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Dienstag, 26. Februar 2013

Typical Cats - 3


Release Date:
25. September 2012

Label:
Galapagos4 Records

Tracklist:
01. Intro (Cry No More)
02. The Crown
03. My Watch
04. Changing Room
05. Puzzling Thing
06. Better Luck
07. Drop It Like It's Hotline
08. Denizen Walks Away
09. The Bitter Cold
10. It's The Bomb!
11. On My Square
12. Blank Stone
13. Scientists Of Sound
14. Mathematics
15. Gil Say They Don't Knock
16. Bowl Of Tea
17. Reflections From The Porch
18. The Gordeon Knock
19. TC Back For More
20. Full Clip (For The Last Day)

Review:
Wenn man in Betracht zieht, wie es die Typical Cats nach ihrem Zweitling im Jahre 2004 auseinandergezogen hat, war es alles andere wahrscheinlich, dass je ein weiteres Album der viel gepriesenen Truppe aus Chicago erscheinen würde: Qwa zieht nach Cali, wohnt zeitweise halb in Deutschland und wendet sich mit Silence dem Dirty-Digital-, dann mit Batsauce einem weiteren Kollabo-Projekt zu; Qwel releast seine Four Seasons sowie zahlreiche weitere Alben (u.a. mit Jackson Jones), wird das Zugpferd von Galapagos4 und gibt sich dem Studium der Mathematik hin (zahlentheoretische Facebook-Konversationen sind eine Folge); Kane jobbt sich durchs Leben und Natural zieht nach Brooklyn, wo er eine geraume Zeit das Produzieren komplett hinter sich lässt. Doch irgendwann juckt es ihn wieder in den Fingern, was als Funke ausreicht, um die Typical Cats als Gruppe wieder auflodern zu lassen. Das Ergebnis ist "3" und erscheint - wo auch sonst - auf G4.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 In den acht Jahren hat sich nicht nur in der Szene viel getan, sondern auch für die TC und ihre musikalischen Ausrichtungen. Von jungen Heißspornen kann inzwischen auch nicht mehr die Rede sein, mit einer Familie im Rücken agiert man nunmal anders. Der Liebe an der Musik hat das jedoch keinen Abbruch getan, dies zu beweisen bedarf es dieses Albums gar nicht. Wohl aber wird das Album zeigen, ob und wie die drei Emcees noch zusammen funktionieren und wie sich der Sound von DJ Natural entwickelt hat. Mit einem neuen Schwung an Motivation und den Platten, die das stille fünfte Mitglied, Kid Knish, ihm als Sample-Material in die Hände legt, sollte jedenfalls nichts erzwungen klingen. Andererseits war Natural noch nie der beste bzw. kreativste Produzent, vielmehr derjenige, der TC mit den simplen True-Schooler-Instrumentals versorgte, die den drei Emcees genügten, um in die Vollen zu gehen. So verhält es sich großteils auch wieder auf "3", wobei die satten Drumlines und die kraftvoll umgesetzten Samples in der Tat frisch wirken und oft alleine bestehen können - wozu sie auch tunlichst in der Lage sein sollten, denn die hohe Trackzahl ergibt sich durch viele kleine Interludes, die meistens Instrumental-Fetzen sind. Das Album in dieser Form in die Länge zu ziehen ist trotzdem nicht die beste Idee, ist es doch schon in seiner typischen TC-Form nicht die kohärenteste Angelegenheit. Denn auch auf "3" ist die Zahl der Tracks, auf denen Qwa, Qwel und Kane zu dritt antreten, begrenzt und mit einigen Solostücken versetzt. Diesen Vielfältigkeitsbonus auf diese Weise an den Rand eines Flickenteppichs zu drängen ist umso gefährlicher, als zwischen den drei Herren am Mic nicht mehr alles so gut zusammenspielt wie einst, was einer Person geschuldet ist: Denizen Kane. Der stellt sich ohnehin als Scharfrichter der Platte heraus. Wo im eröffnenden "The Crown" noch ein erfrischend gerapptes Hin und Her zwischen den dreien herrscht und vor allem Qwel wieder gehörig losdonnert, folgen schon bald einige Ärgernisse: Irgendwo zwischen den Spoken-Word-Ambitionen, die schon dem orangenen Debüt miserabel zu Gesicht standen, und nervtötend krächzendem Gesang nisten sich Songs wie "Blank Stone" ein und bieten zu allem Überfluss noch die aufdringlich nach außen gekehrte kontemplative Seite von Kane. So ruiniert sein Vers auch das anderweitig genießbare "Gordeon Knock" sowie "Puzzling Thing", in dem Qwa und Qwel anderweitig bestens harmonieren. Die zwei geben sich erwartungsgemäß keine Blöße, Qwel lässt seine anspruchsvollsten Zeilen zumeist daheim und glänzt dafür mit seinen Rap-Fertigkeiten (genannt sei sein großes Solo "The Bitter Cold", das als sarkastischer Gedankenfaden auch auf eines seiner Solos gepasst hätte), Qwa flowt in seiner typischen Symbiose mit dem Beat, lockert das Album mit breitem Themenreichtum auf und bringt seine Solos ("Better Luck", "Reflections From The Porch") sicher nach Hause. Sternstunden der LP sind "My Watch", in dem Natural füllige Hörner eröffnen und den bärtigen Reimquell Qwel dann über nicht viel mehr als knochige Percussions brausen lässt; "On My Square" demonstriert schließlich, wie das Zusammenspiel aller drei Emcees Früchte tragen kann (doch auch hier ist Kane seinen Kollegen völlig unterlegen). "Full Clip" hinterlässt abschließend mit einer gesungenen Hook von Kane nochmals einen letzten bitteren Nachgeschmack.

Es ist ganz einfach: So, wie es hier präsentiert wird, funktioniert das Konzept der Typical Cats nicht mehr. Da sind einerseits Qwazaar und Qwel, die ebenfalls nicht mehr genau so klingen wie vor zehn Jahren, aber nach wie vor als Galleonsfiguren in Sachen Rap der Windy City gelten dürfen, und andererseits Denizen Kane, der dem Rap scheinbar den Rücken kehrt und noch wesentlich mehr als etwa auf seinem 2009er Solo straßenpredigerhafte Züge aufnimmt, die auf "3" schlichtweg fehl am Platz sind. TC-Scheiben waren nie als atmosphärisch dichte Platten angelegt, aber diesmal muss man trotz großteils sehr überzeugender Arbeit von DJ Natural, starkem Qwa, starkem Qwel und einigen echten Hochkarätern so oft vorspulen, dass das Album als Ganzes eine gute Note nicht zulässt.

5.7 / 10

Sound Survivors - feelthisundastood


Release Date:
24. August 2012

Label:
Lost Hill Music / MKZWO Records / Rapublik Records

Tracklist:
01. Proem
02. Feelthisundastood (Feat. C-Rayz Walz & Killah Priest)
03. Road Of The Dead (Feat. Tos el Bashir & Canibus)
04. Cruel World Pt. 1 (Feat. Akiladahun)
05. MCs
06. Guilty (Feat. Shogun Of Dark & Masta Killa)
07. Stylistics Interloop
08. Making History (Feat. Kurupt & BAK)
09. Sparring
10. Poor Man (Feat. Aslaam Mahdi & Nino Graye)
11. Starz (Feat. Jaecyn Bayne & Planet Asia)
12. MPC Interloop
13. Beat It
14. Cruel World Pt. 2 (Feat. Copywrite, Bronze Nazareth, Planet Asia & Chino XL)
15. iHipHop (Feat. M-Eighty & Keith Murray) (Vinyl-only Bonus Track)
16. Yours Sincerly
17. End Titles

Review:
Nach zwei ausschließlich auf Vinyl erschienenen EPs ist es so weit, das neue Album (und nach "Boom Bap Blues" erst das zweite offizielle) der Sound Survivors erfährt seine Veröffentlichung. Untätig war man in der Zwischenzeit und ist man auch jetzt nicht, denn ganz abgesehen von den oben bereits erwähnten EPs ist die multinationale, deutsch-französischsprachige Kombo auf das Knüpfen eines weltweiten Netzes von gleichgesinnten HipHop-Nerds bedacht, was besonders Producer und Engineer Tom Select quer durch die Weltgeschichte führt. Ein gutes Album garantiert das natürlich noch lange nicht, doch zumindest ist die Liste der Involvierten zu "feelthisundastood" ein erster interessanter Hingucker.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Die harten Fakten zu diesem Album umschließen beispielsweise erstklassiges Mastering von Robin Schmidt, Aufnahmen in Sutdios wie jenem von Brooklyn-Veteran PF Cuttin' oder einen Beat von Apollo Brown. Den Hauptteil der Produktion stemmt übrigens - wie es nicht anders zu erwarten war - Tom Select selbst, aber auch SnaveVsCrane ist mal wieder mit von der Partie und mit Boonie Mayfield findet sich ein Noname und Emporkömmling aus dem Mittleren Westen (Colorado Springs) in den Credits. In der Gästeliste tragen sich einige illustre Namen der US-Indie-Szene ein, die großteils auf einen Knotenpunkt zurückzuführen sind, nämlich M-Eighty, mit dem man ja schon seit längerer Zeit zusammenarbeitet und der mit seinen A&R-Tätigkeiten für diverse Alben (ursprünglich für Think Differently) inzwischen auch außerhalb der Wu-Familie bestens vernetzt ist. Daraus nicht Profit zu schlagen, wäre geradezu töricht. Als ob es eine verkehrte Sache wäre, wenn ein C-Rayz Walz mit den ersten Raps des Albums dem Hörer den Welcome-Drink reicht. Es folgen mit Marabou und 2Fast die französischen Stimmen, den Abschluss macht Killah Priest. "feelthisundastood" ist direkt der Titeltrack und meint im Übrigen, laut Tom Select, das Verstehen nicht nur auf geistiger, sondern auch auf Gefühlsebene. Für das Album selbst bedeutet es nicht viel mehr als schon bei vergangenen Projekten: Man hält alles einfarbig "real", dafür davon mit kräftigem Farbstich, es sind immer noch die "Boom Bap Blues", die aus den Boxen wummern. Bei den vier Emcees hat sich nicht viel geändert, in bedächtigem Tempo (dem sich die Beats praktisch durchwegs anpassen) wird nach wie vor die marode Szene angeprangert, die eigene Verbundenheit zum echten HipHop beteuert sowie ab und an ein wenig der tiefe Wortschatz angedeutet, mit dem schon früher sehr geizig umgegangen wurde. Ein sehr positives Paradebeispiel hierfür ist "MCs": Umrahmt von passendem Sample aus "Der große Diktator" ziehen Kick und Snare gemächlich ihre Kreise, eine Akustikgitarre induziert einen trüben Anstrich und die Wortathleten führen ihr Musikgenre durch den metaphorischen Kriegsschauplatz. In ähnlichem Anzug kommt "Poor Man" daher und besticht als Nummer über den erschöpfend harten Alltag im geistigen Erbe der Worksongs. Genau mit solch ernster Stimmung konnten die Sound Survivors schon immer punkten. Und wie schon auf früheren Werken sind es falsche Songkonzepte, fehlorientierte Produktionen sowie ausgereizte Samples, welche die Tiefpunkte ausmachen: "Cruel World" fehlt schon auf instrumentaler Ebene der Biss, da können weder Akila noch eine recht wahllos zusammengewürfelte Posse (derer es ohnehin mehr als genug gibt) nicht viel ausrichten; "iHipHop" sieht als Vinyl-Bonus interessant aus, Tom Selects Beat klingt dann aber doch eher wie eine 1-zu-1-Kopie von Apollo Browns "Desperation", das Konzept (die Ode ans Genre) ist zum Einschlafen, da austauschbar inszeniert. Apropos Apollo Brown, der steuert "Guilty" bei, über dem das Wu-Tang-Logo weht und das sich sehr gut ins Albumbild fügt (dass der abgeklärte, auf dem langsamen Instrumental bestens funktionierende MK hier die Lorbeeren abräumt, muss nicht extra erwähnt werden). Muhammad Ali leitet das langweilige "Sparring" ein, "Starz" steuert in eine zum Album-Fluss nicht parallele Richtung und das eigentlich sonnig und mit Kurupt beginnende "Making History" wird ab dem Moment unaushaltbar, ab dem BAK das Mic ergreifen - lokale Battle-Rap-Legenden hin oder her, die zwei hätte man lieber nicht eingeladen. Denn ansonsten gibt sich das Album nicht viel Blöße, sei es nun bei einem großartig minimalistischen "MPC Interloop" oder einem perfekten Outro ("End Titles").

Die Sound Survivors sind immer noch die HipHop-Fans, die wahrscheinlich mehr Freude daran hatten, persönlich mit Killah Priest zu arbeiten, als daran, ihn als Feature auf ihrem Album führen zu können. Das macht einen der Charakterzüge des Albums aus, der zwar auf dem jetzigen qualitativen Niveau fördernd wirkt, gleichzeitig aber auch einer der Gründe ist, warum "feelthisundastood" unmöglich ein herausragendes Album hat werden können: Mit diesem konventionellen BoomBap, der an keiner Stelle eine Überraschung bietet, wird man über ein gewisses Maß nicht hinaus kommen, zumal die Survivors allesamt eher der ruhige Typ am Mic sind, ohne dabei aber das bestechende Charisma eines GZA oder Masta Killa vorweisen zu können. Genug Songs dieser Platte zeigen, wie man eine ununterbrochene, ernste Grundstimmung hätte legen können, "Revolution" zeigte seinerzeit, wie man in selbige gelungen Abwechslung einzubauen vermag. Mit einem solchen Konzept könnten die Sound Survivors ihre lyrische Stärke voll ausspielen und dem Fluch des zu gewöhnlichen BoomBap-Albums entfliehen - "feelthisundastood" ist für Letzteres uneingeschränkt zu empfehlen, schrammt damit aber auch knapp an einer besseren Wertung vorbei.

5.8 / 10

Samstag, 29. Dezember 2012

Akon - Trouble


Release Date:
2003

Label:
SRC / Universal Records / Upfront Entertainment

Tracklist:
01. Locked Up
02. Trouble Nobody
03. Bananza (Belly Dancer)
04. Gangsta (Feat. Picklehead, Daddy T & Devyne)
05. Ghetto
06. Pot Of Gold
07. Show Out
08. Lonely
09. When The Time's Right
10. Journey
11. Don't Let Up
12. Easy Road
13. Locked Up (Remix) (Feat. Styles P)

Review:
Wenn man heutzutage einen sich durch die Pop- und Pop-Rap-Welt featurnden Akon sieht, dann darf man nicht vergessen, wie es für den Mann mit senegalesischen Wurzeln anfing: Geboren in St. Louis, ist sein Vater ein erstklassiger Djembé-Spieler im Senegal, wo Akon einen Teil seiner Kindheit verbringt (nach der High-School bleibt er schließlich), dann aber mit Familie nach New Jersey zieht. In einem Friseursalon in Newark arbeitend, lernt er Wyclef Jean kennen, hängt mit dem Refugee Camp ab, singt auf "The Score" und bekommt sogar einen Deal bei Elektra, der '96 zur Single "Operations Of Nature" führt. Doch die floppt und Akon wird vom Label gestrichen. Frustriert von der Musikwelt beginnt das, was er in späteren Interviews als seine Verbrecher-Karriere (als berüchtigter Autoknacker) vermarktet. Zu diesem Zeitpunkt leben seine Eltern schon in Atlanta, Akon folgt ihnen aufgrund eines Basketball-Stipendiums, das er aber schnell verliert. Zwischen 1999 und 2002 soll er dann seine berüchtigte Gefängnisstrafe wegen diverser Delikte verbüßt haben - in Wirklichkeit sind es fünf Monate, da Akon in Atlanta gegen seine Bewährungsauflagen aus Jersey verstößt. In jedem Fall bandelt er mit Devyne Stevens an, arbeitet zuerst mit dessen Upfront Ent. und zieht dann weiter zu SRC, wo es schließlich zum Debüt "Trouble" kommt.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Mit einer Kofferraumladung voll mit Street-Cred und dem Vorstrafenregister bekommt Akon also doch noch seinen Major-Deal (SRCs Knobody sieht in ihm großes Potential) und schickt sich an, der Welt ein Album mit einem interessanten Mix aus HipHop, R&B und seinen ethnischen Wurzeln vorzusetzen. Und an dieser Stelle muss man vielleicht noch ein paar Worte zur Geschichte des Erfolgs verlieren, denn der tritt nicht instantan ein - "Trouble" erhält bei der ursprünglichen Veröffentlichung 2003 zuerst gar keine Aufmerksamkeit. Die erste Single bedient der HipHop-Teil der Kundschaft (was Knobodys Plan, erst die "Realness"-Punkte auszuschöpfen und dann den Mainstream zu kapern, zuzuschreiben ist) und schlägt erst im Remix mit Styles P an, bis dann die zweite Single sogar die Klingelton-Charts stürmt (was 2004 zum Re-Release des Albums führt). Doch schön der Reihe nach. Besagte erste Single ist "Locked Up", die Akon selbst produziert und arrangiert, was auch fast für den gesamten Rest der LP gilt. Thematisiert wird seine imaginäre dreijährige Haftstrafe (mit dem vollen Programm, u.a. dem Verlangen, Familie und Freunde wiederzusehen), doch ganz ungeachtet des Realitätsbezugs ist der Song ein voller Erfolg: Ein sachter Klavier-Loop macht das Herz des Songs aus und reicht Streichern, einer zufallenden Zellentür sowie einer astreinen HipHop-Drumline die Hand, während ein gepeinigter Akon "They won't let me out" singt. Im Remix mit Styles P (Mit einem genialen Promo-Move wurde für jedes Land ein lokaler Rapper für einen weiteren Remix geladen, beispielsweise Azad oder Booba) macht die Geschichte mit kräftigen Rhymes noch mehr Spaß. Den Großteil des Albums bestreitet Akon allerdings alleine, was zwar löblich ist, aber nicht optimal, da er sich außerdem dazu entscheidet, seine Rap-Skills zu selten auszupacken und stattdessen entweder komplett zu singen oder mit Singsang zu operieren. Da er eine markante Stimme und ein nicht zu austauschbares Auftreten hat, ist das nicht weiter schlimm, mehr Raps hätten zu den HipHop-Beats allerdings eine gesunde Ergänzung gegeben. Abgesehen davon ist die Zusammenstellung der Songs nicht weiter aufregend: "Bananza" (mit starken Percussions) und "Show Out" sind die obligatorischen Party-Tracks für die Tanzfläche und machen ihren Job sehr ordentlich, "Pot Of Gold" dagegen ist schmerzhaft butterweiches Gesülze mit inhaltlichem Mutmacher-Durchfall. Ähnlich misslungen ist "Easy Road" und auch "When The Time's Right" (der Akon-reißt-die-heißeste-Dame-im-Club-auf-Track) hat trotz flotter Raps und soliden Refrains eine geringe Halbwertszeit. Ansonsten schlägt sich der Schwerverbrecher aber überraschend gut: "Lonely" nutzt ein Bobby-Vinton-Sample und pitcht dieses so aberwitzig, dass man dem soften Herzschmerz-Song kaum böse sein kann, zumal Akons Gesang hier bestens passt. Eine direkte Fortsetzung findet sich im weniger eingängigen "Don't Let Up". Auffällig ist die immer gute Produktion, auch "Trouble Nobody" überzeugt in dieser Hinsicht, während Akon mit der Hook wieder ins Schwarze trifft und über die Mühen eines Ex-Knackis im normalen Leben berichtet. Das etwas zu standardmäßig aufgebaute "Gangsta" bringt mit seinen Gästen die nötige Abwechslung ins Spiel (hier wären Raps von Akon am sinnvollsten gewesen), "Ghetto" besticht mit glänzender Sample-Arbeit von Meister Pete Rock, der die tänzelnden Geigen mit melancholischem Gesang verschmilzt und so die Grundlage für ein Highlight legt, in dem natürlich das harte Ghetto-Leben betrauert wird.

Ein Klassiker war selbstverständlicherweise nicht zu erwarten, doch wenn man die Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und Einflüsse von "Trouble" betrachtet, ist es doch eine große Überraschung, wie wacker Akon sich schlägt. Abseits der routinierten Fließband-Gastauftritte, die er später abwickelt, steckt in diesem Album nicht nur sein stimmliches Herzblut: Vor allem die Produktionen sind souverän und begehen nicht den Fehler, mit Pusteblumenkonsistenz sofort in Schall und Rauch zu zergehen, sondern sind zumeist tiefer im HipHop verankert als erwartet. Dazu addieren sich Akons Händchen für eingängige Hooks und eine gute Stimme, was die Nummer der Aussetzer starkt dezimiert und "Trouble" zu einer Angelegenheit macht, die man sich - wenn man denn auf der Suche nach einem derartigen Hybridenalbum ist - problemlos anhören kann.

5.6 / 10

Sonntag, 26. August 2012

Torae - For The Record


Release Date:
01. November 2011
Label:
Internal Affairs Entertainment / Fat Beats Records
Tracklist:
01. Intro
02. Alive (Feat. Wes)
03. You Ready?
04. What It Sound Like (Feat. Pav Bundy)
05. Shakedown
06. That Raw
07. Do The Math
08. Changes
09. Over You (Feat. Wes)
10. Imagine
11. Only Way (Interlude)
12. For The Record
13. Thank You
14. Reflection
15. Panorama (Feat. MeLa Machinko)

Review:
Zig Jahre hat es gedauert, bis Torae der Welt nun sein offizielles Solodebüt vorlegen kann. Untätig war der Mann aus Coney Island deshalb natürlich nicht, viele werden sogar sein Anfang 2008 veröffentlichtes Street-Album in Erinnerung haben, und selbst davor arbeitete der Mann emsig im Schatten der Szene. Spätestens, als seine Kollabo mit Marco Polo bei Duck Down unter Dach und Fach kommt, zahlt sich das harte Connections-Knüpfen auch nach außen hin aus: Torae ist als fester Teil der Nostalgiker-BoomBap-Szene installiert. Dem Kult-Label hinterherlaufen möchte er aber offenbar nicht, denn "For The Record" erscheint (mit Vertrieb von Fat Beats) über das eigene Internal Affairs.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Weitaus mehr als dieser Umstand, das schlichte, als nicht von der Musik ablenkend intendierte Cover oder die (ungewohnterweise) sehr karge Gästeliste ist es das Lineup der Produzenten, das offen darlegt, in welchen Kreisen der Brooklyn-MC immer noch verkehrt: Nottz, Pete Rock, Large Pro, Premo, 9th Wonder, Khrysis, Illmind, Diamond D und Marco Polo schauen vorbei und legitimieren Torae's Solo bereits vorab als Platte, die Ewiggestrigen als auch Backpackern gleichermaßen schwer interessant erscheinen sollte. Es fehlt also nur noch, dass diese etwas angestaubte Elite-Riege auch einen ihrer besseren Tage erwischt hat, als Torae der jeweilige Beat ins Postfach gesteckt wurde. Das ist natürlich nicht ganz der Fall, wieder einmal ist es derjenige, der ein für die heutige Zeit typisches BoomBap-Album erwartet, der dem Endergebnis am nächsten kommt. Das Album führt zwar grob durch eine Art Geschichte, im Prinzip ist es jedoch Altbekanntes, präsentiert von einem MC, der mit seinem Mix aus Battle- und Conscious-Lines noch nie in irgendeiner Weise herauszustechen vermochte und seine Punkte bisher durch solide Leistung einstreichen konnte. "Shakedown" ist ein Paradebeispiel: 9th Wonder trägt einen seiner besseren Beats bei, Torae spuckt ambitionierte Battle-Raps und trotzdem bleibt der Weg ins Langzeitgedächtnis verwehrt, denn letztendlich besitzt der Song hinsichtlich Einzigartigkeit die Aura eines Sandkorns. Das Album startet übrigens mit einem Skit eines High-School-Abschlusses, in dem Tor seine Ziele, als Rapper erfolgreich zu werden, darlegt. Das Album selbst ist irgendwo schon der Erfolgsnachweis, was allerdings noch lange keine Lobeshymnen rechtfertigt, denn die großen Momente wird man vergebens suchen: Auch Altmeister Large Pro steuert mit "Do The Math" ordentliches, aber austauschbares Material bei, dem Torae mit seinen zahlreichen und teils wenig geistreichen "Was wäre wenn?"-Szenarien nicht sonderlich weiterhilft. Der wichtigste Pluspunkt dieser Scheibe ist jedoch, dass jene sehr ordentlichen Tracks fast die komplette Tracklist abdecken, dass sowohl ein sehr transparentes "Thank You" als auch das der Ex hinterherhängende "Over You" angenehm durch den Player laufen. Einen der unangenehmsten Momente verbucht Torae zusammen mit Illmind und Pav Bundy im blutleeren "What It Sound Like", während Premier einen zwar sehr standardmäßigen aber gleichermaßen herzhaft guten Titeltrack zimmert, in dem selbst der durchschnittlich charismatische Torae aufgeht. Auch Pete Rock lässt einen Signature-Beat springen, an dem es wenig auszusetzen gibt - höchstens, dass man kaum darauf achtet, was Torae eigentlich so erzählt. Denn inhaltlich ist "For The Record" doch etwas dünn gestrickt, über ein paar persönliche Nummern kommt das Album nicht hinaus. Mit einer solchen ("Reflection"), die erneut Torae's Verbundenheit zum HipHop bekundet, geht der Protagonist in die Zielgerade, um dann mit Danksagungen an die Beteiligten (Premo, Marco Polo, etc.) in "Panorama" abzuschließen.

Torae wird immer einer dieser Künstler sein, bei denen man genau weiß, was man mit einem Album bekommt. Deswegen ist es in keinerlei Hinsicht überraschend, wie "For The Record" letztendlich ausfällt. Es ist ein Album, das so sehr im offiziellen Neuzeit-BoomBap-Gewand daherkommt wie nur irgend möglich, das seine Werte an Punchlines und einer True-Schooler-Attitüde festmacht und das aufgrund des Altersnunterschieds zwischen Torae und seinen ihm Beats spendenden Paten die Dankbarkeit und Respektzollung an die goldene Generation nicht zu kurz kommen lässt. Wer ein solches Album sucht, der ist mit dem offiziellen, in sauberer Handarbeit gefertigten Debüt des Brooklynites gut bedient, sollte aber nicht erwarten, in irgendeiner Hinsicht vom Hocker geworfen zu werden.

5.7 / 10

Samstag, 28. Juli 2012

Reef The Lost Cauze & Snowgoons - Your Favorite MC


Release Date:
25. Oktober 2011

Label:
Goon MuSick / ihiphop Distribution

Tracklist:
01. Brotherhood
02. Fuck Rappers
03. Euthanasia (Feat. Jus Allah & Sicknature)
04. Timezones (Feat. Outerspace)
05. Kill Somebody
06. Boxcutter Samurai
07. Black Opz
08. Brain On Drugs (Feat. MC Esoteric)
09. High By Myself
10. Devil`s Advocate
11. The Legend Of Mr. T
12. Mount up (Feat. Sabac Red & Wise Intelligent)
13. Big Shots (Feat. J.O. (The Uncanny) & King Magnetic)
14. 100 Rhyme Books
15. Fuck Rappers (Remix) (Feat. Slaine & FT)
 

Review: "Fuck rappers. Reef is my favorite MC - mit diesem Schlachtruf reitet Reef The Lost Cauze" 2008 auf dem "Black Snow"-Album der Snowgoons über die Single "This Is Where The Fun Stops" und festigt damit die Freundschaft, die zwischen den deutschen Produzenten und dem Philly-Rapper seit der ersten Zusammenarbeit gedeiht. Eine solche kann man sich auch schon früh auf tiefergehenderer und vollwertiger Ebene vorstellen, nur da man nichts erzwingen will, bleibt es zunächst bei der beidseitigen Bereitschaft. Bis ins Jahr 2011, in dem die Snowgoons inzwischen schon eine stattliche Diskographie vorzuweisen haben und Anlauf für das kommende, Release-reiche Jahr nehmen. Für Snowgoons-Verhältnisse lässt man sich sogar reichlich Zeit und bringt "Your Favorite MC" dann über ihiphop bzw. das eigene Goon MuSick.


WRITTEN FOR Rap4Fame

 Vor allem die Snowgoons möchten mit diesem neuen Werk beweisen, dass sie wandlungsfähiger sind, als die kritischen Stimmen sie nach ihren vier Producer-Alben sowie den Projekten mit den Savage Bros und Lord Lhus sehen. Ob allerdings Reef die richtige Wahl ist, der Welt mehr Facettenreichtum zu präsentieren, ist eine andere Frage, denn wenngleich seine bisherigen Alben allesamt mindestens solide waren, steht der bärtige Rapper aus Philadelphia doch seit jeher für handfesten Street-Sound ohne großen Schnickschnack. So ist das Endergebnis dann auch ein recht gemischtes, einerseits (und hauptsächlich) mit sehr erwartungsgemäßen Momenten, aber auch mit solchen, die die höheren Ziele von Illegal und Det andeuten. "Timezones" ist ein gutes Beispiel für diesen Dualismus: Sicknature gräbt ein Sample aus, das bereits von Cyne geflippt wurde (eine so schlechte Wahl kann er damit also gar nicht getroffen haben), der finale Beat für Reef mutet mit dem Standardpack an Cuts (Biggie lässt grüßen) und seinen vordergründigen Streichern dann aber doch wesentlich herkömmlicher an als beim Quartett aus Florida. Reef trägt - wie zu erwarten war - seinen Teil dazu bei, dass alles in geregelten Bahnen läuft: Dass er ein sehr sicher flowender MC mit Wortwitz und adäquaten Battle-Skills ist und dies auch hier wieder unter Beweis stellt, sollte niemanden überraschen, die Komponenten, die über dieses Grundmaß hinausgehen, lassen sich wie schon auf früheren Alben an einer Hand abzählen und sind insofern gewissermaßen ebenfalls keine Überraschung. Ebensowenig verwunderlich ist es, dass es gerade die weniger "typischen" Songs sind, die im Gedächtnis bleiben, denn ein Song wie "Fuck Rappers", der mit Hörnern die Türen eintritt und dann noch wilde Streicher sowie ein wenig Choralgesang mit in den Topf kippt, ist etwas zu berechnend bzw. vermisst einfach einen wirklich einzigartigen und angemessenen Auftritt am Mic (ein wütender und leider auch im Remix nicht vertretener Canibus böte sich an). "Euthanasia" und "Brotherhood" komplettieren einen kraftvollen, aber doch besorgniserregenden Start, wenn man bedenkt, dass die Goons gerade solche Power-Walzen etwas subtiler ins Rennen schicken wollten. Das ergibt sich glücklicherweise sehr natürlich im restlichen Verlauf der Scheibe, "Boxcutter Samurai" beispielsweise zehrt von einem (keinesfalls jungfräulichen), gut genutzten Sample, verlässt dabei zwar keinesfalls die gutbürgerlichen BoomBap-Gefilde, erinnert aber (dezentere Kick außen vor) an "German Lugers"-Tage. Im Folgenden findet Reef dann sogar Zeit, sein Themenspektrum abzulaufen: "High By Myself" ist ein eher unauffälliges Liebeslied ans eigene Dutch, "The Legend" ein nur auf den ersten Blick unscheinbares Highlight, in das geschickt ein wenig Grown Man Talk aus Reef-Sicht eingebracht wird. "Black Opz" ist der eher langweilige und standardmäßige Bericht vom Krieg vor der eigenen Haustür, "Mount Up" ergeht sich mit entsprechenden Gästen in sozio-politischem Kommentar. Das selbsterklärende "Brain On Drugs" lebt vom treibenden Beat, die zusammengewürfelten, als nachdenklich stimmend gedachten Geschichten in "Devil's Advocate" freuen sich über ein sehr ruhiges Instrumental, von dessen Sorte sich ein noch besseres in "100 Rhyme Books", einem sehr persönlichen Brief mit Gedanken und Ratschlägen an den eigenen Sohn, findet.

Die Ziele der Snowgoons für ihre Produktionsarbeit bei Reef's neuem Album sind genau die richtigen, die Umsetzung könnte dann allerdings noch etwas besser sein. Ein wirklich bahnbrechendes Album hat sicherlich niemand erwartet, doch da Illegal und Det beweisen, dass sie mehr sind als die Scheuklappen-Producer, als die sie mancherorts abgeurteilt werden, hätte es dann auch durchaus etwas mehr dieser Abwechslung sein dürfen (insofern darf man gespannt sein, was auf den nächsten Projekten geschehen wird), zumal Reef sowieso nicht der Emcee ist, der auf den dramatisch-pompösen Arrangements eines "typischen" Snowgoons-Beats zuhause ist. "Your Favorite MC" ist er nebenzu übrigens auch nicht (was ein Großteil aller Hörer unterschreiben wird) - Reef wird von fast jedem geachtet, aber von fast niemandem wirklich an der Spitze gehandelt. Zusammen mit den Goons hinterlässt er der BoomBap-Welt ein solides, aber keinesfalls essenzielles Machwerk.

5.9 / 10

Lord Lhus - Fuck You Lord Lhus


Release Date:
01. November 2011

Label:
Eigenvertrieb / Free Download

Tracklist:
01. Intro
02. I'm Coming Up
03. It's Lord Lhus
04. Raw Essence (Feat. Reef The Lost Cauze, Matt Maddox & King Magnetic)
05. When I Woke Up (Feat. Savage Brothers)
06. Cunt Control
07. Fuck You Lord Lhus (Skit)
08. Fuck You Lord Lhus
09. Beast
10. S.C.Y.K.O.T.I.K.Z. (Feat. Eternel & Unkn?wn)
11. Hali-Cackalack (Feat. Ghettosocks)
12. S.C. Streets (Feat. V.I.B.Ez)
13. Take In The Light
14. What You Know About It
15. What The Fuck Is You Talking About? (Skit)
16. Star Scope (Feat. IDE)
17. This For Ya'll (Feat. Eternel & Unkn?wn)
18. Outro


Review:
Lord Lhus darf als eine der Personifikationen des leichten Hypes, den die Renaissance des "härteren" HipHops mit Eastcoast-Prägung in den letzten Jahren erfuhr und immer noch erfährt, angesehen werden. Der South Carolina Stalker krebst schon seit ein paar Jährchen im Untergrund herum (freestylt mit Unkn?wn und Knowledge beim Mittagessen und wird Teil von Bloodline), hat den großen Sprung ins Rampenlicht aber letzten Endes den Snowgoons zu verdanken, die ihn auf ihre Alben holen, ihm mit den Savage Brothers sogar ein komplettes Album produzieren und die internationalen Tour-Bühnen für ihn öffnen, auf denen Lhus sein neues Zuhause findet. Das ambitionierte Touren ist es auch, was ihm einen entscheidenden Vorsprung gegenüber vielen Kollegen sowie eine stetig wachsende Fanbase einbringt. Doch zugleich fängt er an, mit einigen seiner Kollegen anzuecken, es folgt der Zwischenfall mit Vinnie Paz und Ill Bill, woraufhin Lhus den Rückhalt der Goons verliert. Doch das hält ihn nicht davon ab, sein schon länger geplantes "Fuck You Lord Lhus" umsonst an den Mann zu bringen. 

WRITTEN FOR Rap4Fame

 Da Lhus fast immer auf Tour ist, verwundert es nicht, dass weniger als die Hälfte der Songs in seiner Heimat in South Carolina aufgenommen wurden. In Bern scheint er seine Europa-Basis aufgeschlagen zu haben, denn dort werden nicht weniger als acht Werke aufgenommen. Als Produzenten engagiert Lhus großteils Nonames, aber auch ein bekanntes Gesicht wie Al'Tarba ist anzutreffen. Ansonsten zeigt das Album alle Facetten des Lord Lhus, der eine sehr extrovertierte Persönlichkeit präsentiert, die sich um den aktuellen Zustand der HipHop-Szene ebenso sorgt wie um das Tour-Leben, die eigene Herkunft und was eben sonst noch so im Leben eines Rappers passiert. Der Sound ist zumeist in die vorhersehbare AOTP-Ecke zu schieben, doch die unbeschriebenen Blätter an den Boards geben sich oft erfolgreich Mühe, nicht wie ein Abklatsch eines der vielen dort beheimateten Alben zu klingen. Immerhin ist es auch Lhus selbst, der durch seine ausfällige, direkte Art, eine feurige Delivery und bemüht vielseitige Lyrics nicht umsonst so viele Fans gewinnen konnnte. Im Endeffekt sollte man zwar nicht zu viel Geistreiches erwarten, aber wie der Lord schon in "I'm Comin' Up" (natürlich der sich selbst sowie die eigene Ideologie vorstellende Song) einen 8-Bit-Aufsatz zerschreddert, hat gewissen Unterhaltungswert. Leider wird zur Situation mit AOTP, den Snowgoons sowie der Grindhouse Gang auf der ganzen LP kein klares Wort verloren, der Diss "Gang Rape" hätte sich hier durchaus gut gemacht. Stattdessen erfährt die Welt, wie es Lhus mit der Frauenwelt hält: "Cunt Control" ist nett, aber in seiner oberflächlichen Art schon ein wenig zu oft gehört. An die Heimat South Carolina gibt es in Form von "S.C. Streetz" eine langsamere, mit Vocals von V.I.B.Ez nicht schlecht besetzte Widmung. Die besten Momente hat das Album, wenn es hart zugeht: "Star Scope" klingt mit schaurigem Intro und polternden Drums nach IDE-Produktion und ist folglich bestens gastbesetzt. Junior Makhno zeigt sein Können in "When I Wake Up", wird aber von Al'Tarba trotzdem in die Tasche gesteckt, da der Franzose im Titeltrack einmal mehr sein unglaubliches Gespür für düstere Atmosphären und beinharte Drums zelebriert, was so gut gelingt (und ganz nebenbei auch auf eine Bloodline-Scheibe gepasst hätte), dass Lhus' aus der Ich-Perspektive vorgetragener Selbst-Diss fast schon zu schade dafür ist, aber immer noch ein abwechslungsreiches Konzept bietet. Auch "Beast" lässt es so krachen, wie man Lhus am liebsten spitten hört. Dagegen können Tracks wie das möchtegernintelligente "What You Know About It", das etwas zu sehr auf die Härte seiner Gitarren-Riffs setzende, sich selbst feiernde "It's Lord Lhus" oder auch die Premo-Kopie "Hali-Cackalack" dann fast schon einpacken. Beachtet man nun noch das gefühlvolle, mit persönlichen Texten ("I fell in love with two women when I thought it was smart / But they just both ended up breakin' my heart") bestückte Streicher-Arrangement "Take In The Light", hat man auch schon alles Nennenswerte abgegrast.

 "Fuck You Lord Lhus" soll ein Statement an alle sogenannten Indie-Cats sein, die dann aber doch nach den Pfeifen irgendwelcher Labels tanzen. Deshalb veröffentlicht Lhus es nicht nur selbst, er verschenkt es, denn ihm geht es nur um die Musik. Das nötige Talent, mit einem solchen Album einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, hat der South Carolina Stalker auf jeden Fall, weswegen auch einige sehr behaltenswerte Tracks auf dem Album vorzufinden sind. Insgesamt versäumt er es dann aber doch, das große Feuerwerk zu zünden, das seiner Karriere nochmal einen kräftigen Schub nach vorne versetzen könnte. So muss er sich weiterhin aufs Touren und auf seine überschaubaren verbliebenen Freunde verlassen, denn "Fuck You Lord Lhus" wird, wenngleich nicht schlecht, keine großen Wellen schlagen.

5.7 / 10

The Away Team - Stars & Stripes


Release Date:
11. Oktober 2011

Label:
Jamla Records / Duck Down Records

Tracklist:
01. Intro
02. Bad News (Feat. King Mez & Blue Raspberry)
03. Scars & Stripes
04. 4 The People
05. Cheers (Feat. Heather Victoria)
06. What Is This (Feat. Evidence)
07. The Road To Redemption
08. Drift
09. Set It Off (Feat. Talib Kweli & Rapsody)
10. Happenin’ Today
11. Hot Potato (Feat. Halo & Sundown (of Actual Proof))
12. I Ain’t Mad (Feat. Jay Rush)
13. Paid (Feat. Laws & Big Remo)
14. Proceed (Feat. Enigma (of Actual Proof))
15. Get Down (Feat. GQ)
16. Picture This (Feat. Kelsy Lu)
17. See U Later (Feat. Phonte)

Review:Die Justus League ist nicht mehr so wirklich existent, die Einzelteile der Gruppierung können sich zwar immer noch gut riechen, zurechtkommen muss aber jeder für sich selbst. Das ist für weniger bekannte Acts wie das Away Team logischerweise am schlimmsten, wobei es Sean Boog und Khrysis problemlos schaffen, bei 9th Wonder's Jamla unterzukommen - etwas später zieht man sogar einen Deal mit dem ewig wachsenden Duck Down, die offenbar alles und jeden zu signen planen, an Land. Während man also den Schritt vom gefragten J-League-Act in die karge Zeit danach meistert und während die Brötchengeber ihre Post-Little-Brother-Karriere angehen, halten Boog und Khrysis weiter zusammen und legen mit "Scars & Stripes" bereits das dritte Album vor.

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 Das zweite Album war nach dem doch recht netten Debüt zugegebenermaßen sehr unauffällig und alles andere als eine Offenbarung; und wenn man sich den Querschnitt dessen anhört, was Khrysis in der letzten Zeit so aus seinen Apparaturen zerrte, hat man eigentlich keinen Grund, sich großartig auf dieses dritte Away-Team-Release zu freuen, denn wie Mentor 9th Wonder ist auch Khrysis nicht mehr vollends verlässlich, beizeiten sogar eher das Gegenteil. Doch das scheint vor allem deshalb passiert zu sein, weil er sich seine besseren Beats für dieses Album aufgehoben hat - und somit diejenigen, die auswärtige Produzenten forderten, zum Schweigen bringt. Atemberaubend ist hier zwar nichts, doch wer die Justus-League-Hinterbliebenen schon komplett abgeschrieben hat, der wird feststellen, dass der herzhafte Sound, der das Kollektiv zu seiner Blütezeit auszeichnete, noch nicht komplett verblüht ist. Der Titel gibt des Weiteren die thematische Marschrichtung vor: Man ist gealtert, hat Erfahrungen gesammelt und dabei Federn gelassen. Dass die LP also für den Durchschnittsbürger (sowie aus dessen Sicht) gerappt (und auch produziert) ist, sollte nicht groß verwundern. Das zigtausendste Album über die alltäglichen Kämpfe und Anstrengungen setzt sich mit der markant hellen Stimme von Sean Boog ein wenig vom Rest ab, wenngleich der rappende Teil des Away Teams deshalb kein Virtuose am Mic ist - dafür fehlt es an überdurchschnittlichem Elan in Sachen Flow, Schärfe oder Inhalte. Dass Khrysis selbst ein paar Male mit ans Mic tritt, hilft gar nichts: Das einminütige "4 The People" ist eigentlich schon Beweis genug, dass Khrysis bei dem bleiben sollte, was er kann, was er erfreulicherweise nicht selten auch demonstriert: "Drift" sättigt die Nackenmmuskeln, während Boog etwas davon erzählt, die Gedanken schweifen zu lassen. "Hot Potato" ist auf klassischen 9th-Wonder-Drums aufgebautes Material, folglich nicht wild, trotzdem macht es Spaß. Denn fast während des gesamten Albums gräbt Khrysis frische Samples aus, um dem typischen NC-Sound den nötigen Sprit zuzuführen. Das rettet, wenn in "I Ain't Mad" nervtötenden Gesang in Form von Jay Rush lädt, zwar nichts mehr, führt andernorts aber zu waschechten Highlights, wie etwa dem gut gelaunten "Get Down", das ähnlich Stimmung macht wie LB's 2003er, entgegengerichtetes "The Get Up". Weitere Highlights umfassen das mit hölzernen Drums parkettierte "What It Is" mit einem Evidence, der sogar Sean Boog wie ein Wiesel am Mic aussehen lässt, einen weiteren klassischen Justus-League-Cut namens "Paid" sowie das melancholisch gehaltene "Picture This" mit einerr tragischen Geschichte. Verwandt ist das von Streichern begeleitete und etwas berechenbare "Road To Redemption", während Kweli sich für den besten Gastauftritt bewirbt.

The Away Team werden nie mit einem ihrer Alben wirklich große Wellen schlagen, dafür fehlt ihnen zweifelsohne der Schneid. Doch solange Khrysis bei seinen Beats bleibt und man weiterhin den kleinen Mann im geregelten Arbeitsalltag mit entsprechenden Raps anspricht, ist trotzdem eine gewisse Grundqualität gegeben, die anderswo nicht zu finden ist. Wer dem alten Sound der Justus League nachtrauert und mit den neuen Unternehmungen von 9th Wonder und Anhang nur noch teilweise warm wird, der ist mit "Scars & Stripes" eventuell sogar ganz gut beraten. Das Album ist nicht aufregend, aber auch ohne große Mängel und mit einigen sehr hübschen Momenten versehen, die an frühere Little-Brother-Tage erinnern.

5.9 / 10

Montag, 23. April 2012

Murs - Love & Rockets Vol. 1: The Transformation


Release Date:
11. Oktober 2011

Label:
DD172 / BLUROC

Tracklist:
01. Epic Salutations
02. Remember 2 Forget
03. 67 Cutlass
04. Eazy-E
05. Hip Hop and Love (Feat. Tabi Bonney)
06. International
07. S-k-i-b-e-a-t-z (Feat. Locksmith)
08. Westside Love
09. Life and Time (Feat. AB-Soul & O.C.)
10. Reach Hire
11. Dream on (Feat. Dee-1)
12. 316 Ways
13. Animal Style

Review:
Nach einem kurzen Intermezzo in den Gewässern des Majors Warner ist Murs wieder independent und arbeitsfreudig wie eh und je: Manch einer hat vielleicht noch das Album mit 9th Wonder in Erinnerung, jüngst gab es ein (zugegebenermaßen sehr vergessenswertes) Projekt mit Terrace Martin. Die nächste Episode im Murs-Katalog beginnt, als der stets fröhliche Rapper aus LA über Tabi Bonney die Bekanntschaft von Dame Dash macht, welcher ihn auf die Frage, wieso er über sein DD172-Label noch keinen Westcoast-Künstler veröffentlicht habe, direkt ins Boot holt und die Idee eines Albums mit Ski Beatz in den Raum wirft. Also treffen sich die beiden in New York, schließen Freundschaft und nehmen auch noch ein Album auf: "Love & Rockets Vol. 1: The Transformation".


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 Zwar hat sich in Murs' Leben einiges geändert (verheiratet ist er schon seit einiger Zeit, kürzlich trennte er sich von seinen Dreads), er selbst ist jedoch immer noch derselbe: jemand, der sowohl die Backpacker- als auch die Gangster-Szene kennt und verkörpern kann und von seinem erstklassigen Storytelling lebt. Als verheirateter Mann lässt er es nicht mehr so bunt angehen (auch seine vogelwilden Weibergeschichten weichen logischerweise dem Eheleben), langweilig ist er deswegen noch lange nicht. Viel unsicherer ist die Frage, ob Ski Beatz und Murs zusammenpassen. Ersterer war mit dem Westcoast-Emcee vor dem durch Dame Dash initiierten Aufeinandertreffen komplett unvertraut und geht deshalb vollkommen unbefangen in das Album. Entscheidend war das als Faktor des Sounds wohl nicht, denn Ski Beatz' Beiträge klingen so oder so zu oft nach Fließbandarbeit, was bei den vielen Hochzeiten, auf denen der Produzent derzeit tanzt, nicht groß verwundert. "S-K-I-B-E-A-T-Z" ist eine von Bläsern angetriebene, thematisch breit gefächerte Stellungnahme, die nicht verkehrt ist, aber auch niemanden vom Hocker reißen wird. So ergeht es dem Großteil, wenn nicht der ganzen Scheibe: Wirklich schlecht ist nichts, was das Duo fabriziert, herausragend fast ebensowenig. Die Schuld daran trägt eindeutig Ski, denn Murs gibt sein Bestes, mit einem breiten Thementeppich aufzuwarten und zu unterhalten: "Remember 2 Forget" thematisiert und verarbeitet die eine Beziehung, die einen zu viele Nerven kostet ("Every little thing turned into an argument / We yell until we don't even remember what started it"), "International" gibt ein paar teils amüsante Gedanken zum Thema Tour-Leben und ausgiebigem Reisen preis ("My favorite flight is the one that goes home / Keep your family first, you can't do this alone / 14th flight, 3 weeks, jet lag, but I'm livin' my dream so I'm packin' my bag"). Ski ist zumeist mit weichen Drumlines zugegen und klingt in seiner grundsätzlichen Herangehensweise erstaunlich oft wie 9th Wonder, was dazu führt, dass auch seinen Instrumentals hin und wieder der Saft ausgeht und sie wie in "Reach Hire" nicht die ganzen drei Minuten interessant bleiben. Zumeist funktioniert das Duo aber ganz gut, es ist lediglich das Fehlen echter Highlights, das sich als größtes Problem herausstellt: Da wird in "316 Ways" die Industry attackiert, in "67 Cutless" eine lustige (Drogen-)Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt und in "Eazy E" die von Murs in New York entdeckte Ansicht, der Westen wäre lyrisch wenig wert, gerade gerückt; Ski verpasst jedoch die Gelegenheiten, aus Murs' Vorlagen die ganz großen Kopfnicker zu schneidern. Auch die thematisch ernsteren Nummern versäumen das: "Dream On", das sich Gedanken über Zukunft und Ziele macht, wird noch sehr treffsicher und nachdenklich illustriert, "Animal Style", das sich mit einer kleinen Geschichte dem Thema Homosexualität widmet, hätte sein hintergründiges Piano allerdings wesentlich besser in Szene setzen können.

Zusammenfassen lässt sich das alles ganz einfach: Murs ist nach wie vor ein hervorragender Storyteller und spielt das auch auf seiner neusten Platte sehr erfolgreich aus, mit seinem Produzenten hat er allerdings ähnlich viel Glück wie mit der inzwischen erschöpften Kollabo mit 9th Wonder: Ordentlich ist fast jeder Song, so richtig überragend ist keiner. Ski Beatz' Ausstattung für die LP ist wasserfest und solide, aber irgendwie klingt sie auch sehr allerweltsmäßig, einen eigenen Charakter entwickelt sie nicht. So ist "Love & Rockets Vol. 1" ein Album, das man wegen Murs' Lyrics durchaus anhören kann, das aber niemanden umwerfen wird und vom Must-Have weit entfernt ist.

5.7 / 10

Nappy Roots - Nappy Dot Org


Release Date:
11. Oktober 2011

Label:
Nappy Roots Entertainment / AVJ Records / Fontana Distribution

Tracklist:
01. Legends Live On
02. Return Of The Country Boyz
03. Ea$y Money
04. Hey Love (Feat. Samuel Christian)
05. Pete Rose (Feat. Khujo Goodie)
06. Good & Evil
07. Karma
08. Y'all Party
09. Give Me A Sign
10. Nappy U Here
11. Congratulations

Review:
Ganz ohne großen Trubel gehen die Nappy Roots inzwischen schon mit ihrem dritten Independent-Album an den Start und scheinen den Sprung vom Major-Strohfeuer zur konstanten Indie-Größe geschafft zu haben und mit intensivem Touren sowie dem Vertriebsdeal mit Fontana genug Geld zu verdienen, alle fünf Country-Boy-Köpfe durchzufüttern. Die Kosten dafür sind 200 Gigs pro Jahr und verhaltene Reaktionen auf das letzte Album, "The Pursuit Of Nappyness", das zudem nicht gemeinsam aufgenommen, sondern via Internet zusammengesteckt wurde. Bei "Nappy Dot Org" vermied man diesen Schönheitsfehler, setzte sich zusammen und ließ sich mehrere Monate Zeit, um den Ansprüchen der treuen Fanbase gerecht zu werden.


WRITTEN FOR Rap4Fame

 Der Grund, warum dieses Album außerdem ein wenig wie eine Neuvorstellung anmutet ist neben größerer Promo außerdem die schon im Titel angedeutete Tatsache, dass man sich mit den Veteranen-Producer-Team Organized Noize zusammenschloss, um sich die LP (fast) komplett mit feinsten Beats von diesem Trio auskleiden zu lassen. Die Zielsetzung ist simpel: Man will sich selbst treu bleiben, den County-Sound weiterführen und in einer Zeit, in der es keinen Südstaaten-Hype mehr gibt, zeigen, dass man mit seiner Musik als "Conscious-South" (so nennt es Rico Wade) bestehen kann. Wer sich an die letzten beiden Alben erinnert, der weiß, dass dort mehr oder weniger dieselben Ziele angestrebt und auch umgesetzt wurden, dass es jedoch immer wieder unnötige Schönheitsfehler gab, die eine wirklich gute Wertung kosteten. Und - Organized Noize hin oder her - nichts anderes ist hier der Fall, denn was die Nappy Roots aufkochen ist ein Mix aus Party, klassischem South à la Organized Noize, ihrem eigenen Country-HipHop und ein paar radiofreundlichen Abschürfungen hier und da. Welch besserer Weg, als in "Legend Lives On" ganz klassich mit Big Rube zu starten, der die ersten 40 Sekunden der LP mit seinem Spoken Word füllt, während sich der Beat langsam aufbaut und Big V schließlich übernimmt. Erzählt wird nicht viel, die Grundbotschaft: Nappy Roots sind immer noch Country. Wenig verwunderlich, dass sich die folgenden Tracks nicht etwa mit abgehobenen Geldbädern und Champagnerduschen, Drogenschmuggel und Massenmord, sondern mit den Themen auseinandersetzen, die einem normalen Menschen begegnen: Liebe, Glaube, die täglichen Geldsorgen. Leider fehlt einem Track wie "Karma" die richtige Instrumental-Beigabe, während "Ea$y Money" zwar den Gemütszustand der Nappy Roots ganz gut umschreibt, mit seiner wirklich (wirklich, wirklich) miserablen Hook allerdings aufpassen muss, ungewappneten Hörern nicht einen instantanen Ohrentod zu bescheren. Den Party-Gedanken, den der Song eigentlich vermitteln soll, kann man jedenfalls vergessen. Da eignet sich schon eher "Y'all Party" mit einem einfachen Unterbau, der genug Platz für ansprechende Raps lässt. "Pete Rose" schwenkt in eine ganz andere Richtung und gibt dem Album einen Street-lastigen Song (entsprechend begibt man sich inhaltlich auf eine Tour durch die Straßen: "My homie's just got out, my cousin goin' back in / Three quarters of my neighborhood still packed in the pen"), der sogar ein wenig an die Neunziger erinnert. Weiter bietet das Album einige etwas unrosige Ausführungen zum Thema Liebe im farblosen "Hey Love" und das inhaltlich nicht verkehrte "Good And Evil", das leider mit einer kitschigen Hook und Aufmachung daherkommt und dabei an "The People" vom letzten Album erinnert. Glücklicherweise sammeln die Roots im Schlussteil nochmal Pluspunkte und trumpfen vor allem mit "Nappy U Here", einem ganz großen Song, so sehr auf, dass man doch glatt einige der davor gemachten Schnitzer vergisst.

Insgesamt muss man hauptsächlich enttäuscht darüber sein, dass das fünfte Album der Nappy Roots wesentlich besser hätte sein können. Skinny DeVille und Co. sind fähige Rapper, die eine angenehme Gruppendynamik an den Tag legen und ein unterhaltsames Programm zusammenstellen, dem hin und wieder eine versaute Hook unterkommt und das generell unter einer verbesserungswürdigen Produktion leidet. Dass Organized Noize es besser können, müssen sie niemandem mehr beweisen, selbst mit den Nappy Roots stellen sie einige denkwürdige Momente auf die Beine (allen voran "Nappy U Here"), insgesamt wollte man aber scheinbar zu viele verschiedene Stimmungen einfangen, was nur dazu führt, dass "Nappy Dot Org" ein wenig ungeschlossen wirkt und hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

5.7 / 10

Tragic Allies - The Tree Of Knowledge Of Good & Evil


Release Date:
27. September 2011

Label:
Godsendant Music

Tracklist:
01. Intro
02. A.L.L.I.E.S.
03. God Gifted (Feat. Planet Asia)
04. War Melody
05. Fallin' Starz
06. Words From The Most High
07. Street Narrative
08. Revival Of The Fittest
09. In The Air
10. The Thought Of Dying
11. Interlude (Feat. 60 Second Assassin)
12. Drown (Ft. Mami Uno)
13. Picture Perfect (Feat. Killah Priest)
14. Riots In The Streets
15. Rap Quotables
16. Time We Never Had
17. Story Of Sadness (Feat. Bronze Nazareth)
18. Outro (Feat. Killah Priest)

Review:
In der ostküstlichen Szene tauchte der Name Tragic Allies in den letzten Jahren immer mal wieder hier und da auf, doch wer sich deswegen nicht explizit mit der Gruppe beschäftigt hat, der wird kaum wissen, mit wem er es zu tun hat. Es handelt sich um ein Trio aus dem Städtchen Lynn in Massachusetts. Dort wachsen Purpose und Estee Nack abseits der schöneren Nachbarschaften auf, werden früh von HipHop beeinflusst und beginnen ähnlich früh, selbst zu schreiben. In der High School laufen sie sich dann über den Weg und entdecken die geistige Verwandtschaft. Die wird auch beim jüngeren Codenine entdeckt, den Estee zunächst protegiert und später in die Gruppe intergriert. Nach der High School ist es die Perspektivlosigkeit, die die Musikkarriere vorantreibt: 2003 ein erster Auftritt, 2005 das erste Mixtape, zwei Jahre später ein weiteres, bei dem niemand Geringerer als 4th Disciple Pate steht, Purpose lässt sich u.a. noch ein Mixtape von Killah Priest hosten. Inzwischen kann man sich ein eigenes Studio (Grey Skies getauft) leisten und arbeitet am Debütalbum.


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 "The Tree Of Knowledge Of Good & Evil", so der verheißungsvolle Titel; wenn man dann allerdings hört, was die Allies selbst zu sagen haben, kommen Bedenken: Zurück zum "echten" HipHop mit gescheiten Neunziger-Beats und gehaltvollen Rhymes möchte man. Eine ganz neue Zielsetzung und Einstellung also. Der Umgang das Allies könnte trotzdem wesentlich schlechter sein und macht zumindest hellhörig: Zwar steuert 4th Disciple leider keine Beats zum Album bei, doch es gastieren 62nd, KP und Bronze. Produziert haben Purpose selbst (acht Tracks), der Kanadier Crucial The Guillotine (vier Tracks) sowie einige weitere, nicht aber Krohme, auf dessen Godsendant Music das Album erscheint. Erwartungsgemäß gibt es einen konventionellen Beat-Anstrich, der an Kollegen wie Gage und seine Click Animosity erinnert und demnach keineswegs schlecht ist. Von Anfang an stellt sich allerdings die Frage, ob die 18 Tracks nicht zu viel sind - sind sie, wie man recht schnell feststellen kann. Wegen des Albumtitels sollte man sich übrigens nicht zu große Hoffnungen machen, ausgiebige Grundlagendiskussionen gibt es keine, lediglich die Scheuklappensicht der Allies, die sich im Staatssystem nicht wohlfühlen. Denn der Gesprächsstoff der Scheibe ist komplett austauschbar mit dem aller anderen politisch rudimentär gewahren Emcees. Rappen selbst können jedenfalls alle drei, wenngleich keiner mit außergewöhnlicher Leistung sonderlich heraussticht. Der logische Schluss: Man macht das Beste aus dem Album und genießt die stark produzierten Songs, von denen sich doch ein ganzer Schwung findet, da schon das "Intro" nach seinem Bibel-Zitat ordentlich Stimmung aufbaut (obwohl es sich praktisch nur um untermaltes Gerede der Allies handelt). Den nächsten erwähnenswerten Anspielpunkt markiert dann allerdings erst "War Melody", in dem DJ Woool mit einem gut einheizenden Instrumental mal wieder von sich hören lässt. "Street Narrative" mag der eine oder andere schon von Krypto's Album als solide in Erinnerung haben, eine kleine Enttäuschung ist der Auftritt von 60 Second Assassin, der zwar für ein großartiges "Interlude" sorgt, dort aber nicht mehr als ein paar Worte verliert. In ähnlicher (ebenfalls starker) Manier schließt Priest das Album ab, ist aber auch noch auf "Picture Perfect" zu hören, das mit klagendem Voice-Sample und Streichern voll in Ordnung geht, aber wie so viele andere Tracks einfach nichts Besonderes ist. Aussetzer erlaubt man sich zwar keine, die großen Momente sind leider auch schnell aufgezählt: "Rap Quotables" erfreut mit roher Drumline und Bläsern, in "Words From The Most High" profiliert sich Beat-Bastler Street Science. "Revival Of The Fittest" feiert hauptsächlich sich selbst (in diesem Fall zu Recht), in "In The Air" legt Crucial seinen besten Beat vor. So könnte man nun jeden Track abklappern und nach der Güte seines Beats fragen - man beschäftigt sich zwar auf zwei Tracks mit dem Tod und verarbeitet auf einem anderen irgendwie auch eine Beziehung, insgesamt gehen solche Anstrengungen in der Masse der 08/15-Texte jedoch unter.

Die Tragic Allies haben zwar mit Purpose einen fähigen Produzenten in den eigenen Reihen und ebenso fähige Kontakte, ganz auf ihre Beats verlassen sollten sie sich aber nicht. Leider passiert genau das auf ihrem Debüt, und da keiner der drei das Potential zeigt, sich allein via Performance bei einem Track die Aufmerksamkeit auf sich zu binden, sollten es vielleicht interessante und strukturierte Song-Konzepte und Inhalte sein, mit denen man ein weiteres Album aufpeppt - ein wenig hartes Straßenleben hier und pseudo-intelligente Gedanken dort reichen eben ganz und gar nicht. "The Tree Of Knowledge Of Good & Evil" wird seinem Titel (ausgenommen ein paar Bibel-Zitate) nicht gerecht und kann sich glücklich schätzen, mit fast durchgehend soliden bis sehr guten Beats bestückt zu sein, die der Standardleistung am Mic entgegenwirken.

5.8 / 10

Dienstag, 20. Dezember 2011

Paranoid Castle - Champagne Nightmares


Release Date:
30. August 2011

Label:
Fake Four Inc.

Tracklist:
01. Champagne Intro
02. Orca
03. Feeling Inside
04. Stacey's Doing WAY Too Much
05. The Mature Life (Feat. Gregory Pepper)
06. Audacity Of Me
07. Champagne Interlude
08. LIttle Girl
09. D.U.I.
10. Weed Man
11. Some Place Else (Feat. Kirby Criddle)
12. You Don't Understand (Feat. Gregory Pepper)
13. Champagne Nightmares!

Review:
Wer mit dem Gruppennamen nicht sofort etwas anfangen kann, der schaue zuerst aufs Label. Ceschi's Fake Four Inc. hat sich in der letzten Zeit zu einem Aushängeschild für alternativen HipHop entwickelt, mit dessen Releases der kanadische Factor ohnehin immer wieder zu tun hatte. Also verwundert es nicht, dass Paranoid Castle, das neben Factor noch Kirby Dominant einschließt, ebenfalls dort gelandet ist. Viel überraschender ist die Reunion selbst, denn nachdem sich die beiden 2001 in Factor's Heimatstadt in Kanada kennengelernt, 2003 PC geformt und ein Jahr später ihr erstes Album veröffentlicht hatten, gingen beide anderen Projekten nach. Man darf also gespannt sein, was ihr Debüt auf Fake Four mit sich bringt.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Kirby Dominant, der vom Gang-Leben in Oakland den (lediglich physikalischen) Katzensprung an die UC Berkeley schaffte, hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, das er ein seine Texte einfließen lassen kann, Factor ist - was kein Geheimnis ist - ganz gleich, ob man ihn nun schätzt oder nicht - ein sehr vielseitiger Produzent, zusammen ergibt das ein potentiell sehr interessantes Album, zumal das 2004er "One Way Ticket" alles andere als schlecht war. "Champagne Nightmares" hätte demnach als extrem vielseitiges Album konzipiert sein können, doch Kirby sah das wohl anders, denn was einen auf dem Großteil der Tracks erwartet klingt wie die Ergüsse eines College-Emcees - Party, Weiber und die von Factor gestellten Backdrops, die genau diesen irgendwie unseriösen College-Charakter kanalisieren und noch verstärken. War das gerade ein Witz? Nein - Paranoid Castle hatten schon auf dem ersten Album Songs dieses Schlags, hier regieren diese Tracks, wie etwa "Stacey's Doing WAY Too Much", das über eine Stacey, die man nicht zur Freundin haben will, berichtet. Wenn PC in der Stadt sind, sollte man aber sowieso das eigene Mädchen zuhause anketten, denn ansonsten verfällt sie unweigerlich dem unwiderstehlichen Charme von Kirby (natürlich nur noch übertroffen von seinen sexuellen Fertigkeiten), nachzuhören in "Audacity Of Me". Falls der Song ironisch gemeint sein soll, hat Kirby diesen Umstand jedenfalls gut versteckt. Nichtsdestoweniger ist gerade dieser Song für den richtigen Anlass (etwa auf einer Studenten-WG-Party) eine perfekte Gute-Laune-Nummer. Leider schneidert Factor einerseits nicht alle Tracks so ansprechend, andererseits werden Thema und selber Stil der Songs schnell langweilig. Da zeugt "Weed Man" natürlich von unendlichem Abwechslungsreichtum. Die Story des Dealers, der zu spät kommt und dann nicht mehr abhauen will ("You wanna explain conspiracy theories / And watch DVDs with commentary?"), ist zwar unterhaltsam (wahrscheinlich umso mehr, wenn man öfter selbst in derselben Situation ist), raptechnisch schaltet Kirby hier allerdings (wohl zwecks Verständlichkeit) mehrere Gänge zurück. An diesem Problem leidet auch "The Mature Life", das in einen Flow wechselt, der ein Gespräch imitieren soll, dabei aber schnell gehörig auf den Senkel geht. Ganz nebenbei liegen auch einige Hooks ein paar Zentimeter neben dem guten Geschmack. Weitere zweifelhafte Momente umfassen das in anstrengendem Singsang vorgetragene "Orca" (mit bedrückender Wal-Metapher), das ernst gemeinte und doch recht oberflächliche "Some Place Else" (nicht ansatzweise mit dem Titeltrack des Vorgängeralbums vergleichbar), das erneut mehr gesungene "Champagne Nightmares" (wieso genau er Albträume, entzieht sich meinem Verständnis) sowie das mit dem Tempo anziehende "D.U.I.", bei dem der kritische Unterton zumindest zu vernehmen ist. Auf der anderen Seite steht die sehr poppige, liebenswürdige Anbandel-Tour "You Don't Understand", die Kirby's stupide Einstellung zwar nicht ablegt, zumindest aber die erste in den Erzählungen des Albums geehrte Dame vorstellt.

Was Kirby auf diesem Album von sich gibt, könnte der Gesprächsstoff sein, den Kumpels austauschen, während sie darauf warten, dass der Joint weiterwandert. Da Factor seinem Partner mit der Musik sehr entgegenkommt und sie nie zu komplex aufbaut, ist Paranoid Castle's Zweitling ein sehr einfach anhörbares Album und funktioniert deshalb auch gut im Hintergrund. Wer aber seine Aufmerksamkeit etwas genauer auf die Scheibe richtet, dem fallen teils nervige Hooks, wiederholende, etwas platte Konzepte und ein raptechnisch nicht in Bestform auflaufender Kirby Dominant auf. Irgendwie scheint es, als wisse die Platte selbst nicht genau, was sie eigentlich sein will, jedenfalls wirkt der (ohnehin einseitige) Mix aus seriösen und Party-Songs unreif, was zum Schluss führt, dass "Champagne Nightmares" einige nette Momente hat, insgesamt aber nicht das volle Potential von Kirby und Factor repräsentiert.

5.1 / 10

Roc Marciano & Gangrene - Greneberg


Release Date:
19. Juli 2011

Label:
Decon Records

Tracklist:
01. Roc Marciano - Momma Told Me
02. Roc Marciano - Hoard 90
03. Roc Maricano - Jet Luggage (Feat. Gangrene)
04. Gangrene - Papercuts
05. Gangrene - New Shit
06. Gangrene - Sewer Gravy (Feat. Roc Marciano)
07. Roc Marciano - Jaws (Digital Bonus)

Review:
Da ist sie auch schon, die erste Folge von Decon's heiß begehrtem Neu-Signing - eine Kollabo-EP mit einem der bisherigen Aushängeschilder des Labels, nämlich Gangrene, dem Zusammenschluss von The Alchemist und Oh No, der 2010 sein überwiegend positiv aufgenommenes Debüt präsentierte. Auch für Roc Marciano war 2010 ein bedeutsames Jahr, schließlich erfolgte der Schritt vom Veteranenschattendasein in den Zirkel der angesagten Szenenlieblinge. Um letzterem Image auch weiterhin dienen zu können, soll noch dieses Jahr das Decon-Debüt "Reloaded" kommen, ebenso wollen Gangrene noch im Herbst mit "Vodka & Ayahuasca" nachlegen, als Vorgeschmack entschied Decon sich, die drei auf eine digitale EP zusammenzupacken, die nun sogar noch ein Vinyl-Release erhalten soll.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Was der Sinn dahinter sein bzw. wo der Vinyl-Kaufanreiz liegen soll, wenn der digitalen iTunes-Version ein Bonus-Track beigefügt wird, entzieht sich bei einem Kundenkreis, in dem es eher umgekehrt hätte sein sollen, zwar meiner Kenntnis, doch sei's drum, viel gespannter darf man natürlich ob der gebotenen Musik sein, die durchaus ein Vorgeschmack dessen sein dürfte, was es auf den beiden Longplayern dann zu hören gibt. Außerdem sind alle drei Beteiligten sowohl Produzenten als auch Rapper, eine nicht alltägliche Begebenheit, die darin resultiert, dass jeder der Emcees mindestens einen Beat beisteuert. Was aber nicht überhört werden kann, ist der Umstand, dass man sich weniger an "Gutter Water" als an "Marcberg" orientieren wollte - oder besser gesagt an dem minimalistischen, rohen Grown-Man-Sound, für den Marcy's 2010er Großtat stand. Dabei gibt es jedoch einige Faktoren, die einem ähnlichen Erfolg im Weg stehen. Mit ihren 22 Minuten (inkl. Bonus-Track) verabschiedet sich die EP dafür viel zu früh, außerdem ergibt die Fusion der verschiedenen Produktionsstile ein eigenwilliges Ergebnis, das beileibe nicht immer ins Schwarze trifft. Schon der einzige von Marc produzierte Track "Momma Told Me" lässt ein wenig den Antrieb vermissen (hätte übrigens nie und nimmer auf "Marcberg" gepasst), ist gegen das vorab ausgekoppelte "Jet Luggage" aber noch harmlos. Hier versucht man mit bassigem Wummern und Bläsereinsatz nämlich auf Teufel komm raus, hart und böse zu klingen - und scheitert in anstrengender Art und Weise. Hinzu kommt, dass Alchemist immer noch kein weltbewegender MC ist, darüber hinaus ist die Kombo aus Gangrene und Roc nett, aber keinesfalls eine, auf die die Welt gewartet hat. Was soll dann also "Sewer Gravy", das den Beat vom Gutter Water"-Titeltrack wiederverwertet? Dass über alles und nicht viel geredet wird, hilft da auch nicht weiter. Wesentlich ansehnlicher sind die "Solo"-Cuts von Gangrene, "Papercuts" beispielsweise ist ein smoothes und arschcooles Stück, von dessen Schlag man auf "Vodka & Ayahuasca" gerne mehr hören würde, und auch "New Shit" zaubert den lässigen, aber doch kantigen Sound aus dem Hut, der ALC und Oh No am besten zu Gesicht steht. Zweiterer sollte lieber die Finger von einem Track wie "Jaws" lassen, welcher verzweifelt versucht, so blutig-roh als nur irgend möglich dem eiskalten Flow des Manns aus Hempstead gerecht zu werden. Wesentlich weniger aufgesetzt klingt da schon "Hoard 90", bei dem Alchemist solche Späßchen unterlässt und Marcy einen soliden Kopfnicker unterschiebt.

Fazit: Immer dann, wenn Gangrene versuchen, ihrem Kollabo-Partner etwas Hartes zu schneidern, geht das Projekt nach hinten los. Auf der anderen Seite lässt Marciano selbst bei seinem einzigen komplett selbst arrangierten Beitrag den Antrieb vermissen. Man kann also nur hoffen, dass er der Versuchung widersteht, "Reloaded" mit Gastproduzenten vollzupflastern und stattdessen seine eigenen Juwelen dafür aufhebt. Gangrene dagegen mach auf ihren beiden eigenen Tracks eine hervorragende Figur und geben damit hoffentlich einen Ausblick auf ihr Album, das dann "Gutter Watter" in der Gosse stehen lassen könnte. "Greneberg" hingegen, der Zusammenschluss dieser drei Personen zur phantomähnlichen Mafia-Gestalt des Covers, der mehr wie eine Doppel-Single anmutet, erweist sich in keinster Weise als notwendig und wird hoffentlich als die Zweckgemeinschaft, die er ist, begraben.

6.0 / 10