwarze Anstrich wurde etwas aufgelockert und weicht einem breiteren Spektrum, das noch mehr Platz für Spielereien und Einbringung von Ideen zulässt. Den Anfang macht aber erst einmal "First Contact", das in bester Opus-Manier mit düsterem Streicher-Gerüst und schwerer Drumline losprescht und selbst den sonst so gut gelaunten Murs zu einem gefährlichen Auftritt antreibt (von Lord 360 sowie Minneapolis-Rapper I Self Divine ganz zu schweigen). Sogar die Rubberoom-Fans bekommen einen speziellen Leckerbissen, Lumba schaut einmal vorbei und zeigt in "Live", dass er von seinem wütenden Bühnenbild nichts eingebüßt hat (wenngleich diese Kombo schon bessere Tracks zutage gefördert hat). Die instrumentalen Highlights der Scheibe sind das in ferne und relaxte Sphären aufsteigende "Roads Seldom Traveled", das ungeschminkte "Luna Landing" und das finale "Guide To The Other Side", das seinen Titel nicht besser hätte wählen können. Auch die zwei verbleibenden Tracks sind ohne Frage noch eine Erwähnung wert: Aesop Rock stellt sich (abgesehen davon, dass ihm in dieser Zeit sowieso nichts misslingen konnte) in "Take Me To The Basement" ("See I don't know hell but I've read about it often / Sounds like a dope concept gone wrong, note to caution") als hervorragender Partner für The Opus heraus und auch Slug, dessen geniales "River" der eine oder andere schon von der "Sad Clown Bad Dub II" kennen mag, passt perfekt ins Bild und bekommt einen neuen Untersatz, der den (wesentlich besser gemasterten) Song in ein völlig anderes (und ebenbürtiges) Licht taucht.

Auch wenn sie eigentlich niemand bezweifelt haben dürfte, die Annahme, The Opus könnten nach der Rubberoom-Auflösung nicht auch mit anderen Künstlern hervorragendes Material aufnehmen, wird hiermit eindeutig widerlegt. Dabei ist die Atmosphäre nicht identisch mit der auf "Architechnology", doch das war sicherlich nie geplant. The Opus nehmen den nächsten Schritt, entwickeln ihren ohnehin einzigartigen Stil weiter und zeigen sich vielseitiger. Der Mix aus Instrumentals und Songs mit Raps (diese auf durchgehend sehr hohem Niveau) entwickelt dabei seinen eigenen Charakter. "First Contact 001" ist (auch wenn nicht jedes Instrumental bis zum Ende zieht) eine Demonstration der Klasse von The Opus und ein weiteres Plädoyer für die Qualität im Untergrund Chicagos.

7.5 / 10

Prodigal Sunn - Return Of The Prodigal Sunn


Release Date:
21. Juni 2005

Label:
Free Agency Recordings

Tracklist:
01. In My Life (Feat. 12 O'Clock, Chi-King & Madame D)
02. Soul Survivor
03. Movin' on Up (Feat. Madame D)
04. Brutality (The Grindz Remix) (Feat. C.C.F. Division)
05. Procrastinators (Feat. Bonzi J. Wellz, Free Murder & Yung Masta)
06. The Traitor (Betrayal Intro)
07. Betrayal
08. Campaignin' (Feat. Yung Masta)
09. Manhunt (Feat. 12 O'Clock)
10. Lovely Ladies (Feat. Scotty)
11. Godz People (Feat. 60 Second Assassin & A&R)
12. Puzzled
13. Reach Out (Feat. Madame D)
14. Love Is Love (Feat. Aleksei)
15. Sunshine (Feat. Scotty & Madame D)

Review:
Nach der Veröffentlichung des 2002er "Saviorz Day" und der Kritik, mit der sich die Gruppe erstmals in größerem Ausmaß auseinanderzusetzen hat, hängen die Sunz Of Man ein wenig in den Seilen - zu allem Überfluss ist die Zeit für den kompletten Wu-Tang-Rattenschwanz nicht die beste. Viel passiert also auch bei Hell Razah, 60 Second Assassin und Prodigal Sunn nicht, was Letzterer wohl als Anlass sieht, sich auf Solopfaden ein wenig auszutoben. Auf dem Eintagsfliegen-Label Free Agency Recordings findet er eine passende Plattform und veröffentlicht 2005 "Return Of The Prodigal Sunn".

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Nicht von ungefähr blieb dieses Werk in den Jahren nach seiner Veröffentlichung immer hochgradig unbeachtet, nicht umsonst hat die Einleitung nicht besonders viel über dieses Album zu berichten. Die Wu-Tang-Gemeinde ließ dieses Album großteils an sich vorbeiziehen, da es mit dem bricht, was der Sunz-Fan am liebsten hören würde, darüber hinaus in Sachen Produktion (zwei Beiträge von RZA ausgenommen) komplett auf auswärtige Niemande setzt (vorwiegend B-Original, C Natural und K Beats Kolossal) und da die Gästeliste zu einem nicht kleinen Teil der Vorstellung der eigenen Mannschaft, God's Inc, vorbehalten ist (und sonst keine wirklichen Überraschungen parat hat, man siehe z.B. 2-On-Da-Road-Partner 12 O'Clock ). Als erstes sollte jedoch der Sound selbst unter die Lupe genommen werden, der an manchen Stellen an "Saviorz Day" erinnert, zumeist aber noch eine Ecke weicher ausfällt und schon allein deshalb bei den meisten Wu-Heads wenig Sympathie für diese LP zulässt. Dieses vorschnelle Aburteilen stellt sich als falsch heraus, denn wer erst einmal akzeptiert hat, dass es hier nicht den Prodigal Sunn zu hören gibt, der Mitte der Neunziger in fiebrigem Wahn sein Unwesen trieb, der mag erkennen, dass Sunzini's inzwischen ohnehin sehr weiches Stimmorgan ganz gut mit dem harmoniert, was die Produzenten in recht einheitlicher Form vorlegen. Den schönen ersten Beweis dafür erbringt "My Life", das ein weiches Streicher-Bett mit Vocal-Backup von Madame D unter Prodigal Sunn und seinen Gästen platziert, während sich der Gastgeber nicht scheut, im Chorus selbst zu singen. Der eingangs eingeschlagene Pfad wird einen durch das ganze Album hindurch begleiten und nur für einige Ausnahmen weichen: Primär muss an dieser Stelle das RZA-produzierte "Brutality" genannt werden, das mit beinharter Drum-Kulisse an frühere Tage erinnert, diese qualitativ aber nicht ganz erreicht. Hinzu kommt eine verkorkste Hook, deren Verwandte noch einige andere Male vorbeischauen: Das sonst absolut nicht verkehrte "God'z People" kämpft mit diesem Problem ebenso wie "Lovely Ladies", RZA's zweiter Beitrag, auf dem Scotty nicht funktionieren will und auch Prodigal etwas neben dem (gewöhnungsbedürftigen aber guten) Beat rappt. Dabei braucht Sunzini nicht viel, um den Hörer glücklich zu machen: "Campaignin'" rauscht mit flinken Drums und dezenten Streichern als starkes Gangster-Zwischenspiel vorbei, "Love Is Love" als überraschend charmanter Love-Song. Traurig, dass sich in Form von "Manhunt" noch ein Totalaussetzer in die Tracklist verirrt hat, denn im restlichen Aufgebot überzeugen fast alle Tracks - vom guten Stimmeinsatz im kühlen "Betrayal" über smoothere Stücke wie "Movin' On Up" oder den Representer "Soul Survivor" bis hin zum abschließenden und langsam auslaufenden "Sunshine".

Über die Notwendigkeit dieser Angelegenheit lässt sich streiten, doch anzunehmenderweise hatte Prodigal in erster Linie im Sinn, mit diesem Soloprojekt ein paar andere Ideen umzusetzen, für die ihn Sunz-Of-Man-Fans auf einem etwaigen neuen Gruppenalbum gelyncht hätten. Denn diese Platte ist meilenweit vom Hardcore-Stil früherer Tage entfernt - und trotzdem schlägt Sunzini sich gar nicht schlecht. Er schafft es, mit den unbekannten Produzenten einen eigenen kleinen Vibe zu kreieren, auf dem die RZA-Beats beispielsweise eher wie Fremdkörper wirken, und zeigt, dass er auch zwischen Soul und Gesang gut klingt - ganz gleich, wie ungefährlich das Ganze großteils bleibt. Wäre da nicht der eine oder andere Mülltonnenmoment, "Return Of The Prodigal Sunn" wäre als richtig gutes Debüt zu bezeichnen, und selbst so kann man wesentlich schlimmere Entscheidungen als dieses Album treffen.

6.2 / 10

Ruff Ryders - Ryde Or Die Vol. 2


Release Date:
04. Juli 2000

Label:
Ruff Ryders / Interscope Records

Tracklist:
01. WW III (Feat. Snoop Dogg, Yung Wun, Scarface & Jadakiss)
02. 2 Tears In A Bucket (Feat. Sheek Louch, Redman & Method Man)
03. Got It All (Feat. Eve & Jadakiss)
04. Ryde Or Die Boyz (Feat. Larsiny & Yung Wun)
05. It's A Holiday (Skit)
06. Holiday (Feat. Styles P)
07. Weed, Hoes, Dough (Feat. Drag-On)
08. Fuck Da Haters (Skit)
09. Fright Night (Feat. Swizz Beatz & Busta Rhymes)
10. My Name Is Kiss (Feat. Jadakiss)
11. Twisted Heat (Feat. Twista & Drag-On)
12. Go Head (Feat. The LOX)
13. I'm A H-O-E (Skit)
14. Stomp (Feat. Yung Wun & Trick Daddy)
15. The Great (Feat. DMX)
16. It's Going Down (Feat. Parlé)

Review:
Um die Jahrtausendwende sind die Ruff Ryders ein klassisches Trend-Phänomen und dank Aushängeschildern wie DMX, Eve oder Swizz Beatz schwer angesagt. Und da sich solche Trends binnen äußerst kurzer Zeit als schnell erschöpfte Strohfeuer herausstellen können, kann es nur im Sinne der Jungs bei RR Entertainment sein, die eigene Marke schnell weiter zu etablieren und fest im HipHop-Firnament zu verankern. Also werden gut ein Jahr nach der Debüt-Compilation wieder alle Ryder zusammengetrommelt, um zusammen mit einem Allstar-Lineup zu demonstrieren, wer gerade angesagt ist - der konsequente Name für diese Fortsetzung kann nur "Ryde Or Die Vol. 2" sein.


WRITTEN FOR Rap4Fame

An Struktur und Aufbau der Scheibe hat sich im Vergleich zum Vorgänger wenig geändert, lediglich die Gästeliste führt einige neue Namen - so holt man in Form von Yung Wun einen hungrigen Jungspund ins Team, der es für Atlanta unten hält, Larsiny (u.a. mit Grünschnabel Cassidy) treten erstmals auf, während wieder eine gute Portion namhafter externer Gäste ihren Weg aufs Album gefunden hat. Erstaunlicherweise scheint Swizz Beatz in seine Producer-Fähigkeiten kein durchgehendes Vertrauen mehr gehabt zu haben, oder natürlich er will neue Producer vorstellen, in jedem Fall bekommen Mahogany, TJ Beatz und P. Killer die Chance, sich zu beweisen. Zusammengefasst ändert das allerdings wenig an der RR-Einstellung: die dicke Hose auspacken und in feinster HipHop-Manier den Proleten mit Street-Cred markieren. Die Beats kennen praktisch nur eine Richtung, nach vorne, auf den meisten Tracks regieren dabei auch die wummernd unterlegten Synthies, die man meist Swizz direkt zuschreiben würde. Beim füllig einrollenden Opener "WW III" ist das auch der Fall: Swizz schlägt wieder die Brücke zwischen Gangster-Attitüde und seinem eigenen Trademark-Sound, was ihm das Viergespann am Mic dankt: Vor allem die beiden Südstaatler nehmen das Instrumental gepflegt auseinander, die Verpflichtung eines Schwergewichts wie Scarface zahlt sich in diesem Fall definitiv aus. Das will nicht heißen, dass die RR-Bank selbst nichts zu bieten hat, denn wenngleich sich die kommerzielle Speerspitze um DMX und Eve auf der Compilation vorwiegend durch Abwesenheit auszeichnet, sind es Styles, Jada und Sheek, die sich als tragende Kraft am Mic erweisen und mit Beteiligung an fast der Hälfte aller Tracks dafür sorgen, dass man sich bei der Scheibe halbwegs wie bei den Ruff Ryders fühlt. Beizeiten mag man das nämlich vergessen, etwa wenn Yung Wun (dessen Hingabe zur Rolle des raustimmigen Neulings Respekt verdient) und ein im Halbschlaf ans Mic taumelnder Trick Daddy durch das wortwörtlich stampfende (aber wenig berauschende) "Stomp" reiten. Anstrengend bis unerträglich wird es im Möchtegern-Party-Banger "Fright Night", an dem gar nichts stimmt: schreiender Busta, ein Swizz, der das Mic in Ruhe lassen sollte und eine uninspirierte Synthie-Karosse. Auch an der Unnötigkeit von Parlé hat sich nichts geändert. Also wieder zurück zu dem, weswegen man die Ruff Ryders eigentlich konsultiert: "2 Tears In A Bucket" ist ein angemessener Representer mit angebrachten Gästen, "Go Head" ein überraschend ruhiger Kopfnicker und "The Great" ein starkes Stück DMX, bei dem erfolgreich auf wildes Gebell verzichtet wird. Selbst Jada's soft bezuckertes "My Name Is Kiss" ("We can do this the mob way and kiss you on both cheeks / Or do it the hard way and shoot through your gold teeth") funktioniert irgendwie. "Got It All" ist als solide Kopie von "What You Want" zwar nicht Eve's Bestleistung, aber gut hörbar, während Drag-On in seinem Solo-Cut entgegen des grauenhaften Titels überzeugt und zeigt, dass er durchaus rappen kann. Als kleines Ärgernis finden sich drei Skits auf der LP, die ähnlich sinnlos wie die auf "Ryde Or Die Vol. 1" ausfallen. Im weiteren Aufgebot wird der Hörer noch ein schwächelndes "Holiday" sowie die Speed-Rap-Nummer "Twisted Heat" (im typischen Swizz-Gewand) finden.


Das eigentlich Enttäuschende am zweiten Zusammentreffen der RR-Posse ist die Tatsache, dass es noch ein gutes Stück besser hätte werden können, denn nicht wenige Tracks zeigen, dass all die Werte, für welche die Ruff Ryders eintreten (man mag sie gutheißen oder auch nicht), noch bestens präsent sind: dicke Beats, stark ausgeprägte Egos und Raps, die den Punchline-versierten Street-Thug, der ordentlich was im Sparschwein hat, portraitieren - das mag zwar weiterhin der Nährboden sein, in dem sich der partielle Verfall der Szene entwickelte, doch es ist gut gemacht. Allerdings sind es unnötige Skits, einige falsch gewählte Gäste und der teils ungünstig konzipierte Album- und Track-Aufbau, der die guten Ansätze zu einer Compilation verdammt, in der sich Volltreffer neben Tracks finden, für die man lediglich ein Schulterzucken übrig hat. Jedoch ist "Ryde Or Die Vol. 2" trotzdem mindestens auf Augenhöhe mit seinem Vorgänger und für den RR-Fan allemal kaufenswert.

5.9 / 10

Mad Mic vs Tyler Tolerance & Calibuz Wax - Living Legends


Release Date:
27. Juni 2011

Label:
Prosa Nostra

Tracklist:
01. Intro
02. Living Legends (Feat. Mr Cheeks & B.O.B.)
03. The word (Feat. Nine)
04. Gettin' It Right (Feat. Geechi Suede)
05. Never Stop (Feat. Krumb Snatcha)
06. The Cypher (Feat. Lord Tariq)
07. Crazy World (Feat. Tame One of Artifacts & Texuz)
08. Take A Look (Feat. A.G. of D.I.T.C.)
09. Fast Cars 2 (Feat. Group Home)
10. These Lines (Feat. Thirstin Howl III)
11. BK 2 FFM (Feat. Smoothe Da Hustler & Texuz)
12. No Good (Feat. Sabac Red)
13. My Squad (Feat. Sadat X)
14. Heartbeat (Feat. Blaq Poet)
15. Claim They Real (Feat. Louieville Sluggah)
16. Warfare (Feat. Triple Seis, Ambush, Mike The Martyr & Deuceman)
17. Rap Fanatics (feat. Absolute)
18. All Eyes On Me (Feat. Edo. G)
19. Live Life (Feat. Do It All)
20. Outro

Review:
Ein solches Album wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen, doch die HipHop-Globalisierung sowie die Veränderung des Genres macht so einiges möglich. Die Kernfiguren dieses Projekts sind zwei Herren aus Frankfurt: Mad Mic vs Tyler Tolerance und Calibuz Wax, beide schon ein paar Jährchen im Geschäft unterwegs, zumeist allerdings eher im Untergrund. Seit 2002 operiert man auf Prosa Nostra, dem zusammen mit Gleichgesinnten gegründeten eigenen Label, Mad Mic etwa kann schon auf zwei Mixtapes zurückblicken und Calibuz' Crew-Mitgliedschaften reichen bis in die Neunziger zurück. Irgendwann entschied man sich dann wohl dazu, einen offiziellen Markstein in der eigenen Diskographie zu setzen und schließt sich für "Living Legends" zusammen, das nicht irgendein Album ist, sondern sich eine ganze Wagenladung US-Veteranen zusammenfeaturt.

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Als vorwiegend dem englischsprachigen Rap verschriebener Hörer ist die erste Frage natürlich, wer Prosa Nostra sind und wen sie für ihr Projekt zusammengekratzt haben - zumindest zweitere Frage können Mad Mic und Calibuz schlagkräftig beantworten, denn bei dieser Liste, die praktisch ausschließlich von Ostküstenfürsten der Mitt- und Spätneunziger geziert wird, sollten alle, welche die Alben ebenjener Herren wertschätzen, hellhörig werden. Bei wem beim Schlagwort der groß angelegten deutsch-amerikanischen Kollabos nun die Glöckchen klingeln, für den sollte spezifiziert werden, denn Mad Mic und Calibuz Wax sind nicht die Snowgoons, J.R. & PH7 oder die Hitfarmers, sie sind selbst Emcees und beanspruchen trotz der vielen Gäste den Löwenanteil der Zeit am Mic für sich - schließlich gilt es sich zwischen all den Veteranen zu profilieren und die automatisch aufkommende Aufgabe der Vereinigung deutscher und englischer Raps zu meistern. Ihre Beats wiederum beziehen die beiden von einer Palette unbekannter Beatbastler, beispielsweise Zeitlows, Romeo, Fresh Cash, Big Broz oder French Kick. Dass es für die Jungs ein Heidenspaß gewesen sein muss, mit ihren offensichtlichen Idolen zusammenzuarbeiten (man achte auf das Cover, mit dem sich die Gästeliste anhand des herumliegenden Vinyls rekonstruieren lässt), scheint klar, doch an dieser Stelle interessiert natürlich auch, ob hinter "Living Legends" ein tieferes Konzept steckt, als so viele Schwergewichte wie möglich einzusammeln. Die Musik gibt leider keine Antwort auf diese Frage. Das nächste Problem offenbart schon der Pressetext, der das Sound-Feld von "zeitgemäßen Synthie-Bangern bis zu klassischen BoomBap-Tracks" absteckt. Damit hat die LP von Anfang an mit einigen Problemen zu kämpfen, doch es geht weiter: Ganz unerwarteterweise klingen einige dieser lebenden Legenden im Jahr 2011 doch etwas eingerostet, allen voran Smoothe, der in der matschigen Synthie-Untat "BK 2 FFM" nicht weiß, was er mit sich selbst anfangen soll, während sich Mad Mic gleich mit der ersten Line ("Du bist wie ein arbeitsloser Lehrer, dir fehlt einfach die Klasse") ins Abseits stellt. Von Symbiose der beiden Welten ist ebenfalls nicht viel zu hören - ein paar Querverweise Richtung der Vermächtnisse der Gäste lassen sich zwar fast durchwegs finden, doch nicht selten wirken die Amis wie Fremdkörper auf den Tracks - bestes Beispiel ist Blaq Poet, der mit einem unwahrscheinlich berechenbaren Part langweilt. Dass Calibuz hin und wieder in durchaus mit Akzent behaftetes Englisch wechselt, macht die Sache nicht viel besser. Zusätzlich zum zerhackten Sound-Bild ist auch keine lyrische Marschrichtung gegeben, der Bodensatz sind Representer- und Battle-Phrasen, hinzu kommen einige Ausreißer wie das gänzlich unspektakulär produzierte "Crazy World", für das man von Tame One zumindest eine Hook abgreifen konnte. Darüber hinaus muten Mad Mic und Calibuz dem Hörer noch einen saftigen Fehlgriff zu: "Claim They Real" wirft wieder die Synthie-Maschine für 08/15-Realness-Gelaber an, "My Squad" stellt sich da schon besser an, ringt Sadat aber eine schnell anstrengende Hook ab. Dazu kommt weiteres Mittelmaß in Form von "Never Stop" und "Fast Cars 2", was die Lichtblicke rar werden lässt: "Gettin' It Right" als Party-Track und "Rap Fanatics" (mit witziger Referenz an Starang Wondah) mit dramatischem Voice-Sample sind nicht perfekt, setzen sich aber gekonnt vom Durchschnitt ab, und dann gibt es auch noch Momente, wo die Fusion wunderbar funktioniert: Der Titel-Track knüpft über nettes Klavierspiel Mr Cheeks nahtlos zwischen Mad Mic und Calibuz, Sabac Red bekommt in "No Good" ein feines und vor allem passendes Instrumental ab, das auch die Gastgeber wunderbar aufgreift. Eingerahmt wird die Scheibe übrigens von Intro und Outro, die sich in Überflüssigkeit gegenseitig überbieten.

Summieren wir also auf: Der Hingucker dieser Scheibe sind die Gäste, die aber fast durchgehend mit mittelmäßigen Auftritten ernüchtern - überrascht sollte man bei einigen der Herren nicht sein, versäumten sie es doch schon bei ihren eigenen jüngeren Soloprojekten, Akzente zu setzen. Die Gastgeber geben sich sichtlich Mühe, vom Hocker reißt einen das Gehörte allerdings zu keiner Sekunde. Da das Konzept der Scheibe anscheinend in erster Linie auf der Aneinanderreihung besagter Veteranen beruht, fehlt anderweitige Kohärenz, was "Living Legends" schon fast Compilation-Charakter anheftet, der durch bunte Produktion noch unterstrichen wird. Bei der Wahl der Instrumentals hätte man ebenfalls vieles besser machen können, selten kommen Gast, Gastgeber und Beat auf einen Nenner. Den meisten Spaß an "Living Legends" hatten wohl Calibuz Wax und Mad Mic selbst, denn um eine aufgrund der Gästeliste vervielfachte potentielle Hörerschaft zu überzeugen bedarf es mehr als ebenjener Gästeliste in einem halbgaren Eintopf. Schließlich zeigen die Frankfurter auf einigen Tracks, dass dieses Projekt besser hätte sein können.

4.1 / 10

V/A - Boomshell Presents: The Premix


Release Date:
20. Mai 2011

Label:
Boomshell Records

Tracklist:
01. Two Gunz Blazin (Feat. Inspectah Deck & Timbo King)
02. Go Ahead (Feat. Outerspace & Gaza Smith)
03. Murda On The Daily (Feat. AZ & Cormega)
04. Geeez
05. Static (Feat. Shiz & Gaza Smith)
06. Illadelph Mindstate (Feat. Rasul Allah)
07. Solar Powered Emcees (Feat. Killah Priest, Hell Razah, Cosmic Crusader & Richard Raw)
08. Horns
09. Drums Of War (Feat. Gaza Smith)
10. Damaged
11. Stellar Gravity (Feat. R-Son)
12. Stone Cold (Feat. The Gift Of Gab & Brian Williams)
13. All I Had (Feat. Tamaro)
14. Control
15. Let It Reign On 'Em (Feat. Reef The Lost Cauze)
16. The Highest (Feat. Junior Reid & Wise Intelligent)
17. Blueberry Remix
18. Lights Out (Feat. Cosmic Crusader)

Review:
Es gibt selbst im heutigen Informationszeitalter noch Alben, die plötzlich vor der Tür stehen, wie etwa dieses hier, das auf den ersten Blick zunächst wie eine gänzlich lose Compilation aussieht, was natürlich daran liegt, das man mit dem Namen Boomshell Records nichts verbindet. Das Label ist in Philadelphia beheimatet und in erster Linie mit dem Namen Latch-Key Kidz zu identifizieren, mehr einer Gruppierung als einer Gruppe, die JC und Ahmad als ihr Rückgrat benennen kann und Gaza Smith als den primären Emcee. Irgendwo um die Jahre 2005/ 2006 beginnt man mit ersten Aufnahmen, schließt sich mit lokalen Acts kurz und profitiert vor allem von einer Show von Inspectah Deck in Philly, bei der man mit Deck's Manager Banger anbandelt, woraufhin das Projekt konkretere Formen annimmt. Dass "The Premix" dann erst 2011 erscheint, liegt daran, dass man (wahrscheinlich neben immer wieder vorgenommenen kleinen Änderungen) das Projekt - gleich eines guten Tropfens - noch etwas altern lassen wollte.

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Der Titel "The Premix" klingt wie ein halbgares Mixtape, ist in Wirklichkeit aber die Folge eines Witzes, den man über Puff Daddy, den bekanntermaßen einzigen und wahren Erfinder des Remixes, riss. Dieser wurde weitergesponnen und endete schließlich in einem Podcast aus der postapokalyptischen Welt, die das Cover zeigt. Interessant wird die Compilation selbst für jene, die noch nie von Boomshell gehört haben, dadurch, dass die Latch-Key Kidz eine beachtliche Gästeliste versammeln konnten, in der sich neben einigen Philly-Größen auch interessante Gäste aus dem Big Apple einfinden. Doch seien zuerst die grundlegenden Wesenszüge der Scheibe erläutert: JC ist es, der für die komplette Produktion aufkommt und zusammen mit Ahmad als Executive fungiert. Neben Gaza Smith ist außerdem der kaum mehr anwesende Shiz mehr oder weniger als Mitglied vertreten. Damit ist alles Wichtige geklärt und man kann sich direkt der Musik widmen, die mitnichten als langweilige, zusammengewürfelte Ansammlung von Einzelteilen eingestuft und abgestempelt werden sollte. Zunächst hat JC den schönen Eastcoast-Sound, den man in Philly in letzter Zeit regelmäßiger antrifft als ich New York selbst im Gepäck - kein übertriebenes Gerammel vogelwilder Streicher-Samples, sondern schlicht gestrickte Hausmannskost in sauber angerichteter Form. Rasul Allah beispielsweise stürmt nach einer sauguten Einleitung die Bühne und referiert zu düsterem Klang-Outfit über die harten Straßen Illadelphs. Das hilft dem Overall-Gefühl jedoch noch herzlich wenig, dort springt dann allerdings die Zusammmenstellung der Scheibe ein: Während die Latch-Key-Kidz-Rapper selbst nur sporadisch auftauchen, passt die beträchtliche Zahl Gäste doch gut zusammen, während fünf sehr saubere Instrumentals zusätzlichen Zusammenhalt gewähren. Der stärkste dieser Einschübe ist zweifelsohne "Control", das mit seiner unglaublich stimmungsaufbauenden Art auch als optimales Intro getaugt hätte, die Szenerie des Covers am ehesten trifft und zudem ins aufbrausende "Let It Reign On 'Em" überleitet, in dem Reef so stark wettert wie lange nicht mehr. R-Son (vom Philly-Duo Flight Brothers) erinnert im Streicher-Stück "Stellar Gravity" gar entfernt an Chuck D, Tamaro (ebenfalls aus Philly und über die LCOB an Bord gezogen) bekommt die nächste Packung gelungen gebündelter Streicher für "All I Had", eine weitere Episode des Straßenlebens. Für Kritik ist ebenfalls Platz, denn es passt nicht alles zusammen: Gift Of Gab ist in "Stone Cold" schon von grundauf der Exot, passt dann (wenig überraschend) auch nicht ins Bild, selbiges gilt für Wise Intelligent und Junior Reid, die sich in "The Highest" darüber hinaus auch nicht mit Ruhm bekleckern. Abgesehen davon gibt es wenig zu meckern, alle Songs halten ein gewisses Grundniveau und passen zueinander, wobei JC es sich nicht nehmen lässt, in "Solar Powered Emcees" ein Stück auf seine Gäste zuzugehen, um so dem dicken Lineup gerecht zu werden. Auf die Gäste zugegangen wird auch in "Murda On The Daily", dem überraschendsten und besten Song der Platte, der wie ein QB-Cut von vor zehn Jahren klingt (aber aus dem Jahr 2010 stammt) und das Duo AZ und Mega ("The situation is real / In jail you get mail, at home you get bills") in entsprechend guter Form auflaufen lässt. "Two Gunz Blazin'" zeigt Deck zwar nicht in derselben Topform, ist aber aufgrund der Wichtigkeit der Bekanntschaft mit Deck an erster Stelle gerechtfertigt und weckt in jedem Fall (da Timbo den Hörer nicht hängen lässt) Interesse.

Boomshell Records sind nicht die ersten, die dieses gemischte Konzept einer Compilation, die gleichzeitig den eigenen Namen und die eigenen Künstler vorstellt sowie illustre Genre-Größen zur Sicherung von Aufmerksamkeit listet, ins Rennen schicken. Zumeist ist solchen Projekten dann außerdem mäßiger Erfolg beschieden. Doch wenn man wie im Fall "The Premix" mit durchwegs gutem HipHop der schnörkellos guten ostküstlichen Machart versorgt wird, darf man getrost einsteigen, zumal es JC und Kollegen ganz sicherlich nicht um den eigenen Ruhm geht - zu spärlich ist dafür die öffentliche Inszenierung, eine Erklärung, mit wem man es denn genau zu tun hat, ist dem Hörer ebenfalls nicht vergönnt. Der bedarf es natürlich nicht, um festzustellen, dass "The Premix" eine schlichtweg gelungene Compilation ist, die das verspricht, was die Gästeliste erhoffen lässt.

6.8 / 10

Blu & Exile - Below The Heavens


Release Date:
17. Juli 2007

Label:
Sound In Color

Tracklist:
01. My World Is..
02. The Narrow Path
03. So(ul) Amazin' (Steel Blazin')
04. Juicen' Dranks (Feat. Ta'Raach)
05. In Remembrance Of Me
06. Blu Colla Workers
07. Dancing In The Rain
08. First Things First (Feat. Miguel Jontel)
09. No Greater Love
10. Show Me The Good Life (Feat. Aloe Blacc & Joseph)
11. Simply Amazin'
12. Cold Hearted (Feat. Miguel Jontel)
13. The World Is (Below The Heavens..)
14. You Are Now In The Clouds With (The Koochie Monstas)
15. I Am Blu
16. (Silence)
17. Bonus Instrumental

Review:
Kaum zu glauben, doch noch vor vier Jahren war Blu ein ganz kleiner Fisch, der seine Hörerschaft erpicht darauf hinweisen musste, dass sich sein Name ohne "e" am Ende schreibt. Eine EP namens "Lifted" ist (neben einigen Gastauftritten) praktisch das einzige, was der Mann aus L.A. zu jener Zeit auf dem Kerbholz hat. Exile auf der anderen Seite ist fester Bestandteil der westküstlichen Backpacker-Szene, konnte sich seine Sporen unter anderem schon als Producer hinter Emanon verdienen und kann sogar schon auf ein 2006 veröffentlichtes eigenes Album zurückblicken. Auf dem arbeiten Blu und Exile auch schon zusammen, was letztlich (neben einem von Blu begeisterten Label) zum 2007 erscheinenden "Below The Heavens" führt, da man sich schnell und gut versteht.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Spätestens als einige Zeit nach Release der Platte die halbe Szene davon schwärmte, war es Zeit, sich mit "Below The Heavens", das auf dem kleinen Sound In Color erschienen ist (weswegen der große Erfolg noch mehr verwundert), zu befassen. Der Zusammenschluss zum klassischen MC-DJ-Gespann ruft schnell Assoziationen mit den Großen hervor, was Blu nicht zuletzt selbst anfächert ("The new Pete and CL is Exile and BL"), doch Sorgen, dass man es hier nur mit einem Plagiat zu tun hat, sind gänzlich unbegründet, denn dieses Duo greift an mehreren Fronten mit frischem Wind an: Da wäre einmal Naturtalent Blu selbst, dem man ab der ersten Sekunde anhört, dass ihm das Emceeing im Blut liegt. Mit einer markanten Stimme und einem lässigen Style lädt er die Hörerschaft zu diesem sehr persönlichen Album und hat die seltene Gabe, all die Anliegen und Dinge, die im Leben des 24-Jährigen vorgehen, ansprechend zu verpacken. Und mit solchen Geschichten ist der Großteil des Albums gefüllt, was sich als sehr positive Eigenschaft herausstellt, denn anhören kann man sich das, was Blu zu sagen hat, wieder und wieder, so beispielsweise auch "Show Me The Good Life", in dem sich Blu übers Vatersein Gedanken macht:

"I got a call from my girl last week, she telling me about that time of the month and how it may not come
Dropped the phone right before she said I might have a son
And I started asking God how come, I got dreams I ain't reached yet, ends that ain't meet yet
When it comes to being a man, shit I'm barely getting my feet wet
Trying to hit reset knee deep in debt, trying to figure out how to feed a mouth that ain’t got teeth yet
How the hell am I gonna show a child to be a man, when I'm twenty-two without a clue on how to take a stand?
"

 
Das alles würde natürlich ohne eine üppige instrumentale Untermalung nicht funktionieren, und genau dort kommt Exile mit einem der freshsten Soundteppiche des Jahres ins Spiel. Das Fundament ist das einer herkömmlichen Westcoast-Backpacker-Platte, doch Exile hat ein erstaunliches Geschick beim Finden, Auswählen und Verarbeiten seiner Samples und schlägt hier einen Weg ein, den man von Emanon (oder auch von "Dirty Science") in dieser Stärke nicht kennt: Es ist immer genug Saft im Beat, um die Nackenmuskeln zu fordern, trotzdem trieft die LP vor Soul, entspannten Voice-Samples und guter Laune. Das belegt schon "My World Is.." als perfekte Kombination aus Raps, Streichern und Voice-Sample (Erinnerungen an die Smut Peddlers werden wach), mit dem Blu geradezu zu tanzen scheint. Der Sommer-Track schlechthin ist "So(ul) Amazin'" (vielleicht die jahresbeste Fusion aus deftiger Snare und Streichern, die mit jeder Sekunde Sonnenschein durch die Boxen schicken), nicht minder stark ist "Blu Collar Workers", das das Portrait eines abgebrannten, hart arbeitenden MCs präsentiert, der seine Mühen damit hat, Zeit für Dinge wie eine Beziehung zu finden. Des Weiteren singt Blu den Refrain selbst und demonstriert dabei, dass er diese Kunst, bei der sich schon so viele Rapper lächerlich gemacht haben, erstaunlich gut beherrscht und sie vor allem gut einzusetzen weiß. Das gilt natürlich auch, wenn Miguel Jontel für "Cold Hearted", in dem Blu über ein weiteres meisterhaftes Voice-Sample von Exile einen Blick in seine Kindheit unternimmt, vorbeischaut. Ähnlich geht es zu, wenn "In Rememberance Of Me" sich wundert, wie schnell die Zeit vergeht, während "Simply Amazin'" Gedanken über Blu's Ist- und Sollzustand zusammenfasst ("Fuck that, we goin' platinum plus, and still ridin' on the back of the bus") und "Dancing In The Rain" mit famoser Akustikgitarre unvermeidbare Downphasen verarbeitet. Kritikpunkte zu finden fällt schwer, mit "Juicen' Dranks" bietet sich zumindest ein Aussetzer an, während auch "No Greater Love" das Niveau der restlichen Songs nicht ganz hält. Gegen Ende jedenfalls wartet wieder Sahne-Material in Form von "The World Is" und "You Are Now In The Clouds With", und wer dann noch nicht genug hat, dem bietet die CD noch ein ungelistetes "I Am Blu" sowie ein leckeres Bonus-Instrumental.

Nach diesem Album etablierte sich ein unglaublicher Blu-Hype, für den bisher noch kein Ende abzusehen ist. Ausnahmsweise darf in diesem Fall attestiert werden: zu Recht. Wie sehr sich das zuvor praktisch unbeschriebene Blatt Blu mit dieser Scheibe profilieren kann, wie sehr dieses Debüt durch die Bank weg Hörer begeistert, sucht in den letzten Jahren seinesgleichen. Zu danken hat Blu seiner unglaublich sympathischen Art, die seine persönlichen Geschichten erst so richtig hörenswert macht, und natürlich Exile, dem Meister hinter den Kulissen, der einen außergewöhnlichen Beat-Katalog zusammenstellt. "Below The Heavens" ist dabei keineswegs perfekt, macht dafür aber unglaublich viel Spaß und wird HipHop-Liebhaber auch noch in vielen Jahren durch sonnige Sommertage begleiten.

8.4 / 10