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Dienstag, 26. Februar 2013

Sound Survivors - feelthisundastood


Release Date:
24. August 2012

Label:
Lost Hill Music / MKZWO Records / Rapublik Records

Tracklist:
01. Proem
02. Feelthisundastood (Feat. C-Rayz Walz & Killah Priest)
03. Road Of The Dead (Feat. Tos el Bashir & Canibus)
04. Cruel World Pt. 1 (Feat. Akiladahun)
05. MCs
06. Guilty (Feat. Shogun Of Dark & Masta Killa)
07. Stylistics Interloop
08. Making History (Feat. Kurupt & BAK)
09. Sparring
10. Poor Man (Feat. Aslaam Mahdi & Nino Graye)
11. Starz (Feat. Jaecyn Bayne & Planet Asia)
12. MPC Interloop
13. Beat It
14. Cruel World Pt. 2 (Feat. Copywrite, Bronze Nazareth, Planet Asia & Chino XL)
15. iHipHop (Feat. M-Eighty & Keith Murray) (Vinyl-only Bonus Track)
16. Yours Sincerly
17. End Titles

Review:
Nach zwei ausschließlich auf Vinyl erschienenen EPs ist es so weit, das neue Album (und nach "Boom Bap Blues" erst das zweite offizielle) der Sound Survivors erfährt seine Veröffentlichung. Untätig war man in der Zwischenzeit und ist man auch jetzt nicht, denn ganz abgesehen von den oben bereits erwähnten EPs ist die multinationale, deutsch-französischsprachige Kombo auf das Knüpfen eines weltweiten Netzes von gleichgesinnten HipHop-Nerds bedacht, was besonders Producer und Engineer Tom Select quer durch die Weltgeschichte führt. Ein gutes Album garantiert das natürlich noch lange nicht, doch zumindest ist die Liste der Involvierten zu "feelthisundastood" ein erster interessanter Hingucker.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Die harten Fakten zu diesem Album umschließen beispielsweise erstklassiges Mastering von Robin Schmidt, Aufnahmen in Sutdios wie jenem von Brooklyn-Veteran PF Cuttin' oder einen Beat von Apollo Brown. Den Hauptteil der Produktion stemmt übrigens - wie es nicht anders zu erwarten war - Tom Select selbst, aber auch SnaveVsCrane ist mal wieder mit von der Partie und mit Boonie Mayfield findet sich ein Noname und Emporkömmling aus dem Mittleren Westen (Colorado Springs) in den Credits. In der Gästeliste tragen sich einige illustre Namen der US-Indie-Szene ein, die großteils auf einen Knotenpunkt zurückzuführen sind, nämlich M-Eighty, mit dem man ja schon seit längerer Zeit zusammenarbeitet und der mit seinen A&R-Tätigkeiten für diverse Alben (ursprünglich für Think Differently) inzwischen auch außerhalb der Wu-Familie bestens vernetzt ist. Daraus nicht Profit zu schlagen, wäre geradezu töricht. Als ob es eine verkehrte Sache wäre, wenn ein C-Rayz Walz mit den ersten Raps des Albums dem Hörer den Welcome-Drink reicht. Es folgen mit Marabou und 2Fast die französischen Stimmen, den Abschluss macht Killah Priest. "feelthisundastood" ist direkt der Titeltrack und meint im Übrigen, laut Tom Select, das Verstehen nicht nur auf geistiger, sondern auch auf Gefühlsebene. Für das Album selbst bedeutet es nicht viel mehr als schon bei vergangenen Projekten: Man hält alles einfarbig "real", dafür davon mit kräftigem Farbstich, es sind immer noch die "Boom Bap Blues", die aus den Boxen wummern. Bei den vier Emcees hat sich nicht viel geändert, in bedächtigem Tempo (dem sich die Beats praktisch durchwegs anpassen) wird nach wie vor die marode Szene angeprangert, die eigene Verbundenheit zum echten HipHop beteuert sowie ab und an ein wenig der tiefe Wortschatz angedeutet, mit dem schon früher sehr geizig umgegangen wurde. Ein sehr positives Paradebeispiel hierfür ist "MCs": Umrahmt von passendem Sample aus "Der große Diktator" ziehen Kick und Snare gemächlich ihre Kreise, eine Akustikgitarre induziert einen trüben Anstrich und die Wortathleten führen ihr Musikgenre durch den metaphorischen Kriegsschauplatz. In ähnlichem Anzug kommt "Poor Man" daher und besticht als Nummer über den erschöpfend harten Alltag im geistigen Erbe der Worksongs. Genau mit solch ernster Stimmung konnten die Sound Survivors schon immer punkten. Und wie schon auf früheren Werken sind es falsche Songkonzepte, fehlorientierte Produktionen sowie ausgereizte Samples, welche die Tiefpunkte ausmachen: "Cruel World" fehlt schon auf instrumentaler Ebene der Biss, da können weder Akila noch eine recht wahllos zusammengewürfelte Posse (derer es ohnehin mehr als genug gibt) nicht viel ausrichten; "iHipHop" sieht als Vinyl-Bonus interessant aus, Tom Selects Beat klingt dann aber doch eher wie eine 1-zu-1-Kopie von Apollo Browns "Desperation", das Konzept (die Ode ans Genre) ist zum Einschlafen, da austauschbar inszeniert. Apropos Apollo Brown, der steuert "Guilty" bei, über dem das Wu-Tang-Logo weht und das sich sehr gut ins Albumbild fügt (dass der abgeklärte, auf dem langsamen Instrumental bestens funktionierende MK hier die Lorbeeren abräumt, muss nicht extra erwähnt werden). Muhammad Ali leitet das langweilige "Sparring" ein, "Starz" steuert in eine zum Album-Fluss nicht parallele Richtung und das eigentlich sonnig und mit Kurupt beginnende "Making History" wird ab dem Moment unaushaltbar, ab dem BAK das Mic ergreifen - lokale Battle-Rap-Legenden hin oder her, die zwei hätte man lieber nicht eingeladen. Denn ansonsten gibt sich das Album nicht viel Blöße, sei es nun bei einem großartig minimalistischen "MPC Interloop" oder einem perfekten Outro ("End Titles").

Die Sound Survivors sind immer noch die HipHop-Fans, die wahrscheinlich mehr Freude daran hatten, persönlich mit Killah Priest zu arbeiten, als daran, ihn als Feature auf ihrem Album führen zu können. Das macht einen der Charakterzüge des Albums aus, der zwar auf dem jetzigen qualitativen Niveau fördernd wirkt, gleichzeitig aber auch einer der Gründe ist, warum "feelthisundastood" unmöglich ein herausragendes Album hat werden können: Mit diesem konventionellen BoomBap, der an keiner Stelle eine Überraschung bietet, wird man über ein gewisses Maß nicht hinaus kommen, zumal die Survivors allesamt eher der ruhige Typ am Mic sind, ohne dabei aber das bestechende Charisma eines GZA oder Masta Killa vorweisen zu können. Genug Songs dieser Platte zeigen, wie man eine ununterbrochene, ernste Grundstimmung hätte legen können, "Revolution" zeigte seinerzeit, wie man in selbige gelungen Abwechslung einzubauen vermag. Mit einem solchen Konzept könnten die Sound Survivors ihre lyrische Stärke voll ausspielen und dem Fluch des zu gewöhnlichen BoomBap-Albums entfliehen - "feelthisundastood" ist für Letzteres uneingeschränkt zu empfehlen, schrammt damit aber auch knapp an einer besseren Wertung vorbei.

5.8 / 10

Samstag, 29. Dezember 2012

Sicknature - Honey I'm Home


Release Date:
09. Oktober 2007

Label:
Eigenvertrieb

Tracklist:
01. Intro
02. As Sick As It Gets
03. Shootin' The Breeze
04. Bring Back The Raw Hip Hop (Feat. Q-Unique & Ill Bill)
05. Zoom In (Feat. Invocator)
06. Really Really
07. Never Say Never At All (Feat. Slaine)
08. Cycle (Feat. Dialek)
09. They Don't Know (Feat. Punchline & HAPH)
10. The Brain Wash (Feat. Capione)
11. Expression Of Words (Feat. A-Quil)
12. Room of The Past

Review:
Heutzutage kennt man Sicknature als Teil der Snowgoons-Crew und gefragtesten dänischen Producer in amerikanischen Kreisen. Doch 2007 war dem noch nicht so und schon gar nicht zu Beginn von Sicks Karriere. Denn bereits 1998 veröffentlicht er Material, damals allerdings noch unter dem Namen Acorn. Nach einem weiteren Album ein Jahr später ("Limitless Prospects") kommt im Jahr 2001 "The Sicknature" sowie haufenweise Stress mit Labels. Der Albumtitel wird zum eigenen Namen, 2005 folgt "The Outbreak", ein Jahr später kann er seine bedeutsame erste Zusammenarbeit mit Ill Bill vermelden, was schließlich die später ausschlaggebenden internationalen Tore öffnet. Da Sick seine bisherigen Werke allesamt nicht als Debütalbum zählt, geht er ein ebensolches 2007 mit "Honey I'm Home" an.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Diesmal gibt es kein dänisches Label, das hinter dem Album steht, Sicknature setzt auf Eigenvertrieb und somit auch komplette künstlerische Freiheit - daher auch der Titel "Honey I'm Home", der eine Rückkehr zum unverwässerten Hardcore-HipHop markiert, denn genau in diesen Gefilden ist Sicknature zuhause. Als weiteres Merkmal produziert Jeppe Andersen fast alle Tracks selbst, denn da es zu Zeiten seiner ersten Rap-Schritte keine Produzenten gab, fing Sick selbst damit an und schärfte so sein Können in dieser Disziplin beständig weiter. Unklarheiten darüber, was einen hier eigentlich erwartet, sollten durch die Referenzen aufgeklärt werden: Sick steht in den Credits von Ill Bills "Black Metal", produziert zusammen mit Bill auf der zweiten AOTP-Scheibe und hat auch beim gerade im Aufnahmestadium befindlichen "The Hour Of Reprisal" seine Finger im Spiel. Es regiert also grobschlächtiger Eastcoast-HipHop, der in einer Zeit als AOTP-ähnlich beschrieben werden darf, in der das noch als Kompliment zu verstehen ist. Sicknature selbst hat keine tiefe Stimme und klingt eher wie eine Light Version von Slaine, weswegen das mit schmetternden Fanfaren gut ausgestattete "Never Say Never At All" ("I know dudes with bullet wounds that still got a chance to fight / And got a brother in law that just beat cancer twice") auch eine gute Kombo am Mic abgibt. Dass ansonsten ein guter Teil der LP die HipHop-Szene selbst und Sicknatures Vorstellungen davon behandelt, dürfte kaum überraschen, resultiert aber in ausgesprochen überzeugenden Songs: "Shootin' The Breeze" besticht mit umfassendem, ausgefallenem Voice-Sample und einem munter drauf los reimendem Sicknature, der die Inhaltslosigkeit des Rapper-Gros anprangert, "They Don't Know" kommt mit einer typischen Pitch-Voice-Hook sicher nach Hause. Das größte Aushängeschild der Platte ist aber fraglos "Bring Back The Raw Hip Hop", das nicht nur das Anliegen der Platte kurz und bündig aufsummiert, sondern mit einem furios losgaloppierenden Streicher-Ensemble und Premo-ähnlich zusammengescratchter Hook vorführt, wie man den wild-aufbrausenden Stil, der in den Folgejahren von der AOTP und AOTP-Kopien so oft versucht und wiedergekäut wurde, richtig angeht. Dazu gibt es noch einen schaustehlenden Auftritt von Q-Unique mit Zeilen wie "My identity is decorated with Rock Steady credentials, Zulu infinity lessons, droppin' heavy essentials / I was born and raised on the pioneers, while the old school for some doesn't stretch for five years / Truly the last of a dying breed, the messiah of HipHop, coming to save those who cry in need". Über das ganze Album hinweg fällt auf, wie unverbraucht Sicknatures Herangehensweise an ein ausgelutschtes Formular anmutet, was nichts daran ändert, dass sich auch der eine oder andere austauschbare Song findet ("The Cycle" oder "Really Really", das den Fake-Gangstern auf die Finger klopft). Außerdem schlägt sich noch die Affinität zum Metal, die auf die Kappe des großen Bruders geht, im von Jacob Hansen produzierten "Zoom In" durch - nicht unbedingt schlecht, aber in keinster Weise ins Album passend. Schnitzer leistet Sicknature sich sonst keine mehr, vor allem das dem Intro (das kurz alle Song-Titel in einem sehr gestellten Text aneinanderreiht) folgende "As Sick As It Gets" poltert nochmals erfreulich kräftig durch die Boxen.

Dafür, dass Sicknature als Rapper erstmal eine unauffällige Erscheinung macht, legt er auf einigen Tracks gut los, und wieso Ill Bill ihn als Produktionspartner so schätzt, wird auf diesem kleinen Album ebenfalls klar. Dass Sicknature die üblichen Themen streift (an einer Stelle kommt kurz die lokale Politik zur Sprache), verwundert ebensowenig wie es stört - er ist einfach ein typischer Real-Keeper. Das soll an dieser Stelle nicht negativ gemeint sein, denn für sein Album reichen die guten Ideen vollkommen aus. Die Gäste sind gut gewählt, womit das Zielpublikum eigentlich bedenkenlos zugreifen darf. Neben einigen schwächeren Songs ist der einzige Kritikpunkt die fehlende Geschlossenheit, der man durch bessere Gliederung und Weglassen des Metal-Crossovers entgegenwirken hätte können. Doch selbst mit diesen Makeln ist "Honey I'm Home" noch empfehlenswert.

6.5 / 10

Sonntag, 16. September 2012

Nujabes - Spiritual State



Release Date:
03. Dezember 2011

Label:
Hyde Out Productions

Tracklist:
01. Spiritual State (Feat. Uyama Hiroto)
02. Sky is Tumbling (Feat. Cise Star)
03. Gone Are The Day (Feat. Uyama Hiroto)
04. Spirale
05. City Light (Feat. Substantial & Pase Rock)
06. Color of Autumn
07. Down on the Side
08. Yes (Feat. Pase Rock)
09. Rainy Way Back Home
10. Far Fowls
11. Fellows
12. Waiting for the Clouds (Feat. Substantial)
13. Prayer
14. Island (Feat. Uyama Hiroto & Haruka Nakamura)

Review:
Ebenso wie sein Wirken in der westlichen Welt einen eher überschaubaren Hörerkreis beeinflusste, hielt sich auch die Vergötterungswelle nach Nujabes' beinahe zwei Jahre zurückliegendem, tragischem Tod in Grenzen. In Japan mag das anders (gewesen) sein, jedenfalls blieb auch die sonst so beliebte Leichenfledderei (vielleicht weil es einfach kein Material gab) aus, lediglich das von Seba Jun selbst begründete Hyde Out Productions kündigte recht bald die Veröffentlichung eines dritten, Post-Mortem-Albums an, mit dem man sich bis jetzt Zeit ließ. Mit "Spiritual State" liegt nun also das letzte Vermächtnis des einmaligen japanischen Produzenten vor.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Dass man der Sache kritisch gegenüberzutreten hat, sollte klar sein, auch ein Vergleich mit "Metaphorical Music" oder "Modal Soul" ist nicht angebracht. Bei anderen Künstlern sollte man ja schon froh sein, wenn das Vermächtnis mit einem solchen Album nicht mit Füßen getreten wird, in diesem Fall darf man allerdings sogar auf etwas mehr hoffen, sofern man Hyde Out eine gewisse Qualitätskontrolle zugesteht. Vielleicht liegt es daran, dass selbst das unsortierte Material, das aus Nujabes' Hinterlassenschaft zusammengekratzt wurde, einen entsprechend hohen Standard hält oder daran, dass Seba, dessen Diskographie gemessen am Output, der heutzutage bei einigen Künstlern zu beobachten ist, gegen die leere Menge strebt, sehr selektiv mit dem war, was auch tatsächlich aufgenommen wurde, jedenfalls muss sich für "Spiritual State" niemand schämen. Dem Aspekt der Gesamtkomposition, der genau durchdachten Platzierung der Tracks, darf natürlich nicht das volle Gewicht beigemessen werden, denn wie zu erwarten war und wie sich auch schnell herausstellt, sind es mehr die Einzelstücke, die auf eigene Faust in die entrückt schöne Welt von Nujabes führen. "Spiritual State" gibt da als Album-Opener direkt das beste Beispiel ab, spannt mit herzlichem Klavierspiel seinen Spannungsbogen genau über seine sechseinhalb Minuten Spielzeit und erreicht damit eine Klasse, die sowohl von Schwermut als auch einer beruhigenden Entspanntheit zehrt, insgesamt vollkommen für die unschuldige, elegante Schönheit steht (nebst Rasseln kommt kein Schlagwerk zum Einsatz), die Nujabes zugeschrieben wird, und die die Heerscharen an Nujabes-Plagiatoren zurück in die Schulbank schickt. "Spiral" geht in eine ähnliche Richtung, sammelt seine Punkte aber mit einer satten Kick als Unterstützung. Die von Nujabes gewählten Instrumente sind oftmals Klavier und Akustikgitarre, Ersteres regiert die Tracks, in denen MCs zugegen sind. Gerade hier schleichen sich allerdings schwächere Momente ein: "Waiting For The Clouds" erscheint wie auch "City Lights" etwas matt, Substantial wirkt kraftloser als gewohnt. Pase Rock, nie der weltbeste Rapper, passt zwar ganz gut in "Yes", mit acht Minuten hätte man sich hier allerdings kürzer fassen können. Klarer Gewinner am Mic ist Cise Star, das Cyne-Mitglied profitiert zwar zugegebenermaßen in "Sky Is Tumbling" von vielschichtigen Klavierläufen, zeigt sein Gefühl für Nujabes' Untersatz aber (u.a.) auch mit einer starken Hook, was einmal mehr zum Wunsch nach mehr gemeinsamen Tracks von Cyne und Nujabes führt. Doch die besten Minuten feiert Nujabes alleine: Zwar wirken einige Tracks ("Color Of Autumn" oder "Fellows") streckenweise etwas unausgereift, Diamanten gibt es aber zur Genüge: "Gone Are The Days" swingt charmant um die Ecke, "Dawn On The Side" ist eines der Nujabes-typischen, nachdenklichen und besänftigenden Edelstücke, "Rainy Way Back Home" verbindet meisterlich Klavier und Gitarre und steuert damit wie auch "Prayer" in die melancholische Richtung. Letzte noch unerwähnte Großtat ist damit "Far Fowls" als (gewohnt atmosphärische) Kombination aus Flöte und Gitarre.

"Spiritual State" zählt als Nujabes' drittes Album und macht seinen zwei Vorgängern keine Schande. Die posthume Greueltat, die vielen anderen Künstlern angetan wurde, bleibt aus, was einerseits für die Verantwortlichen bei Hyde Out spricht, andererseits aber auch für Nujabes und dessen Klasse. Was die Scheibe von ausschließlichem Lob abhält, ist einerseits das Fehlen von Nujabes, der zweifelsohne eine etwas zusammenhängendere Gesamtkomposition vorgenommen hätte (manche Übergänge muten doch etwas abgehackt an), andererseits ist es die (geringe) Zahl eher mittelmäßiger Songs, die resultierend sondiert dasteht und so mehr ins Auge (bzw. Ohr) sticht. Trotzdem ist "Spiritual State" eines der besten Alben des Jahres, für den Nujabes-Fan Pflicht und für alle, die mit der jazzigen Sorte HipHop etwas anfangen können eine unbedingte, nur knapp die vier Kronen verpassende Empfehlung.

7.2 / 10

Samstag, 28. Juli 2012

Moka Only & Chief - Crickets





Release Date:
08. November 2011

Label:
Feelin' Music

Tracklist:
01. Crickets
02. Mess Around
03. Let It Show
04. For Always
05. In Here
06. Form The Future
07. Relief
08. What To Do
09. Tropicana
10. Show
11. Next Step
12. It's All Us
13. Appreciation
14. First Time Back
15. If You Want It
16. The New





Review: 2008 ist das Jahr, in dem der Grundstein zu hiesigem Album gelegt wird. Der Schweizer Producer Chief und sein Label Feelin' Music schicken sich an, in der internationalen HipHop-Welt ein wenig Bekanntheit zu erlangen und signen dabei unter anderem das kanadische Arbeitstier Moka Only, der zu diesem Zeitpunkt schon zig Alben auf dem Konto stehen hat. Mit "Lowdown Suite 2: The Box" kommt noch eines hinzu, auf dem es die erste Kollabo von Moka und Chief zu hören gibt. Man versteht sich von Anfang an gut, erkennt aber erst gut zwei Jahre später, dass die Chemie so gut passt, dass man eigentlich direkt ein komplettes Album zusammen aufnehmen könnte. Inzwischen hat Moka schon diverse weitere Alben veröffentlicht und auch Chief ist mit "Collabo Collection" und einem jüngeren Instrumental-Tape ins Land hinausgezogen. Ende 2011 kommt man mit "Crickets" dann endlich wieder zusammen.


WRITTEN FOR Rap4Fame

 Die Ankündigung, hier vielleicht das beste Indie-Album des Jahres vor sich zu haben, ist ebenso hoch gegriffen wie falsch, doch ein überheblicher Pressetext sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Kollabo durchaus interessant ist. Man muss natürlich irgendwie mit Moka Only's Art zurechtkommen, diesen monotonen, unaufgeregten und immergleichen Raps, die den Hörer nie fesseln und meist nur Beiwerk sind - denn das ist auch hier der Fall -, doch ist diese Hürde genommen, warten die leckeren Sound-Konstrukte von Chief, der das fabriziert, was man von ihm schon kennt: luftige BoomBap-Baupläne, überzuckert mit lockeren, jazzig angehauchten und oft schlichtweg entspannten Sample-Spielereien, die einen Relax-Faktor garantieren, den man auf anderen HipHop-Platten selten bis gar nicht findet. Deswegen muss Moka mehr als zufrieden sein, denn über einen so kohärenten und gelungenen Untersatz kann er sich nicht auf jedem seiner Alben hermachen. Dass das Album mit Grillenzirpen beginnt, ist beim Titel schon fast Pflicht, "Crickets" legt kurz darauf einen sehr gemächlichen, nahezu schon trägen Start ins Album hin, der mit "Mess Around" auch noch weitergeführt wird. Doch man sollte sich nicht abschrecken lassen, denn Moka und Chief legen früh genug los, um dann konstant qualitativ ansprechende Kost zu verfüttern, die unter anderem in Schmuckstücken wie dem Sax-geschwängerten "Show" endet - wen stört es da, dass man dem, was Moka zu erzählen hat, nicht zuhört? Das ist sowieso nicht der Sinn des Albums, denn zugegebenermaßen ist es nicht so, als vollbrächte der Emcee hier Großtaten - schon gar nicht in textlicher Hinsicht. Doch er begnügt sich mit der Rolle des Rappers, der schlichtweg gut zu seinen Beats passt. Damit ist ein wirklich atemraubendes Album natürlich ausgeschlossen, doch das war von Anfang an nicht der Plan. Diese Songs wurden zum nebenzu Ausspannen gefertigt - oder einfach, um den Hörer mit unanstrengender Musik durchatmen zu lassen. "For Always" führt mit fidelem Pianolauf und ein wenig Trompete vor, wie man's macht, der Großteil der Songs folgt: Herausragende Highlights gibt es fast keine, Überraschungen noch weniger, der springende Punkt ist der durchgehende Vibe der Platte, der von kleinen Dingen wie dem schönen Klaviereinsatz in "Next Step", dem Voice-Sample im (sogar für dieses Album) ruhigen "First Time Back" oder dem Dickicht, durch das "Tropicana" wummert, lebt und seinen Charme bezieht. "It's All Us" ist die treffendste Aussage, die Moka von sich gibt, was im gleichnamigen Song nochmal deutlich unterstrichen wird. Kurze, instrumentale Interludes zu Ende vieler Songs gehören übrigens auch zum Programm, das mit "The New" ein wieder sehr unaufgeregtes Ende findet. 

Zugegeben, es gibt wenige Alben, die harmloser sind als die Kollabo von Chief und Moka Only. Doch das ist noch lange nichts Schlechtes, man darf dieses Album eben nur zum richtigen Anlass einwerfen: Wen der Großteil der Releases das Jahres anstrengt, wer HipHop sucht, mit dem er problemlos verschnaufen kann, der ist hier an der richtigen Adresse und wird kaum besseren Balsam für seine Ohren finden als Chief's milde Produktionen. Hart gesprochen und gewissermaßen ist "Crickets" damit allerdings auch Hintergrundmusik, was sich u.a. in Symptomen wie dem Fehlen richtiger Highlights äußerst. Diese 50 Minuten fahren ein recht konstantes, gut genießbares Level, das trotz überschaubarer Wertung für oben genannten Anlass uneingeschränkt empfohlen werden kann.

6.2 / 10

Dienstag, 20. Dezember 2011

Dope D.O.D. - Branded


Release Date:
23. September 2011

Label:
Dope D.O.D.

Tracklist:
01. Branded
02. What Happened
03. The Island
04. Real Gods (Feat. Simon Roofless)
05. Combust
06. Ghost And The Darkness
07. Redrum
08. Psychosis (Feat. Sean Price)
09. Slowmotion
10. Cosmosis Jones
11. Pandora's Box
12. Witness The Crispness
13. Gatekeepers
14. Candy Flipping
15. Blaow!!!!
16. Mothership
17. Dark Age

Review:
Es wird höchste Zeit, sich mit dem Phänomen Dope D.O.D. etwas näher zu beschäftigen, einer Gruppe, die sich praktisch mit einem Musikvideo, welches Anfang des Jahres 2011 Premiere feierte und inzwischen schon die Vier-Millionen-Grenze bei Youtube am Horizont sieht, ins Rampenlicht katapultiert hat. In Hollands Stadt Groningen findet man zusammen, zuerst sind Skits Vicious und Jay Reaper nur das Duo Of Darkness, dann stößt noch Dopey Rotten hinzu und man gelangt zum jetzigen Bandnamen. 2008 vertreibt man das kaum beachtete, zehn Tracks starke "Fountain Of Death" übers Netz, 2009 belegt man in einem niederländischen Contest den dritten Platz und bereitet sich für das offizielle Debütalbum vor. Bis es dann so weit ist und "Branded" an den Start gehen kann, vergeht noch fast das ganze Jahr 2011, weswegen man die Wartezeit mit der "Evil E.P." verkürzt.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Was also macht dieses Trio, abgesehen von einer sehr schrägen und verrückten Selbstinszenierung in Musik- und sogar Vorstellungsvideos, hinter denen fähige Köpfe aus dem direkten Umfeld stehen, so besonders? Einerseits ist es genau die Tatsache, wie gut sie sich zu vermarkten wissen, andererseits ist es natürlich die Musik selbst, die nach eigener Aussage an den Hardcore der (ostküstlichen) Neunziger angelehnt ist, faktisch damit aber doch nur gemein hat, dass es ordentlich hart zur Sache geht. Dope D.O.D.'s Mittel und Wege sind nämlich andere, definitiv zeitgemäße - mit veraltetem Sound wird man also nicht konfrontiert. Zusammengefasst kann man sagen: Dope D.O.D. sind HipHop-Dubstep. Das ist natürlich nichts Neues und gehört vor allem in England zum Alltag, doch die drei Holländer tauchen diese Fusion mit ihrer Außenseiter-Perspektive und dem doch öfter durchscheinenden BoomBap-Fundament (oder zumindest den dort liegenden Einflüssen) in ein etwas anderes Licht, das ihnen auch ganz ohne Videopräsenz sehr hohen Wiedererkennungsfaktor einbrockt. Den Anfang setzt man am besten bei "What Happened", da es die Gruppe so treffend charakterisiert: Ein kurzes Intro dekoriert dem Song eine bedrohliche Atmosphäre, in die mit dem Einsetzen von Jay Reaper wummernde Dubstep-Bässe einfallen und so eine erstaunlich gute Fusion hinbekommen. Es schließt sich Skits Vicious an, der tief- und raustimmige, inszenierte Psychopath der Gruppe, zu dem Dopey den eher unauffälligen Gegenpol bildet. Thematisiert wird der eigene Weg zum Erfolg, der logischerweise über haufenweise Leichen (bevorzugterweise von schlechten Emcees) geht, außerdem werden mit sehr bildhaften Battle-Raps die Geschwüre der HipHop-Szene entfernt. Mehr als die Hälfte der Beats stammt vom mehr oder weniger vierten Mitglied Peter Chimunja Songolo, den Rest besorgen andere Unbekannte. Das Klangbild ist übers ganze Album hinweg sehr einheitlich und variiert nur in der Stärke des Dubstep-Einflusses. Ein Track wie "Real Gods" beispielsweise (mit Simon Roofless von Da Goldminerz) ist schlicht und ergreifend düsteres New-York-Material, deshalb aber nicht weniger gut. Dope D.O.D. erzwingen nie etwas, hier liegt wahrhaftig eine Symbiose vor. In Butter ist deswegen allerdings noch lange nicht alles, denn der größte Feind der LP ist die Monotonie, die gerade diese Symbiose in sich birgt und die viele Tracks mit starkem Dubstep-Einschlag gleich klingen lässt. Tracks wie "Mothership" oder "Blaow!!!" sind deshalb anstrengend, zumal Jay Reaper sein hartes Auftreten durch teils grenzwertig peinliche Lines ("I'm the one who told George Bush that he could be a president", "We the ones who came with that fish dick joke and niggas ripped it") untergräbt. Deshalb überzeugen vor allem die Tracks, die etwas Abwechslung ins Spiel bringen: "Slowmotion" allein wegen des langsamen Tempos, "Candy Flipping" mit seinem im Album amüsant fremd wirkenden, entspannt-lockeren Outfit (welche Sorte "Candy" gemeint ist, stellt sich schnell heraus) oder "Pandora's Box", das mit herkömmlicheren Mitteln eine nicht minder bedrohliche Stimmung kreiert. Ein sehr interessanter Punkt ist das Sean-Püü-Feature, doch der Duck-Downling macht keine Anstalten, sich zu integrieren und klingt leider so deplatziert, wie es auf dem Papier aussieht. Zu den Sternstunden der LP zählen dagegen der Opener, das abschließende "Dark Ages" sowie "Witness The Crispness", der beste Dubstep-Crossover, in dem vor allem Skits Vicious aufgeht und mit dem Beat verschmilzt ("Witness the crispness, Skits is the vicious / I got a girl, too, but your chick is my mistress / I'm committed to commit seven sins").

"What Happened" mag Hoffnungen auf Großes geweckt haben. Denen kommen Dope D.O.D. nicht ganz nach, was irgendwo auch schon abzusehen war. Schlecht oder eine Enttäuschung ist "Branded" deshalb allerdings nicht, denn es zeigt einerseits, dass die Brücke zwischen dem Ami-Hardcore, der als Vorbild dient, und dem eigenen, sehr markanten Sound, der gerade mit "What Happened" unverrückbar postuliert wurde, geschlagen werden kann und dass Dope D.O.D. auf beiden Seiten und auch mitten auf dieser Brücke wissen, was zu tun ist. Die Jungs sind auf einem vielversprechenden, noch nicht ausgetrampelten Weg, wenn sie weiterhin an sich und ihrem Stil arbeiten werden die ganzen Ungereimtheiten von "Branded" hoffentlich von alleine verschwinden.

6.2/ 10

Freitag, 25. November 2011

Ghost - Seldom Seen, Often Heard


Release Date:
20. März 2006

Label:
Breakin' Bread / Musicforheads

Tracklist:
01. Part Of My Life Intro
02. Seldom Seen, Often Heard (Feat. Verb T, Kashmere & Asaviour)
03. Basic Instinct (Feat. Abstract Rude)
04. Make A Difference (Feat. Lowkey)
05. Music (Skit) (Feat. Disorda a.k.a. Johnny Zig Zag)
06. The Pay Off (Feat. Verb T & Asaviour)
07. Valley Of The Legends (Feat. Kashmere)
08. Talk To Me (Feat. Debbie Devorah)
09. Invisible Inc (Feat. Verb T, Kashmere & Asaviour)
10. Alien Invasion (Feat. Finale)
11. On The Right Track (Feat. Asaviour)
12. Through The Hills (Feat. Mudmowth)
13. Music For The People (Skit)
14. Learn Respect (Feat. Dubbledge)
15. Better Tomorrow (Feat. Asaviour & Verb T)
16. Round Trip
17. Seldom Seen (Outro)

Review:
Er taucht 2002 in der Szene in Großbritannien auf und ist seitdem als Geheimtipp kaum mehr wegzudenken: Ghost unterschreibt 2003 bei Breakin' Bread und veröffentlicht zwei EPs und einige Singles, die sogar kommerziell (für einen Neuling aus dem Untergrund) überdurchschnittlich gut laufen. Der Produzent und DJ hat eine wöchentliche Show bei Itch FM und verbringt als das Arbeitstier, das er ist, den Großteil seiner überschüssigen Zeit im Studio - daher übrigens auch der Name, denn Frischluft wird abschnittsweise nur dann konsumiert, wenn Essen oder Gras alle sind. Trotzdem lässt er sich für sein Albumdebüt Zeit, plant genau, was zu hören und wer beteiligt sein soll, setzt sich dann mit einer Auswahl nicht nur britischer Künstler zusammen und kann 2006 "Seldom Seen, Often Heard" präsentieren.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Im Gegensatz zu seinen späteren Alben ist das Debüt zumindest hinsichtlich des Aufbaus ein Producer-Album, wie man es von unzähligen anderen Beat-Klempnern ebenfalls kennt. Damit hat man die Parallelen zu anderen Producer-LPs aber auch schon komplett aufgelistet. Das sonstige, stupide Aneinanderreihen von Tracks mit möglichst illustren Gästen sollte man hier gar nicht erst erwarten. Ghost hat in Verb T, Asaviour und Kashmere drei feste Freunde und Brüder im Geist gefunden, die auch hier den Kern der vertretenen Emcees bilden, dazu kommen einige präzise gewählte und vor allem ins Konzept passende Gäste - die Zeit, die sich Ghost vor Aufnahme des ersten Tracks genommen hat, um sein Album erst einmal zu durchdenken, war gut investiert. Die Grundbotschaft, die er transportiert, ist die Musik selbst, der Weg ist das Ziel der Reise, die dieses Album bietet. Ghost's Stil zu beschreiben, fällt gar nicht so leicht, denn wenngleich sich typische BoomBap-Elemente finden, pflegt er in allen seinen Werken einen ganz eigenen Charakter, der sich vor allem durch die jedem Song innewohnende Ruhe auszeichnet. Die wird grundlegend durch intensives Arbeiten mit Samples erreicht, im Speziellen jedoch mit der Wahl und Zusammenstellung jener Samples: Wo man auf anderen Scheiben einen Teil der Samples kennt und sofort die Brücke zu verwandten Platten schlägt, schafft Ghost es tatsächlich, einen eigenen Sound zu etablieren. Seine Waffen sind dabei vereinzelter Klaviereinsatz, viel Akustikgitarre, im Hintergrund arbeitende Streicher, Flöte und ein allen Songs als gemeinsamer Nährboden dienender, etwas angestaubt klingender Vibe, der die LP wie Kleister zusammenhält. In "Make A Difference" kommt sogar eine Harfe (wie immer bei Ghost wird diese jedoch nicht zu sehr in den Vordergrund gestellt) zum Einsatz. Es ist kaum verwunderlich, dass Ghost seine großen Momente in besonnenen Tracks feiern kann, die den Hörer dazu einladen, den Geist treiben zu lassen: Das eröffnende "Seldom Seen, Often Heard" braucht für seine magische Atmosphäre nicht viel mehr als zwei Piano-Loops und das ferne Rauschen von perfekt eingesetzten Rasseln, die den Hörer wie Nebelschwaden im ersten dichten Klangerlebnis einfangen. Dass sich dazu noch die wichtigsten Emcees der Platte vorstellen, ist nur rechtens. Alle drei profilieren sich noch mit weiteren Tracks: "The Pay Off" berichtet von der harten Arbeit, die man in seine Tätigkeiten steckt, "Better Tomorrow" erklärt sich praktisch selbst, "On The Right Track" (mit schönen Cuts von DJ IQ) trägt lose einige von Asaviour's Ansichten zusammen und lebt dabei weitesgehend vom relaxten Outfit, das Ghost bereitstellt, und "Invisible Inc" führt nochmal die gesamte Truppe zusammen. Dazu kommen einige weitere Gäste, vom ebenfalls eng mit Ghost zusammenarbeitenden Dubbledge über die gut eingebaute Sängerin Debbie Devorah bis hin zu zwei Amis: Ein (zu jener Zeit) gänzlich unbekannter Finale aus Detroit bekommt einen perfekt auf ihn und seinen halb genuschelten Flow zugeschnittenes Instrumental, Abstract Rude wird in die unendlichen Weiten, die in "Basic Instinct" von verträumtem Flötenspiel ausgebreitet werden, geschickt und referiert darüber, was ihn und seine Mitmenschen antreibt. Bevor das stimmungsschwere Instrumental "Round Trip" (mit Biscuit's Flöte als Abrundung) den Hörer auf einen letzten Trip schickt und einen Vorgeschmack gibt, was auf "Freedom Of Thought" ausführlicher geboten sein wird, findet sich außerdem noch ein putzmunterer Mudmowth, der sich im von Glockenspiel begleiteten "Through The Hills" pudelwohl fühlt:

"I was nine when I started rhymin' and cypherin'
Aspiring, to be the king of punchlining
Working on my timing, strugglin' and strivin'
A ten year old with Shakespeare-style writing
And I'm still shining with such diverse flows
My piss stream does cart wheels in toilet bowls
"



Die große Stärke von Ghost ist, dass er sich nicht strikt einer Schublade zuordnen lässt, weswegen er potentiell auch für jeden interessant ist, wobei er dieses potentielle Interesse durch die gebotene Qualität nicht nur rechtfertigen, sondern sogar doppelt unterstreichen kann. Außerdem tut er das einzig Richtige, was man auf einem Producer-Album machen kann: Er wählt seine Gäste sorgfältig, achtet darauf, dass jeder Gast auch wirklich an seinen Platz passt und dort nicht wegen seines Names sitzt, er wählt eine überschaubare Anzahl und baut auf einem Dreierkern (Asaviour, Kashmere und Verb T) auf. Rechnet man nun noch seine eigenständige, oft überragende Produktionsarbeit ein, kommt man mit "Seldom Seen, Often Heard" auf ein stimmiges Album, das zwar nicht zu jeder, aber fast jeder Sekunde begeistert.

7.8 / 10

Donnerstag, 17. November 2011

Moongod Allah - Ten Tigers Of Kwantung


Release Date:
Mai 2001

Label:
Moonlight Records / Ringz & Partners Inc.

Tracklist:
01. Trial Of The Broken Blades (Feat. Origin & Fraze)
02. Instructor Of Death (Feat. Doc Blake & Coltrane)
03. Moon Warriors (Feat. Cilvaringz, Origin, Fraze, Magpie, Doc Blake & G.I. Samurai)
04. Dinasty Of Blood (Feat. Cilvaringz & Fraze)
05. Saviour Of The Soul (Feat. Cilvaringz & Doc Blake)
06. The Wong Masters (Feat. Cilvaringz & Origin)
07. Shaolin Handlock (Feat. Magpie)
08. Singing Killer (Feat. Cilvaringz, Fraze & G.I. Samurai)
09. A Taste Of Cold Steel (Feat. Cilvaringz)
10. Come Drink With Me (Feat. Origin & Magpie)
11. Science (Feat. Origin) (Bonus)

Review:
Wer sich mit dem europäischen Zweig der Wu-Tang-Familie befasst, der stößt nach Cilvaringz direkt auf Moongod Allah, eine von vielen Schattenfiguren im Wu-Universum, die sich stets im Hintergrund aufhielt. Moon wohnt in den Neunzigern wie Ringz in Holland und begegnet seinem späteren Partner erstmals auf dem Basketballplatz, wo die gemeinsame Liebe zum HipHop in erste Projekte mündet, die man mit einigen Gleichgesinnten zuerst als Henchmen und dann als Lin Brotherz aufnimmt, die aber großteils unveröffentlicht bleiben. Als dank Ringz dann die Aufnahme in den Wu-Kreis erfolgt, managt Moon RZA und Konsorten auf Tour und baut eine enge Freundschaft zum Abt auf, in der er laut eigener Aussage viel lernt. Parallel dazu nimmt der holländische Producer mit seinen Lokalkumpels weiteres Material auf, das u.a. 2001 in Form des sehr limitierten, ausschließlich übers Internet erhältlichen "Ten Tigers Of Kwantung" das Licht der Welt erblickt.

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Diese Scheibe markiert den ersten von drei Teilen aus der "Trilogy Of The Swordsmanship" (wobei der dritte, eine Kollabo mit Bronze Nazareth, zwar fertiggestellt aber nie veröffentlicht wurde), doch selbst ohne die Anmerkung sollte niemand auch nur die geringsten Probleme damit haben zu erraten, was ihn hier erwartet. Es ist kein Wunder, dass sich diese Bande Niederländer zum Wu-Tang Clan hingezogen fühlt, denn ganz offensichtlich wird die Liebe für Kung-Fu-Streifen geteilt, seinen Albumtitel leiht sich Moongod von einem Machwerk der Shaw Brothers und im Prinzip ist die ganze LP ein eigener Kung-Fu-Film, nur eben in Hörspielformat. Die Schauspieler sind dabei praktisch alle bisherigen Weggefährten: Mit Cilvaringz und Barrakjudah (alias Origin) von den Lin Brotherz sowie Fraze, Doc Blake (alias Ganz) und Magpie von den Most High Brotherz hat man fast schon das komplette Lineup zusammen. Die Mannschaft kommt zwar aus Holland, gerappt wird aber auf Englisch, und das ganz und gar nicht schlecht. Das hervorstechende Merkmal der Scheibe ist dabei jedoch trotzdem der Lo-Fi-Charakter, in seinen Grundzügen weckt das Album Erinnerungen an "Enter The 36 Chambers", die Ausführung aber ist natürlich eine ganz andere. Moongod wählt nicht nur eine kurze und in absichtlich unsauberem Asian-English vorgetragene Geschichte als Überleitung zwischen den Tracks, fast jeder Song klingt genau so, wie man sich den "Wu-Tang-Sound", der beim eigentlichen Clan nur selten dominiert hat, vor: Fernöstliche Samples, Flöten, Streicher oder diverse andere Instrumente, die teilweise einfach nur in den gewünschten Rahmen gerückt werden, dienen als Kulisse für die Geschichte um Bai Me, einen Martial-Arts-Schüler, der von Meister Kai Sing in die Welt hinausgeschickt wird und der sich einen deftigen Schlagabtausch mit den "Moon Warriors" liefert. Den Emcees ist dabei keine feste Rolle zugewiesen, Cilvaringz spielt beispielsweise einen der Moon Warriors, um später dann im mit großartigen Streichern bedeckten "Wong Masters" als früherer Rivale Hung Si Kwan aufzukreuzen und gemeinsame Sache mit Bai Me zu machen, wobei Ringz' Lines neben ihrer Plotgebundenheit außerdem mit Anspielungen auf diverse Figuren im Wu-Universum gespickt sind. Ansonsten nehmen sich die reimenden Kämpfer nicht viel, sogar der in "Saviour Of The Soul" selbst zum Mic greifende Moongod legt eine ordentliche Vorstellung hin. Cilvaringz treibt die Handlung voran und berichtet von der Suche nach dem Auserwählten (welcher den vernichtenden Streit beenden soll), der sich mit seinem Auftauchen aber Zeit lässt. So kommt man in den Genuss der "Shaolin Handlock"-Technik (erneut großartig inszeniert), die Bai Me und Hung als Antwort auf die "Singing Killer"-Technik (die von Ringz nochmals farbenfroh in "A Taste Of Cold Steel" angekratzt wird) lehren. Den Schlusspunkt setzt ein geheimnisvoller Fremder mit der Aufforderung "Come Drink With Me", was von Magpie und Origin mit einer Hook versehen wird, in der man glatt ODB vermuten könnte. Als kleinen und sehr feinen Zusatz gibt es noch einen von Origin produzierten versteckten (handlungsfremden) Track, der den Hörer mit seinen Streichern einfängt.

In Kennerkreisen hört man des Öfteren, dass ein weniger kommerzialisierter Wu-Tang Clan, wäre er um die Jahrtausendwende seinen ursprünglichen Prinzipien treu geblieben, genau so klänge wie dieses Album. Ganz im Unrecht sind diese Stimmen nicht, denn Moongod Allah und seine Mannen stehen für all das, was seit Jahren immer wieder auf Wu-Alben gewünscht und gefordert wird. Dass die Emcees dabei nicht ganz auf Augenhöhe mit beispielsweise den neun Generälen sind, versteht sich von selbst, trägt aber noch mehr zur Atmosphäre der Scheibe bei - die Synchro in den Shaw-Flicks war schließlich ebenfalls nie die beste (wobei die hiesigen Raps alles andere als schlecht sind). "Ten Tigers Of Kwantung" lebt einerseits von seinem überragenden Konzept, dank dem kein Track verloren wirkt, und andererseits davon, wie die Moonlight-Jungs als ursprüngliche Wu-Fans die Essenz und Grundidee ihrer Idole neu einkleiden und so ein Album erschaffen, das so klingt, wie man es insgeheim jedem neuen Album des Wu-Tang Clans wünschen würde.

8.2 / 10

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Wildelux & Mac - The Masterplan


Release Date:
16. August 2011

Label:
Digi Crates Records

Tracklist:
01. The Masterplan
02. All My Life
03. Avant Garde
04. Sunshine
05. No Sense (Feat. D-Strong)
06. Impervious (Feat. SmooVth)
07. All Mines (Feat. Destruct)
08. Even The Playing Field
09. Alone In The Streets (Feat. D-Strong)
10. Behind The Assassination
11. Impervious (Remix) (Feat. SmooVth)
12. Tuff Love

Review:
Als einer von hunderten, die bisher unbemerkt durchs Rap-Geschehen zirkelten, ist Wildelux schon gut rumgekommen: Ursprünglich stammt der Mann aus der Bronx, wächst mit HipHop auf dem harten Pflaster des New Yorker Boroughs auf und entscheidet sich später, die Kultur zu seinem Job zu machen. Dafür zieht er 1993 quer übers Land nach LA, wo er direkt Umgang mit Leuten wie Ice-T pflegt und außerdem zur Gruppe Last Kind stößt. Um die Jahrtausendwende zieht er mit denen einen Deal mit dem Bay-Area-Label Stray an Land, was zu "Revelations" führt, welches aber wenig Beachtung erfährt - kurze Zeit später meldet Stray sowieso Insolvenz an. Für Wildelux hat sich die Sache aber noch nicht erledigt, in Eigenregie (auf Last Kind Entertainment) releast er unter seinem Alias Willmatic 2003 eine EP ("Sneak Preview"), die sich wacker schlägt. Der folgen mehr Gastauftritte (u.a. beim LA-DJ Lord Ron) und 2007 schließlich das Debüt "Hustlemania". Ein Jahr später ist er bei Tha Connection" zu Gast: Man bleibt in Kontakt, was im Zuge der Erstarkung von Digi Crates zu einer neuen Heimat führt, die 2011 schließlich in "The Masterplan" resultiert.

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Das Album ist vorerst nur digital erhältlich und ruft außerdem einen neuen Namen auf den Plan: Ein gewisser Mac, der sich als Beat-Bastler aus Schottland herausstellt, befeuert die gesamte LP. Mit einer solchen Kombo ist das Album keine Seltenheit mehr, in diesem Fall kann man Wildelux' Entscheidung allerdings auch nachvollziehen: Mac ist sicherlich kein Ausnahme-Producer und verschreibt sich klassischem BoomBap der zumeist zurückgelehnten Sorte, in diesem Metier trumpft er allerdings voll auf. Ganz richtig, "The Masterplan" ist wieder mal eines der unverbesserlichen Alben, die irgendwie nach übergestern klingen. Stören sollte sich daran allerdings niemand, denn das Duo auf der Bühne macht seinen Job erstaunlich gut. Wildelux selbst klingt mit seinem Flow so eindeutig nach New York, dass man sich ihn gut und gerne auch in den kalten Sound-Gefilden der Mittneunziger vorstellen könnte, Mac dagegen übersetzt diesen Geist erfolgreich ins Jahr 2011. Als überragendes Musterbeispiel, wie das im besten Fall klingt, wende man sich an "Even The Playing Field": Streicher bereiten dem Hörer einen herzlichen Empfang, eine wohlgerundete Kick lädt zum leichten Mitwippen ein, ein Voice-Sample addiert einen Hauch Soul, Chinch 33 arrangiert (wie auch auf der restlichen Scheibe) die klassischen Cuts und Will selbst stellt mit seiner distanzierten Performance sicher, dass die Angelegenheit nie zu weich wird. Dass der (Ein-)Topf der Inhalte doch recht überschaubar ist, tut nicht sonderlich weh. Im gutbürgerlichen "All My Life" wird in aller Ausführlichkeit die Liebe und Loyalität zur HipHop-Kultur bekundet, das ebenfalls unaufgeregte "Sunshine" gehört Wildelux' Lebensabschnitt in Kalifornien und erinnert sich an das dortige Lebensgefühl und die Leute. "Impervious" blüht erst im Remix so richtig auf und klingt dort wie ein astreiner Tha-Connection-Cut von DJ Krypto, weswegen SmooVth's Auftritt absolut ins Bild passt. Bisher noch unerwähnt ist D-Strong, mit dem Will zusammen im Trio Third Rail agiert und der auf zwei sehr starken Tracks gastiert: Vor "No Sense" wurde eine AB-Ansage von Mac geschaltet (was dank des schottischen Akzents höchst amüsant klingt), die dann einsetzenden Streicher rechtfertigen Mac's Andeutung, es hier evtl. mit einem Song fürs Album zu tun zu haben, vollends. Was natürlich nicht fehlen darf ist ein Prodigy-Sample, das in "Alone In The Streets" Einzug hält und, von einem noch besseren Streicher-Geflecht umgeben, als Schilderung des Straßenlebens eines der Highlights der Scheibe ist. "Behind The Assassination" ist eine nüchterne Analyse der Frage "Who killed HipHop?" und "Tuff Love" beschließt die LP als weiteres Resümee des eigenen Werdegangs, das diesmal als Widmung an den verstorbenen Vater die harte Erziehung und erhaltene Liebe ehrt.

Man sieht also, die Themen sind nichts, was nicht schon unzählige Male zuvor durchgekaut wurde. Trotzdem kocht Wildelux den Mix ansprechend auf, was zweifelsohne zu großen Stücken an seinem starken und souveränen Auftreten liegt. In Mac findet er außerdem einen Partner, der ihm sowohl die etwas weicheren als auch die typischen NY-Cuts bieten kann; und dies in einer Weise, die erfolgreich den Grat zwischen zeitgemäß und retro wandert. Damit ist "The Masterplan" zwar weder etwas Besonderes noch ein echter Masterplan, doch wen es nach gelungenem 2011er BoomBap gelüstet, der ist hier auf der sicheren Seite.

6.7 / 10

Swollen Members - Balance


Release Date:
31. Mai 1999

Label:
Battle Axe Records

Tracklist:
01. Ground Breaking
02. Strength
03. Lady Venom
04. Front Street
05. Bless + Destroy
06. Counter Parts (Feat. Evidence & Rakaa Iriscience)
07. Circuit Breaker
08. Out Of Range
09. Bottle Rocket (Feat. Everlast & Divine Styler)
10. Assault + Battery
11. Valentines Day Massacre (Feat. Third Raill Vic, Saafir & Big Nous)
12. S + M On The Rocks
13. Committed (Feat. Sun Doobie)
14. Left Field (Feat. Del The Funky Homosapien & Unicron)
15. Horrified Nights
16. Battle Axe Experiment
17. Consumption (Feat. Aceyalone)
18. Sinful Bliss

Review:
Wer nach dem bedeutendsten kanadischen HipHop-Act sucht, der muss in jedem Fall die Swollen Members in Betracht ziehen. Inzwischen hat die Gruppe mit dem zweiköpfigen Kern auch schon einige Jahre hinter sich, denn in den (offiziellen) Gründungsurkunden ist das Jahr 1996 zu finden: Mad Child ist damals ein aufstrebender Reimeflexer, den es nach San Francisco gezogen hat, wo er seine Karriere anfeuern möchte. Bei der Rückkehr in die Heimat Vancouver trifft er auf Prevail, der dort dasselbe treibt und mit Moka Only unterwegs ist. Man schließt sich zusammen und kann sich (auch wenn Moka kurze Zeit später den Solopfad einschlägt) in Underground-Kreisen der kompletten US-Westküste einen Namen machen (sogar mit einer Rock-Steady-Affiliation wird man geadelt). Der nächste Schritt ist die Veröffentlichung ordentlicher Musik, was 1999 das die Aufnahmen der vorigen Jahre zusammenfassende Debüt der Gruppe ("Balance", das auf Mad Child's Battle Axe Records erscheint) erledigt.

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Eine weitere Gruppe, die mit der Rock Steady Crew in Verbindung gebracht wird, sind die Dilated Peoples, die zufälligerweise auch zu den engsten Kontakten zählen, welche die Swollen Members in ihrem Nachbarland knüpfen und dementsprechend auch für die Produktion einiger Tracks verpflichten konnten (genau genommen sind es Evidence und der in selbigen Kreisen verkehrende Alchemist, die insgesamt sieben Beats beitragen). Auch sonst spricht die Gästeliste nicht unbedingt für einen lokalen Act aus Kanada, sondern für eine Gruppe aus Cali - da tummeln sich Del The Funky Homosapien, Aceyalone, Saafir oder Everlast. Über die Marschrichtung, die die Swollen Members mit diesem Album als ihre persönliche, auch über die folgenden Jahre immer mit ihnen assoziierte festlegen, sagt das noch relativ wenig aus. Da sagt der Name das Labels schon wesentlich mehr, denn die Swollen Members sind weniger in die Conscious-Ecke zu packen, als sie sich kunstvoll und bildhaft artikulierende Vertreter der Battle-Rapperschaft darstellen. Dazu kommt der Sound der Truppe, den man von einem Act der Westküste auch nicht unbedingt gewohnt ist und der (neben Namen wie Paul Nice und Kemo) als drittes Standbein den halb zur Gruppe gehörenden DJ und Writer Zodak rekrutiert. Nur sehr selten klingen Westcoast-Elemente durch, den Ton geben rohe Drumlines, Piano-Loops und vor allem deckende Streicher-Samples östlicher Schule an. Dass bei den SM nicht lange gefackelt wird, erfährt der Hörer ab der ersten Sekunde: Ein Intro wird als unnötig erachtet, es geht direkt in die Vollen, im wahrsten Sinne des Wortes: "Ground Breaking" geht glatt als Crew-Hymne durch und definiert alles, was an Mad Child und Prevail lobenswert ist: Ein dreckiger Piano-Loop schlägt die erste Schneise, es folgen brummender Bass, knüppelharte Percussions und stattliche Raps, die dem Song trotz messerscharfer Ausführung einen Hauch Lo-Fi erhalten: "Hunger still fierce, stomach still grumbles / Still pounding the pavement, watch concrete crumble / This is an underground invasion / Busting out from underneath, just to rise to this occasion". Und so heizen die zwei Emcees feurig-munter durch ihre Tracks, ohne dass man dabei (dank guter Abstimmung untereinander) Abwechslung vermisst. Trotzdem sind Auftritte der Dilated Peoples, von Everlast oder gar vom bärenstarken Saafir (der das "Valentine's Day Massacre" erst zum Massaker macht) gern gesehen. Ansonsten wird eigentlich nicht viel verändert, trotzdem hat man das Gefühl, dass hier viel passiert: Paul Nice packt zweimal Gitarrenriffs aus ("Lady Venom", "Sinful Bliss"), in Zodak's "Bless + Destroy" rennen voluminöse Klavierklänge gegeneinander an, der Alchemist zeigt sich mit akkuratem Streichereinsatz ("Circuit Breaker") in Bestform und Son Doobie prägt "Committed" mit seiner Hook. Zwischen all diesen Akteuren verlieren die zwei Steuermänner nie das Kommando und reiten zielsicher durch ihr Album, um auf dem Weg an ein paar echten Perlen vorbeizukommen, allen voran das düstere "Horrified Nights", wohl einem von Alchemist's schlagkräftigsten Streicher-Arrangements aller Zeiten, was vor allem Mad Child zu Höchstleistungen anspornt. Kleinere Mängel gibt es leider auch zu vermelden, so ist etwa "S + M On The Rocks" als semi-clubtauglicher Track nichts Halbes und nichts Ganzes, während sich "Left Field" spätestens nach zwei Minuten erschöpft hat und Mad Child in "Battle Axe Experiment" ausnahmsweise nicht zum Beat passt - doch das war's dann auch schon.

Schon die Tatsache, dass die Swollen Members es schaffen, auf ihrem Debüt mit 18 Tracks und knappen 70 Minuten Spielzeit anzutanzen, ohne den Hörer zu langweilen, sollte ein Plädoyer für sie sein. Der einzelne Hörer mag zwar den einen oder anderen Song skippen, doch insgesamt haben Mad Child und Prevail bestens abgeliefert und bewiesen, dass sie ihren Hype von Battle-Events auch gut auf einen Longplayer umsetzen können. Swollen Members fallen zwar ganz klar in die Hardcore-Sparte, "Balance" ist aber nicht so dicht gestrickt wie vergleichbare Platten und punktet stattdessen mit einer relativen, gut ausbalancierten Vielseitigkeit, die zu einem kleinen Teil den Westcoast-Einflüssen zuzuschreiben ist. Damit ist es zwar kein wegweisendes Album, aber immer noch ein durchwegs gutes, empfehlenswertes Machwerk.

7.5 / 10

Sonntag, 9. Oktober 2011

Sound Survivors - P.E.A.C.E. (Pure Energy Allows Constant Elevation)


Release Date:
23. September 2011

Label:
Rapublik Records / MKZwo Records

Tracklist:
01. The Arrival
02. P.E.A.C.E. (Feat. Shogun Of Dark)
03. 123
04. Ma Soul (Feat. Craig G)
05. Hold You
06. Weltkrieg V3.0 (Bonus)
07. Last Hill (Feat. Tos El Bashir)
08. Light Travel (Feat. Constant Elevation & 9th Scientist)
09. Who Can Help Us?
10. Gloomy Days (Feat. Aslaam Mahdi)
11. Lost Hill State Of Mind (Bonus)

Review:
Während in der heutigen Zeit viele Künstler vor der Entscheidung stehen, ein Album ausschließlich digital zu veröffentlichen oder CDs pressen zu lassen, haben die Sound Survivors die Eier, ganz gepflegt auf CDs zu pfeifen und ihr neues Projekt neben der digitalen Form lediglich auf Vinyl (als Anreiz fürs sammelnde Junkie-Zielpublikum sogar in spezieller, transparenter Form) zu veröffentlichen. So hielt man das schon bei den letzten beiden Veröffentlichungen, den ebenfalls auf Rapublik erschienenen "Tree Of Life" (mit Invincible Temple) und "Working Class Heroes", das neue "P.E.A.C.E." soll als die vorerst letzte (HipHop-)Platte in dieser Art erscheinen, für die übrigens Mitglied Marabou das Cover-Logo auf einer Reise nach China zeichnete.

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Am Gemütszustand der deutsch-französischen Truppe hat sich kaum etwas geändert, auch Aufstellung und Aufgabenverteilung funktionieren so wie früher, beispielsweise auf "Boom Bap Blues". Tom Select schustert immer noch alle Beats und die bereits bekannte Blickrichtung, die aus dem Titel des eben genannten Albums ersichtlich ist, gibt noch immer den Ton an. Genau genommen soll "P.E.A.C.E." sowieso nur eine Art Überbrückung bis zum nächsten vollwertigen Album sein, weswegen es abzüglich der Bonus-Tracks fast EP-Format hat. Wie schon klar auf dem Cover zu erkennen begeben sich die Sound Survivors ins Feld der so beliebten Apronyme: "Pure Energy Allows Constant Elevation" ist die Devise, weswegen im Pressetext gleich einmal die innere Energie des Menschen an die physikalische Einheit angehängt wird. Das ist mäßig sinnvoll, doch mit esoterischen Blödsinnsweisheiten wird im Albumverlauf glücklicherweise niemand behelligt. Vielmehr regieren wieder Texte, die gesunde Belesenheit und überdurchschnittlichen Wortschatz zur etwas unfokussierten Grundaussage bündeln, welche schon vom eröffnenden Sample Howard Beales aus "Network" (das den Großteil von "Arrival" ausmacht) zusammengefasst wird: Die Massen sind dumm und unmündig, man befindet sich in einem Dämmerzustand. Zwar sehen sich die Sound Survivors als Weise, die jene Massen adressieren, Patentlösungen gibt es allerdings keine. Die innere Energie des Menschen hat nämlich nichts mit jener aus der Wärmelehre zu tun, wie die konstante Elevation zu erreichen ist, wird nicht klar. Doch dies nur nebenbei, denn abgesehen davon sind die Texte wieder einmal wesentlich unterhaltsamer als bei vielen anderen Künstlern. Dabei ist immer noch keiner der Akteure ein Rapper der Spitzenklasse, die gemächlichen Flows geben aber auch keinen Anlass zur Kritik. Was allerdings kritisiert werden kann ist der Umstand, dass auch die Beats in diesem gemächlichen Tempo ihren Boom Bap Blues spielen und die LP so teils etwas träge daherkommt: Der Titeltrack "P.E.A.C.E." dient hier als Beispiel, wobei Gast Shogun Of Dark ebenfalls keine Abhilfe schafft. Auch "Weltkrieg V3.0" ist nicht schlecht, aber produktionstechnisch nicht unbedingt lebendig genug, um es von der "Boom Bap Blues" für einen zweiten Auftritt hierauf zu bitten. Sich des Weiteren Ayatollah's "Hold You" auszuleihen ist gewagt und kann gegen das Masta-Ace-Original nicht bestehen, wenngleich man sich nicht schlecht schlägt. Jedenfalls besser als im trist produzierten "Ma Soul" mit Lou Sparks zu Beginn und standardmäßigen Salven gegen schlechte Rapper von Craig G. Mit der B-Seite wird das Album dann besser, vor allem "Light Travel", das sein langsames Tempo erstmals richtig ausnutzt, und das in seiner Drumline vom Rest der Scheibe gelungen abweichende "Who Can Help Us?" fahren Pluspunkte ein. Es stellt sich dann noch die Frage, wieso man mit "Lost Hill Sate Of Mind" Nas' Klassiker neu interpretieren musste, ansonsten kommt man zu einem Ende ohne weitere Fehltritte.

Das größte Problem, das die Sound Survivors selbst verschulden: "P.E.A.C.E." klingt streckenweise eher wie ein Mixtape. Da wird einmal ein Beat gejackt, ein Klassiker kopiert und ein Track vom "Boom Bap Blues"-Album ans Ende der A-Seite gesetzt (Bonus-Track hin oder her). Da außerdem bei den restlichen Beats keine Offenbarungen warten (sondern stattdessen an einigen Stellen Langeweile) und weder Sound Survivors noch Gäste als Rap-Lichtgestalten glänzen, verbleiben als größtes Aushängeschild die Lyrics, die selbst Battle-Raps interessant machen. Wer also genau darauf aus ist, der darf nach "P.E.A.C.E." Ausschau halten, alle anderen können das Werk als optionale Anschaffung betrachten, sollten aber im Zweifelsfall eher zu "Boom Bap Blues" greifen oder auf das nächste Album warten.

4.8 / 10

Paul White - Rapping With Paul White



Release Date:
23. August 2011

Label:
One-Handed Music

Tracklist:
01. Intro: We Make A Lot Of Noise
02. Right On
03. Trust (Feat. Guilty Simpson)
04. Run Shit (Feat. Marv Won)
05. One Of Life's Pleasures (Feat. Danny Brown)
06. The Doldrums
07. Life Is Flashing Interlude
08. Stampeding Elephants (Feat. Moe Pope)
09. Rotten Apples (Feat. Tranqill)
10. Thirty Days
11. A Weird Day (Feat. Homeboy Sandman)
12. African New Wave
13. Indigo Glow (Feat. Jehst)
14. Dirty Slang (Feat. Guilty Simpson)
15. A New Way
16. Evasive Action
17. Wily Walruses (Feat. Nancy Elizabeth)
18. Outro: We'll Never End

Review:


Obwohl Paul White schon ein paar Projekte auf dem Kerbholz hat, wird es wohl dieses hier sein, mit dem er sich vor allem in HipHop-Kreisen einem größeren Publikum präsentiert. Aufgewachsen ist er in Süd-London mit der Soul-Musik seiner Eltern, erlebte als Skater eine recht gewöhnliche Jugend, die ihn irgendwann zum HipHop führte. Doch nicht ausschließlich, Paul white begeistert sich für viele Genres, weswegen seine instrumentalen Projekte in den letzten zwei Jahren ("The Strange Dreams Of Paul White", "Sounds From The Skylight", "Paul White & The Purple Brain") auch mitnichten strikte HipHop-Scheiben sind. Dank seines Labels One-Handed Music (und dessen Alex Chase) erhält er für sein neues Album dann allerdings die Möglichkeit, u.a. mit einigen Untergrund-Größen aus den Vereinigten Staaten zusammenzuarbeiten, was zu "Rapping With Paul White" führt.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Ein typisches Producer-Album ist es schon aufgrund der Vielfalt und der Wahl der rappenden Gäste nicht; da es nur sieben an der Zahl sind, die zwischen einer Vielzahl an Instrumentals und Übergängen eingepflanzt werden, darf man besonders gespannt sein, was Paul zusammengebraut hat. Schließlich ist von einem Producer, der bisher nur Instrumental-Alben aufgenommen hat, ein wenig mehr Kohärenz bei der Albumkonzeption zu erwarten als bei dem typischen, austauschbaren Produzentenalbum. Doch wofür lange darüber philosophieren - "Rapping With Paul White" ist wie kein anderes Produzentenalbum und darüber hinaus ist es besser als fast alle anderen. Wer trotzdem eine Referenz sucht, der stelle sich eine Mischung aus Madlib und dem ebenfalls von den Insel stammenden Ghost vor. Gemein haben die drei eine Vorliebe für ausgefallene Samples und die Fähigkeit, auf ihrem Projekt das Ruder nie aus der Hand zu geben. Vor allem im Falle Paul White ist das eine wahre Kunst, denn einerseits sind die versammelten Emcees alle mindestens gut talentiert, andererseits kommen sie nicht alle aus derselben stilistischen Ecke. Paul hat damit nicht das geringste Problem, legt erstmal mit "Right On" und afrikanisch angehauchtem Schlagwerk-Gerüst entspannt los, um dem Hörer dann das düster-dichte "Trust" an die Ohren zu klatschen, für das Guilty Simpson in typischer Manier ("Suffocatin' in the drama / These days I only trust my mama") aufspielt und erheblich vom vielschichtig-füllenden Instrumental profitiert - da hätte wahrscheinlich sogar ein zweitklassiger MC nichts mehr ruinieren können, so zielstrebig gut führt Paul durch sein Album. Was hier an Samples aufeinanderprallt, ist für den Hörer eine wahre Freude. Dicke, pumpende Kicks folgen auf die wildesten Vocal-Samples, bunte Electronica-Spielereien und gewagte Temposprünge. Die Laufzeiten der einzelnen Songs sind außerdem nicht zu lang, damit Paul den ganzen Wahnsinn, der in seinem Hirn tobt, auf angemessener Spielzeit unterbringt. Deshalb heizt in "The Doldrums" ein Sample, das an Neunziger-Electro-Projekte wie Music Instructor erinnert, über schwere Kick reibungsfrei neben der ambitionierten und eigenwillig unterlegten Darbietung von Label-Kollege Tranqill in "Rotten Apples" vorbei. Moe Pope wird von einem Monster eines Beats unter Löwenbrüllen regelrecht in Paul's Beat-Wildnis gezerrt, wo er zu verblüffenden Synths dann den Großstadt-Dschungel zum Thema macht. Doch auch die anderen Gäste lassen sich nicht lumpen: Homeboy Sandman gibt als Amerikaner ein Portrait eines Besuchs im UK ab, Jehst nutzt seine entspannte Stimme für "Indigo Glow", das ihm auf den Leib geschneidert und für Paul's Verhältnisse sehr ruhig und harmonisch ist (der Track hätte auch von Ghost sein können). Der Mann mit dem Durchblick, der seine Gäste, so gut sie auch sein mögen, zu Beiwerk macht, ist Paul White, der Überraschung nach Überraschung loslässt und sogar in seinen Überleitungen mit Namen wie dem sanften "Thirty Days" oder "African New Wave" und dem entsprechenden Sound-Schmankerl aufwartet. Selbst den extravaganten Stil von Danny Brown bringt er in "One Of Life's Pleasures" fulminant nach Hause, und was er für Marv Won ("Man them Nikes is old, they ain't retro / [...] / I'm so Waka Flocka, I go hard in da paint") in "Run Shit" auspackt, sollte Pete Rock neidisch machen, denn der setzte das Osibisa-Sample bei weitem nicht so lebendig in Szene. Da stört es dann auch nicht weiter, dass Guilty's zweiter Auftritt nicht ganz so bombastisch verläuft, es wartet schließlich noch ein starker Abschluss, in dem vor allem Nancy Elizabeth, die ein Gedicht von Edward Lears ("Cold Are The Crabs") über ein einladend besänftigendes Instrumental liest.

Was man hier erleben darf ist wie sich eines der größten Producer-Talente der letzten Zeit seinen Weg in die etablierte HipHop-Szene bahnt. Wie Paul White mit seiner MPC umgeht ist eine wahre Freude. Wer die hohe Kunst des Samplings in kreativer Form vor Ohren geführt bekommen möchte, der ist bei paul White an der richtigen Adresse. Dem Briten kommt zugute, dass er mit den richtigen Gästen und außerdem der richitgen Zahl an Gästen ins Rennen geht, was zu einem Ergebnis führt, das hinsichtlich seiner Struktur etwas an Ghost's "Freedom Of Thought" erinnert, im Klangbild aber eigene Wege geht und nach jedem Song eine neue Überraschung bereithält. Mit dieser Vielseitigkeit und der jetzt schon faszinierend hohen Zahl an Highlights darf man sich von Paul White noch Großes versprechen. "Rapping With Paul White" ist ohne Frage einer der besten Momente des Jahres und - obwohl es ein Producer-Album ist - für maximalen Genuss am Stück zu genießen.

7.7 / 10