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Samstag, 29. Dezember 2012

Genghis Khan - The Broken Love


Release Date:
28. August 2012

Label:
Eigenvertrieb / Free Download / Disturbia Music Group

Tracklist:
01. Salvation (Feat. Unconscious Rascall)
02. Violence (Feat. Thirstin Howl III, Block McCloud, Gutta & Chris Carbene)
03. Enter The Void (Feat. Reef the Lost Cauze & Spit Gemz)
04. The Black Lodge (Feat. Block McCloud)
05. Baby Boy
06. Sadistic Sphinx (Feat. Block McCloud & Virtuoso)
07. Eat Your Motherfucking Heart Out (Feat. Unconscious Rascall, Dirt Tha General & Chief Kamachi)
08. Hotel Hide
09. Lust And Loves Domain
10. This Tainted Impulse
11. Kill The Magic (Remix) (Feat. Julia Baburova)
12. She Used To Be Love
13. Fallen (Feat. Unconscious Rascall) / Outro: Arrival Of The Three Beggars (Performed By Martin Grech)

Review:
Das verschlafene Greensboro in North Carolina ist Rap-technisch nicht gerade relevant, sollte jedoch wegen eines gewissen Künstlers zukünftig auf dem Radar von Rap-Hörern auftauchen. Genghis Khan versucht bereits 2007, mit seinem ersten Album ("The Violence Effect") auf sich aufmerksam zu machen, was allerdings nicht so recht gelingen will. Mit seiner Gemini Lounge bringt er hier und da einige Produktionen unter, kann ein paar Auftritte verbuchen und steht im Stall von Block McClouds Disturbia Music, alles in allem führt er jedoch weiterhin das mühselige Dasein eines typischen Untergrund-Rappers. Kein Wunder, dass die notwendige Inspiration für weitere Tracks nur sporadisch vorhanden ist, dass die Motivation gelegentlich fehlt. Letztendlich, mit dreijähriger Verspätung, schafft "The Broken Love" es dann doch ans Tageslicht.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Einerseits als Entschädigung für die Wartezeit, andererseits aber auch mit dem Ziel, den eigenen Namen diesmal besser in Umlauf bringen zu können, entscheidet sich Khan, die Scheibe als Free Download zu veröffentlichen - rückblickend sicherlich eine gute Entscheidung. Doch das Album erreichte seine überraschend hohe Download-Zahl nicht umsonst, denn wenngleich Genghis Khan fremden Hörern bisher vorwiegend inmitten eines Umfelds in Erscheinung getreten war, das nicht gerade für seinen Reichtum an Kreativität bekannt ist, sollte man mit ihm keinen weiteren Infanteristen à la Savage Brothers oder dergleichen erwarten, die als Kanonenfutter von Snowgoons-artigen Beat-Monstren gepeitscht werden. Zuerst ist anzumerken, dass die Gemini Lounge (zu der noch Unconscious Rascall und Jon Jackson zählen) fast die ganze Scheibe selbst produzieren, was wiederum zum Herzstück der Scheibe führt, den Beats der Gemini Lounge, die, konsistent mit allen bisherigen Machenschaften, welche es bereits auf "The Violence Effect" zu bestaunen gab, einen eigenständigen Sound garantieren. Doch nicht nur das, sie sind ein sehr konstruktiver Beweis, dass der desertifizierende, einst so fruchtbare Boden ostküstlicher Hardcore-Weiden noch Platz für frische Gewächse bietet. "Eat Your Motherfucking Heart Out" fährt die Gemini-Lounge-typische, knüppelhart treibende Drumline auf und demonstriert, wie man mit Streicher-Sample eine keineswegs übersteuerte und nichtsdestoweniger schwer bedrohliche, nachhaltig wirkende Atmosphäre kreiert. Dirt und Rascall hätte es zwar nicht gebraucht, da sie von einem souveränen Chief Kamachi in Grund und Boden gestampft werden, doch Genghis selbst schafft es, auf diesem Posse-Cut - wie auch auf dem restlichen Album - als würdiger Gastgeber aufzutreten. Obwohl er eigentlich keine echten Markenzeichen besitzt, liegt hinter jeder seiner Zeilen eine Zugkraft, die ihn vor vielen Genre-Kollegen auszeichnet. An dieser Stelle darf nun auf Albumtitel und Konzept eingegangen werden: Gewissermaßen ist "The Broken Love" ein Album (großteils) voller Lovesongs, nur blicken quasi alle aus der Post-Beziehungs-Sicht auf den Weg des Scheiterns zurück, es präsentiert sich ein Interpret mit gebrochenem Herz und schwarzen Gedanken, was das aufmerksamkeitssuchende, aber irgendwo auch treffliche Cover rechtfertigt. "Salvation" startet dagegen religionskritisch mit den persönlichen Erfahrungen Genghis Khans und ist als erstes Highlight mit starker Sample-Arbeit ein erster Hinweis darauf, dass Khan großer David-Lynch-Fan ist - das Intro der LP bezieht er aus Twin Peaks. Offensichtlich wird dies später in "The Black Lodge", einer weiteren Großtat, die angemessen stimmungsaufbauend eröffnet und dann auf pechschwarzem Pfad fortgeführt wird ("Rainy nights and dark days, we walk through this hand-made hell / I've seen slaves that destroyed themselves / And go insane if every inch of their heart is not black / Though no man should ever have to live like that"). Bei diesem klagenden Voice-Sample und dem verschluckenden Bilderrahmen eines Beats relativiert selbst ein Block McCloud sämtliche Untaten seiner bisherigen Karriere, um einen Rap-Part aufzusetzen, der sich hören lassen kann. Vollständig in dieser Manier gibt es das Album leider nicht, beispielsweise schleicht sich - weswegen auch immer - ein Beat von C-Lance ins Aufgebot, der zwar zu seinen besseren Werken gehört, aber trotzdem nicht nötig gewesen wäre. Ähnliches ist über "Violence" zu sagen, das zu grobschlächtig wirkt. Gäste wie Reef wären ebenfalls nicht nötig gewesen, auch wenn die bekannteren Namen natürlich einige Downloads mehr bewirkt haben dürften. "Baby Boy" und "She Used To Be Love" (schon auf dem ersten Album vertreten) erinnern sich verbittert einer vergangenen Beziehung und beziehen dabei ausführlich den Gesang ihrer Gäste mit ein, "Kill The Magic" gehört fast großteils Julia Baburova, schafft es jedoch trotzdem noch, in den Rahmen der LP zu passen. Die besten Momente hat Genghis Khan trotzdem, wenn er sich allein in sich selbst und seiner Gedankenwelt verliert: "Hotel Hide" ist ein vierminütiges Intro, das gewalltig Stimmung aufbaut, die von "Lust And Loves Domain" dann nicht fallengelassen wird. Das vielleicht beste Stück des Albums glänzt mit der expliziten, rohen Kraft, die Genghis aus dem körperlichen Zusammenschluss mit seiner Verflossenen gewann, die schonungslos wortgewaltig (und nur bedingt jugendfrei) kanalisiert wird und zusammen mit fesselndem Instrumental (großartig: pätscherndes Wasser als Bindeglied zwischen Musik und Text) aufspielt. Ohne Verzug schließt sich "This Tainted Impulse" an, wesentlich minimalistischer und mit staubigen Snares, die einem sich selbst verzehrenden Genghis den Takt angeben. Fehlt noch "Fallen", bei dem sich Genghis bis auf den schwachen Chorus keine Blöße gibt, auf dass er Martin Grech für das "Outro" das Rampenlicht überlässt, welches dieser mit seiner Akustikgitarre und eingängigem Gesang optimal veredelt.

Es mag vielleicht musikalisch nicht in jedem Aspekt zutreffen, doch in vielerlei Hinsicht führt Genghis Khan mit seiner Gemini Lounge das fort, was einst die Jedi Mind Tricks um die Jahrtausendwende trieben. Es sind nicht die Themen, es sind auch nicht dieselben Samples, es ist die Art, wie Genghis seine Songs einleitet, die dichte Atmosphäre sowie Kleinigkeiten wie das Outro (man erinnere sich an jenes zu "VBD"). Khan ist dabei noch nicht auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt, es gibt noch Potential nach oben, denn fehlerfrei ist "The Broken Love" nicht. Doch die positiven Eindrücke überwiegen, genau genommen findet man hier stellenweise das Beste, was jener (überschaubare) Flügel von HipHop-Hogwarts, der den Namen des ehrenwerten Stoupe The Enemy Of Mankind trägt, in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Bleibt zu hoffen, dass Genghis Khan auch in Zukunft genug Inspiration findet.

7.5 / 10

Freitag, 21. September 2012

Bigg Jus - Plantation Rhymes


Release Date:
30. Oktober 2001
Label:
Sub Verse Music
Tracklist:
01. Tongue Sandwich
02. Heavenly Rivers Intro
03. Dedication 2 Pray
04. Gaffling Whips (You've Changed Remix)
05. Plantation Rhymes (Runaway Mix)
06. Dedication 2 Peo
07. The Story Entangles (Feat. Angel Donyel)
08. I Triceratops
09. Dedication 2 Peo (Instrumental)
10. Gaffling Whips (Instrumental)
11. Gaffling Whips (Original Dent Puller Version)
12. Lock Jaw (Feat. Gerk)
13. The Story Entangles (Instrumental)

Review:
Als einer der wenigen, die über die Graffiti-Szene ihren Weg ins HipHop-Geschäft finden, begibt es sich, dass Big Justoleum Lune TNS zu jener Zeit die folgenreiche Bekanntschaft mit El-P macht, die in den Neunzigern zum Company-Flow-Projekt mit all seinen Folgen führt. Dabei ist der New Yorker von Anfang an auch in eigene Projekte verstrickt, so hebt er '98 nach dem vorschnellen Ableben des vielversprechenden 3-2-1 Records zusammen mit Fiona Bloom und Peter Lupoff das Kult-Label Sub Verse als eines der Outlets für die gerade zahnende Untergrund-Szene aus der Taufe. Als Company Flow (nie als Langzeitgruppe geplant) dann schließlich unter dem Rummel, den der Debüt-Klassiker entfacht, zerbricht, wendet sich Jus seinem Label zu, veröffentlicht Alben diverser Künstler, arbeitet aber auch am eigenen Solo "Black Mamba Serums". Das soll 2001 droppen, wird aber aufgrund eines (durch 9/11 bedingten) Sinneswandels (Jus selbst sagt, er hatte böse Vorahnungen) vorerst auf Eis gelegt. Um den Fans dann aber doch irgendetwas zu geben, nimmt der inzwischen schon in Atlanta hausende Jus einige der Album-Tracks und schnürt aus ihnen die "Plantation Rhymes"-EP.
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 Denkt man an Company Flow zurück, so war eindeutig El-P derjenige, der im Vordergrund stand, der die Beats produzierte und der das Album dirigierte. Juss war das mit ausgefallenen Flows spittende Gegenstück, während er hier komplett auf eigenen Füßen zu stehen hat, da er nicht nur den Großteil aller Beats selber zimmert, sondern auch auf Unterstützung am Mic praktisch verzichtet. Doch keine Sorge, Jus hat alles im Griff und darüber hinaus sowohl am Mic als auch hinter den Boards Styles über Styles parat. Nicht von ungefähr kommt seine Aussage, dass seine Musik nicht mit anderer HipHop-Musik, die zeitgleich auf dem Markt zu finden ist, vergleichbar sei. Ganz so einzigartig ist "Plantation Rhymes" dann zwar nicht, verdammt gut es sie trotzdem, was wiederum daran liegt, dass Justoleum so eigenwillig an seine Songs herangeht. Mal ist das Tempo schleppend langsam, mal flowt Jus flink und behände, praktisch immer wird auf typische Konventionen - drei von Hook getrennte Verse - gepfiffen, stattdessen werden in einem Song mehrere Beats untergebracht, manchmal setzt der Beat gar komplett aus. Der Dirigent dieses kreativen Wahnsinns steht selbstsicher mit einem sehr vielschichtigen, teils eigenwilligen Flow im Geschehen und denkt nicht daran, den Hörer mit inhaltslosem Gelaber zu langweilen. Dank seines Writer-Hintergrunds finden sich (man erinnere sich an "Lune TNS") auch hier starke Prägungen seiner ersten HipHop-Leidenschaft, ganz generell bezieht er sich immer wieder auf die Wurzeln der Kultur. "Dedication 2 Pray" kombiniert schwermütige Streicher mit rapiden Rhymes, die vor allem der NY-Writer-Szene gewidmet, aber als Lehrsatz über alle Elemente konzipiert sind. Der Titeltrack ist in seinem vertretenen Mix ein Spiegelbild von Jus' Musik und pendelt zwischen drei Beats hin und her: ausgefallene Samples jagen sich und Style-Biter ("Plantation rhymes, cause most you emcees rhyme like slaves") werden gegrüßt. In dieses dichte Reim- und Klangerlebnis wird man allerdings schon in "Tongue Sandwich" geworfen, das einem mit seiner Art, gegensätzlich klingende Drums und Sounds zu einem schwer interessanten und letztendlich auch packenden Einstieg aufeinanderzujagen, in der Tat wenig Vergleichbares in den Sinn kommen lässt. Wen wundert's, wenn Jus in "Heavenly Rivers Intro" gleich weitermacht und nach harmonisch-ruhigen ersten 40 Sekunden harte Drums ansetzt, um nochmal die Style-Kopierer an die Wand zu stellen. Ähnlich experimentell ist das königlich betitelte "I Triceratops", "Dedication 2 Peo" dagegen lässt etwas fröhlichere Klänge und autobriographische Zeilen dominieren, während "Lock Jaw" als Gast-Song von Dregas eingängig-düster produziert und vom etwas belegt flowenden Gerk mit allerlei drohenden Raps glasiert wird. Eine letzte Überraschung schüttelt Jus aber noch aus dem Ärmel: "The Story Entangles" reißt den Hörer für einen Moment aus dem Geschehen der EP und induziert eine Seelenruhe, die man kaum für möglich gehalten hätte: Doch der Song, der den Hörer mit einem langsam herabperlenden Piano-Loop einwickelt und nur vom sachten, sinnlich-verlockenden Gesang von Angel Donyel bedeckt ist, übt eine bezaubernde Magie aus, bei der man es mehr als billigt, einige Minuten nichts von Jus zu hören.

Da "Plantation Rhymes" fast vollständig Teilmenge der originalen "Black Mamba Serums" ist, ist es natürlich nicht vollkommen einzigartig, doch was Bigg Jus allgemein im Zuge dieser Aufnahmen fabriziert hat, sucht in der Tat seinesgleichen. Nicht weil es so herausragend gut wäre, sondern schlichtweg weil Jus seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Gut ist die Musik dabei natürlich trotzdem, an nicht wenigen Stellen sogar herausragend. Gleichsam ist sie etwas sperrig, öffnet sich nicht sofort und ist auch beim zigsten Mal nicht für jedermann. Als kleiner Leitfaden sollte gelten: Wer mit Company Flow etwas anfangen konnte, der kann es sich kaum leisten, nicht mindestens mal ein Ohr zu riskieren, denn Jus gehört zu den besten Künstlern, die die Underground-Szene um die Jahrtausendwende zu bieten hatte.

8.0 / 10

Molemen - Ritual Of The...


Release Date:
10. April 2001

Label:
Molemen Records

Tracklist:
01. Ritual Of The Mole (Feat. JP Chill)
02. Reign (Feat. J.U.I.C.E.)
03. Challenge Me (Feat. Mr. Metaphor, Breez Evahflowin & C-Rayz Walz)
04. Get Outta Dodge (Feat. Matlock)
05. Taste Of Chicago (Original '97) (Feat. E.C. Illa & Rubberoom)
06. NHB
07. The Equinox (Feat. Vakill)
08. Unbreakable (Feat. Prime)
09. How I Won The War (Feat. Slug)
10. Keep The Fame (Remix '01) (Feat. Vakill, Rhymefest & Percee P)
11. Dime Ahora Mismo
12. Persevere (Feat. Mass Hysteria)
13. Game (Feat. Sebutones)
14. No Guarantees (Feat. Rasco)
15. Keep The Fame (Original '97) (Feat. Vakill, Rhymefest & Percee P)
16. Not Impressed (Feat. Qwel)
17. Triste
18. Put Your Quarter Up (Feat. Slug, Aesop Rock & MF Doom)
19. Face Down (Feat. Grand Daddy I.U., Vakill & Meta Mo)
20. Taste Of Chicago (Remix) (Feat. E.C. Illa & Rubberoom)
21. How We Chill Pt. 2 ('96) (Feat. Rhymefest & J.U.I.C.E.)

Review:
Dass Vakill, als er 1991 mit Panik und Mixx Massacre eine Gruppe gründet, den Namen Molemen erdenkt, ist zwar zutreffend, aber irgendwie auch redundant - zur damaligen Zeit gibt es ja sowieso keinen Gegensatz zum Rap-Untergrund, was sich in den folgenden zehn Jahren auch kaum ändert. Nur der Name wird angebrachter, denn genau dort - im Untergrund - befindet sich das Fundament, auf dem dieses Projekt steht. Anfangs dreht sich noch alles um Mixtapes, doch Panik, der schnell die Führungsposition einnimmt, produziert auch selbst. 1996 schließlich kommen PNS und Memo, beide ebenfalls ungefähr seit Anfang der Neunziger mit dem Schrauben von Beats beschäftigt, ins Bild und das später in dieser Besetzung bekannte Produktions-Trio ist komplett. Erste Spuren hinterlässt man mit einigen Singles und zwei EPs (die 2000 dann zusammengelegt und re-releast werden), 2001 folgt mit "Ritual Of The..." das offizielle Debüt.
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 Und bei diesem Debüt zahlt es sich schließlich aus, dass man maulwurfsgleich den Chicagoer Untergrund untergraben hat. Nicht zuletzt da die überschaubare und kollektiv zu wenig beachtete Szene recht gut untereinander vernetzt ist können die Molemen praktisch auf alles zugreifen, was in der eigenen Stadt Talent hat. Dabei belässt man es (im Gegensatz zu "Chicago City Limits") aber nicht ganz, denn die Connections reichen sogar noch weiter, gleichsam nach Osten und Westen. Das Ritual der Molemen ist also keine reine Chi-Town-Platte, trägt eher den Charakter eines herkömmlichen Produzentenalbums, doch obgleich es nicht einmal die Beats eines einzelnen Produzenten sind, vereint die Platte doch alle Gäste unter einem gemeinsamen Sound, dem Molemen-Sound. Und der wiederum ist nicht in Kuschellaune. Rohe, ungeschlachte Töne warten auf den Hörer, ungeschliffene Drumlines und ein vollkommen unverbrauchter Stil, den alle drei Molemen an den Start bringen. Der Wind weht ganz klar aus Osten, teilweise könnte man hier auch die rohe Ware New Yorks vermuten, doch zumeist sind noch genug andere Komponenten im Spiel, um ein eigenes Bild zu malen, das am Chicago-Sound der folgenden Jahre nicht ganz unbeteiligt ist. Dabei erfolgt der Anfang noch im ersten Gang, denn trotz Freestyle-Legende J.U.I.C.E. passiert in "Reign" sehr wenig. Doch dann feuern Molemen einen Kracher nach dem anderen ab: Egal ob Prime aus dem direkten Umfeld in "Unbreakable" mit vorstellenden Zeilen ("Who's that kid that's rockin' headphones in the back of the bus? Recitin' verses loud as fuck while still taggin' shit up") oder Bay-Rapper Rasco, der seinen Hörern keine Garantien in diversen Belangen geben kann, es geht immer gepflegt zur Sache. Dass dazwischen einige ältere Tracks geführt werden, stört da kaum: "Keep The Fame" besticht im Original als auch im Remix vor allem mit seiner starken Kombo (und einem noch extrem jungen Vakill), "Taste Of Chicago" mit den Hardlinern von Rubberoom und E.C. Illa ("I'm from the the Chi-to-the, so I don't give a fuck what you screamin' / All you need to know is I stay in the coldest place to be in") ist im Remix sogar noch einen Tick besser. Noch besser sind die eingängigen Streicher von "How We Chill Pt. 2", das Rhymefest schon 1996 ordentlich Talent attestiert. Für weitere Kracher muss man nicht lange suchen, die Scheibe ist voll davon: Ein junger Matlock bekämpft über einen minimalistischen Piano-Loop Wack-Rapper, der Verbund von Brooklyn Ac und Stronghold entsendet ein wildes Dreigespann für das brachiale "Challenge Me" (vor allem C-Rayz geht dabei in die Vollen), die kalifornischen Sebutones bekommen für ihr paranoides "Game" ein verstörend dunkles Instrumental, Qwel battelt über knochenharte Snares so, wie man es von ihm kennt, und was Vakill im bitterbösen "Equinox" abzieht, reiht sich bei den besten Tracks seiner Karriere ein. Die drei Produzenten geben noch jeweils ein der Albumatmosphäre behilfliches Instrumental bei, von denen vor allem Paniks trauriges "Dime Ahora Mismo" im Gedächtnis bleibt. Ein absoluter Hingucker ist "Put Your Quarter Up", wobei der Beat hier dem Mega-Lineup nicht ganz gerecht wird. Viel besser macht sich Slug alleine in "How I Won The War", das sich - in Slugs überragender damaliger Art - dem Wehrdienst verschließt:

"The second time they found me they wanted to drown me
Yes, man doesn't like being made into mice
Started running their spiel about love and dedication
How I should feel, as if I owe their nation my life
"Look boy", they said, "Don't you love your freedom?"
I told them "Freedom is a road seldom travelled by the multitudes"


Die Scheibe mag nicht ausschließlich Namen aus Chicago beherbergen, doch sie fühlt sich trotzdem so an. Dafür sind die Molemen verantwortlich zu machen, die es doch tatsächlich schaffen, aus diesem auf den ersten Anblick wie eine normale Producer-Platte (mit allein seinen Mängeln - wobei einige dieser Mängel ansatzweise auch an den Molemen nagen) aussehenden Machwerk ein echtes Album zu formen. Das gelingt, da das Trio einerseits untereinander harmoniert und bei der Aufteilung der Beats (Panik stemmt übrigens gut doppelt so viel wie seine zwei Mitstreiter) kein Bruch erfolgt und andererseits wegen des angestrebten Sounds, der kompromisslosen HipHop der härteren Gangart vorschreibt. Dazu kommt dann noch ein übertrieben gutes Lineup, bei dem sich selbst die Gäste aus CA oder NY einfügen und selbstlos dazu beitragen, "Ritual Of The..." zu einem Aushängeschild Chicagoer HipHops zu meißeln.

7.5 / 10

Sonntag, 16. September 2012

Common - The Dreamer / The Believer


Release Date:
20. Dezember 2011

Label:
Warner Bros. / Think Common Music Inc.

Tracklist:
01. The Dreamer (Feat. Maya Angelou & James Fauntleroy II)
02. Ghetto Dreams (Feat. Nas)
03. Blue Sky (Feat. Makeeba Riddick)
04. Sweet
05. Gold (Feat. James Fauntleroy II)
06. Lovin' I Lost
07. Raw (How You Like It) (Feat. Makeeba Riddick)
08. Cloth (Feat. James Fauntleroy II)
09. Celebrate (Feat. James Fauntleroy II)
10. Windows (Feat. James Fauntleroy II)
11. The Believer (Feat. John Legend)
12. Pops Belief (Feat. Lonnie "Pops" Lynn)

Review:
Er ist zum Glück noch nicht komplett in die Welt der Schauspielerei entglitten, wo er zweifelsohne eine weitaus weniger integrale Persönlichkeit darstellt als in der Welt des HipHops. Dabei wäre das nicht einmal ganz unverständlich, denn die neue Richtung, die der bald 40-Jährige mit seinem letzten Album ("Universal Mind Control") einschlug, wurde gemeinhin ganz und gar nicht gutgehießen. Andererseits ist dies keine neue Situation für ihn, man erinnere sich an das Badu-beeinflusste "Electric Circus". Common beantwortete die damalige Kritik mit dem von Kanye und Dilla gestützten "Be", nun geht es zurück zu Chicago-Veteran No I.D., der "The Dreamer / The Believer" im Alleingang produziert.
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 Damit, dass mit der Verpflichtung von No I.D. ein gutes bzw. sehr gutes Ergebnis schon als gesetzt gilt, liegen folglich sehr hohe Erwartungen auf diesem Dutzend Tracks, ein enttäuschendes Album wäre an dieser Stelle verheerend für Common. Deshalb muss man dankbar sein, dass sowohl Lonnie Lynn Jr. als auch Dion alias No I.D. echte und vor allem professionelle Künstler sind, die es auf die Reihe bringen, solchen Erwartungen standzuhalten. Es stellt sich heraus, dass das Duo dieses Unterfangen sehr systematisch bewerkstelligt, ohne dabei aber in die verfängliche Altbackenheit oder Erzwungenheit abzudriften, die zu vermuten wäre. Common spielt dabei mehrere Rollen: den Straßenpoeten, der er als Conscious-Emcee seit jeher ist und der zuletzt auf "Be" durchgehend präsent war, aber auch einen etwas feurigeren Reimemeister, der Erinnerungen an das 1996er "The Bitch In Yoo" weckt und hauptsächlich in "Sweet" zum Tragen kommt, für das Dion Doris & Kelley in knallharte Snares packt und Common seinen nicht näher klassifizierten Unmut ungerichtet (angeschnitten und kurz torpediert wird die verweichlichte Szene, die überdies die Fähigkeiten und das Gewicht des Chicagoers vergessen zu haben scheint) entlädt. Der inhaltliche Konsens der restlichen Tracks bietet keine Überraschungen mehr, Common nimmt seine Ankündigung eines "positiven" Albums beim Wort und hätte sein Album damit ganz sicher nicht so seelenruhig nach Hause schaukeln können, wenn nicht Dion hinter den Reglern stünde. Der ist hinsichtlich seiner Sample-Wahlen alles andere als avantgardistisch (die oben erwähnten Doris & Kelley kommen dem einen oder anderen vielleicht von Black Milk bzw. den Kidz In The Hall bekannt vor), bereitet sie aber ansprechend auf: "Blue Sky" lebt rotzfrech von einem überraschend stark in Szene gesetzten E.L.O.-Sample, "Lovin' I Lost" verlässt sich (erfolgreich) stark auf Curtis Mayfield, während Common einer verlorenen Liebe nachtrauert. Auf der anderen Seite wird man sich über "Ghetto Dreams" wundern, das mit Nas als Conscious-Bombe vermutet werden könnte, sich aber als schwer triebdominiert-oberflächliche, bildhafte Abhandlung über die Ghetto-Traumfrau herausstellt - der grandiose Donnerschlag eines Beats lässt das allerdings locker verschmerzen, zumal "The Dreamer" als gefühl- und doch druckvoller Opener schon angemessen in die Welt des "hoffnungslosen HipHop-Romantikers" einführt. Außerdem wäre da ja noch "Cloth", ein wunderschönes Liebeslied an die Seelenverwandte, bei dem James Fauntleroy II in seiner exzessiven Rekrutierung auch Sinn macht. Auf einem Track wie "Celebrate" nämlich, der mit saudämlicher Hook leichtes Unverständnis hervorruft, zieht er die einträchtige Stimmung beinahe ins Kitschige, während auch "Windows" am Rand zu dieser Schwelle kämpft und mit etwas weniger Geschnulze besser dran gewesen wäre. Wenn schon Pathos, dann überlasse man diesen Job doch bitte John Legend, der das von No I.D. wieder mit Feingefühl produzierte "The Believer", einen typischen Common-Song mit kunstvoller Inklusion des Allmächtigen ebenso wie der Aussprache gegen die gewaltvollen Jetztzustände, deren Überwindung in Commons Glauben eingemeißelt ist, (sinnvoll) veredelt. Damit fehlt nur noch Lonnie "Pops", der mit ein paar abschließenden, unstrukturiert sinnierenden Worten über Träume und Glaube den durchgeplanten Abschluss gestaltet.

Kaum ein anderer Künstler könnte es sich leisten, sein Album so sehr nach den an es gestellten Erwartungen zu kalibrieren und planen und trotzdem noch ein triumphales Ergebnis zu erhalten. Doch ebensowenig wie Common ein besonders aufbrausender, unberechenbarer Emcee ist, sondern stattdessen seine Kraft aus innerer Ruhe bezieht, stellt er - mit dem bärenstarken No I.D. im Rücken, der das Album sowohl schlüssig, dynamisch als auch sehr gut produziert - auf seinem neunten Album ohne große Überraschungen und sogar mit der einen oder anderen textlichen Unsauberkeit bzw. zwei fast mittelmäßigen Songs ein knapp in den sonnigen Rängen platziertes Album auf die Beine.

7.5 / 10

Nujabes - Spiritual State



Release Date:
03. Dezember 2011

Label:
Hyde Out Productions

Tracklist:
01. Spiritual State (Feat. Uyama Hiroto)
02. Sky is Tumbling (Feat. Cise Star)
03. Gone Are The Day (Feat. Uyama Hiroto)
04. Spirale
05. City Light (Feat. Substantial & Pase Rock)
06. Color of Autumn
07. Down on the Side
08. Yes (Feat. Pase Rock)
09. Rainy Way Back Home
10. Far Fowls
11. Fellows
12. Waiting for the Clouds (Feat. Substantial)
13. Prayer
14. Island (Feat. Uyama Hiroto & Haruka Nakamura)

Review:
Ebenso wie sein Wirken in der westlichen Welt einen eher überschaubaren Hörerkreis beeinflusste, hielt sich auch die Vergötterungswelle nach Nujabes' beinahe zwei Jahre zurückliegendem, tragischem Tod in Grenzen. In Japan mag das anders (gewesen) sein, jedenfalls blieb auch die sonst so beliebte Leichenfledderei (vielleicht weil es einfach kein Material gab) aus, lediglich das von Seba Jun selbst begründete Hyde Out Productions kündigte recht bald die Veröffentlichung eines dritten, Post-Mortem-Albums an, mit dem man sich bis jetzt Zeit ließ. Mit "Spiritual State" liegt nun also das letzte Vermächtnis des einmaligen japanischen Produzenten vor.
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 Dass man der Sache kritisch gegenüberzutreten hat, sollte klar sein, auch ein Vergleich mit "Metaphorical Music" oder "Modal Soul" ist nicht angebracht. Bei anderen Künstlern sollte man ja schon froh sein, wenn das Vermächtnis mit einem solchen Album nicht mit Füßen getreten wird, in diesem Fall darf man allerdings sogar auf etwas mehr hoffen, sofern man Hyde Out eine gewisse Qualitätskontrolle zugesteht. Vielleicht liegt es daran, dass selbst das unsortierte Material, das aus Nujabes' Hinterlassenschaft zusammengekratzt wurde, einen entsprechend hohen Standard hält oder daran, dass Seba, dessen Diskographie gemessen am Output, der heutzutage bei einigen Künstlern zu beobachten ist, gegen die leere Menge strebt, sehr selektiv mit dem war, was auch tatsächlich aufgenommen wurde, jedenfalls muss sich für "Spiritual State" niemand schämen. Dem Aspekt der Gesamtkomposition, der genau durchdachten Platzierung der Tracks, darf natürlich nicht das volle Gewicht beigemessen werden, denn wie zu erwarten war und wie sich auch schnell herausstellt, sind es mehr die Einzelstücke, die auf eigene Faust in die entrückt schöne Welt von Nujabes führen. "Spiritual State" gibt da als Album-Opener direkt das beste Beispiel ab, spannt mit herzlichem Klavierspiel seinen Spannungsbogen genau über seine sechseinhalb Minuten Spielzeit und erreicht damit eine Klasse, die sowohl von Schwermut als auch einer beruhigenden Entspanntheit zehrt, insgesamt vollkommen für die unschuldige, elegante Schönheit steht (nebst Rasseln kommt kein Schlagwerk zum Einsatz), die Nujabes zugeschrieben wird, und die die Heerscharen an Nujabes-Plagiatoren zurück in die Schulbank schickt. "Spiral" geht in eine ähnliche Richtung, sammelt seine Punkte aber mit einer satten Kick als Unterstützung. Die von Nujabes gewählten Instrumente sind oftmals Klavier und Akustikgitarre, Ersteres regiert die Tracks, in denen MCs zugegen sind. Gerade hier schleichen sich allerdings schwächere Momente ein: "Waiting For The Clouds" erscheint wie auch "City Lights" etwas matt, Substantial wirkt kraftloser als gewohnt. Pase Rock, nie der weltbeste Rapper, passt zwar ganz gut in "Yes", mit acht Minuten hätte man sich hier allerdings kürzer fassen können. Klarer Gewinner am Mic ist Cise Star, das Cyne-Mitglied profitiert zwar zugegebenermaßen in "Sky Is Tumbling" von vielschichtigen Klavierläufen, zeigt sein Gefühl für Nujabes' Untersatz aber (u.a.) auch mit einer starken Hook, was einmal mehr zum Wunsch nach mehr gemeinsamen Tracks von Cyne und Nujabes führt. Doch die besten Minuten feiert Nujabes alleine: Zwar wirken einige Tracks ("Color Of Autumn" oder "Fellows") streckenweise etwas unausgereift, Diamanten gibt es aber zur Genüge: "Gone Are The Days" swingt charmant um die Ecke, "Dawn On The Side" ist eines der Nujabes-typischen, nachdenklichen und besänftigenden Edelstücke, "Rainy Way Back Home" verbindet meisterlich Klavier und Gitarre und steuert damit wie auch "Prayer" in die melancholische Richtung. Letzte noch unerwähnte Großtat ist damit "Far Fowls" als (gewohnt atmosphärische) Kombination aus Flöte und Gitarre.

"Spiritual State" zählt als Nujabes' drittes Album und macht seinen zwei Vorgängern keine Schande. Die posthume Greueltat, die vielen anderen Künstlern angetan wurde, bleibt aus, was einerseits für die Verantwortlichen bei Hyde Out spricht, andererseits aber auch für Nujabes und dessen Klasse. Was die Scheibe von ausschließlichem Lob abhält, ist einerseits das Fehlen von Nujabes, der zweifelsohne eine etwas zusammenhängendere Gesamtkomposition vorgenommen hätte (manche Übergänge muten doch etwas abgehackt an), andererseits ist es die (geringe) Zahl eher mittelmäßiger Songs, die resultierend sondiert dasteht und so mehr ins Auge (bzw. Ohr) sticht. Trotzdem ist "Spiritual State" eines der besten Alben des Jahres, für den Nujabes-Fan Pflicht und für alle, die mit der jazzigen Sorte HipHop etwas anfangen können eine unbedingte, nur knapp die vier Kronen verpassende Empfehlung.

7.2 / 10

Samstag, 28. Juli 2012

MarQ Spekt & Kno - Machete Vision



Release Date:
25. Oktober 2011

Label:
QN5 Music

Tracklist:
01. Machete Vision (Intro)
02. Roadhouse (Feat. Action Bronson)
03. Top Back (Feat. Deacon The Villain)
04. The Royal Peasants (Feat. Anna Wise)
05. Opium Den
06. AquaMarine (Feat. StaHHr)
07. All Smiles (Plastic Mask)
08. The Devil
09. Danger (Feat. Meyhem Lauren, Huey P. Capone, FT & Lex Boogie)
10. WikiLeaks


Review:
Viele Freund- und Bekanntschaften im HipHop bleiben dem öffentlichen Auge verborgen. Wer hätte auf den ersten Blick schon gedacht, dass Kno, der aus Kentucky stammende Produzent hinter den CunninLynguists und inzwischen ein gefeierter Untergrund-Held, und MarQ Spekt, ursprünglich aus Jersey stammend und schon seit Jahren in Atlanta wohnend, sich schon seit Langem regelmäßig treffen und abhängen? Die Verbindung bringt das um die Jahrtausendwende (dank Bigg Jus) mit einem Bein in Atlanta operierende Sub Verse, mit dem die aus Minneapolis nach ATL gezogenen Micranots arbeitet: In diesen kreativen Kreisen lernen sich Kno und MarQ kennen, die Idee eines gemeinsamen Projekts steht bald zur Diskussion, wird aber nie umgesetzt - vor allem Kno erfährt schließlich anderweitig beträchtliche Aufmerksamkeit. 2011 kommt dann doch noch alles unter Dach und Fach und die Welt darf sich über "Machete Vision" freuen.


WRITTEN FOR Rap4Fame

 Unterbeschäftigt war Kno sicherlich nicht, "Oneirology" ist noch nicht sonderlich alt. Doch er selbst meint, dass die Arbeit mit MarQ Spekt eine ganz andere Richtung einschlüge, was dieses Album nicht nur für CunninLynguists-Fanatiker interessant macht - für die genau genommen weniger als für die sehr überschaubare Fan-Base, die Spekt sein Eigen nennt und die seinen bisherigen Werdegang von den Anfangstagen bei Sub Verse und den (ein Album bei Day By Day abwerfenden) Indie-Schritten mit den Broady Champs bis zur Kooperation mit den Backwoodz Studioz (mit dem Invizzibl-Men-Projekt als Hauptvermächtnis) verfolgt haben. Diese Diskographie sollte lehren, dass MarQ kein alltäglicher Emcee ist, dass sein Stil sperrig daherkommt und die bisherigen Kollaborationspartner und Arbeitskollegen ein gutes Bild davon vermitteln, was der Herr so von sich gibt. Der Schluss, dass er kein billiger Ersatz für Deacon und Natti ist, sollte also nicht mehr schwer fallen. Und genau das macht "Machete Vision" so interessant, denn Kno kann hier eine Seite zeigen, die auf CL-Alben keinen Platz findet: harte Drumlines und düstere Samples, die nicht sofort in ihrer eigenen Schwermütigkeit ersaufen. Was in "Roadhouse" auf den Hörer rauscht, ist nicht weniger als edel und besticht mit einer typisch herzhaften Drumline von Kno und bedrohlicher Sound-Kulisse, über das die laut-aggressiven Raps von Spekt eingespielt mit den abgebrühten Rhymes des Mannes der Stunde, Action Bronson (der mit Zeilen wie "Hookers take checks, smoke blunts after they suck dick / Piss out the side of their panties, they keep it movin' / Sittin' on the stoupe of the building, drinking the brew in" seinen derzeitigen Hype rechtfertigt), fließen. "MacheteVisions" ist noch ein wenig dunkler angestrichen, "Top Back" verschafft sich mit ein paar Klavierakkorden Platz. Das Album schwenkt zwar recht bald zu weniger drückenden und dafür nachdenklicheren Tönen um, den Schwung aus den eröffnenden Tracks nehmen Spekt und Kno trotzdem mit: Das grandiose "Opium Den" lädt zum Durchatmen ein und sieht auch MarQ in einem gemäßigten und dafür sozialkritischen Tonfall ("Strive to survive and they strive to keep us ignorant"). "The Devil" klingt Beat-technisch schon wesentlich eher nach dem CL-Kno, passt dank gesunder Drumline jedoch trotzdem ins Bild und ruft einen ernsten MarQ auf den Plan. "All Smiles" macht sich den Leitspruch "Fuck the status quo, cause HipHop needed a rebel - but I don't need any credit" zum Motto und führt wie fast alle Songs im Mittelteil Gesang - ähnlich ist es beim atmosphärischen "The Royal Peasants" und bei "AquaMarine". Mit "Danger" als Posse-Track mit dichtem Streichergewand biegt das Album dann in die Zielgerade ein, die im von Gitarre begleiteten "WikiLeaks" mit - man ahnt es - ein wenig Systemkritik - überschritten wird.

 Mit zehn Tracks und unter 40 Minuten hat das Album sein Ende schnell erreicht, doch das soll keineswegs heißen, dass MarQ Spekt und Kno nicht reichlich genug auftischen. Die Ankündigung von Kno, mit diesem Projekt ein wenig abseits seiner Norm zu spielen und die Sache etwas härter anzugehen, hält, was sie verspricht. Vor allem ist es allerdings der wesentlich unbekanntere MarQ Spekt, ein Rapper, den vor diesem Projekt niemand auf Kno's Beats gesetzt hätte, der mit seiner Art einen unerwartet frischen Wind in die Sache bringt und selbst die durchschnittlicheren Instrumentals (wobei sich derer ohnehin fast keine finden) aufwertet, der für viele Hörer die Überraschung des Albums sein wird. Für die ganz dicken Punkte fühlt sich "Machete Vision" an einigen Stellen noch zu sehr nach dem Sparring zweier Kumpels an, mit einer Energie, die beispielsweise "Oneirology" überholt, schrammt Spekt trotzdem nur knapp an den vier Kronen vorbei.

7.3 / 10

Montag, 23. April 2012

Action Bronson - Dr. Lecter


Release Date:
15. März 2011

Label:
Fine Fabric Delegates

Tracklist:
01. Moonstruck
02. Barry Horowitz
03. The Madness
04. Larry Csonka
05. Ronnie Coleman
06. Bag of Money (Feat. Meyhem Lauren)
07. Brunch
08. Shiraz
09. Buddy Guy
10. Jerk Chicken (Feat. Maffew Ragazino)
11. Chuck Person (Feat. Meyhem Lauren, Shaz Illyork & AG Da Coroner)
12. Forbidden Fruit
13. Suede (Feat. Meyhem Lauren, Shaz Illyork, Fonda & Machine)
14. Get Off My P.P.
15. Beautiful Music

Review:
Laut eigener Aussage fing Action Bronson nur mit dem Rappen an, weil es sein komplettes Umfeld ebenfalls tat. Wer nun denkt, das sei als Grund nicht gut genug, der kennt den rothaarigen, vollbärtigen Pfundskerl aus Flushing, Queens nicht. Noch dazu rappt er noch nicht lange und stieg über Kumpel J-Love und dessen Outdoorsmen-Projekt ins Rap-Game ein. Seitdem erhält er Zuspruch von so ziemlich jedem Head, der sich mit ihm auseinandersetzt, weswegen er binnen der letzten zwei Jahre einen ernstzunehmenden Hype aufbauen konnte. Anfang 2011 veröffentlicht er das Mixtape "Bon Appetit... Bitch" und kurze Zeit später sein Debütalbum, "Dr. Lecter".

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 Damit ist allerdings weniger als die Hälfte über Bronsolini erzählt, denn seine erste und eigentliche Leidenschaft liegt in kulinarischen Gefilden, weswegen es nicht verwundert, dass er als Koch im Restaurant seiner Familie arbeitet. Es kann gar nicht überschätzt werden, wie sehr ihn die Kunst des Kochens beschäftigt, denn es ist schwer, in einem seiner Songs keinen Querverweis in die Welt der Nahrungsmittel zu finden. Unter den bisherigen Fans findet man nicht wenige, die ihn als Hauch frischer Luft und zugleich als Bewahrer des originalen New Yorker Sounds ansehen. Ein Heiland ist Action deshalb keineswegs, ihm selbst sind solche Titel herzlich egal, der Spaß am Rappen steht im Vordergrund und als jemand, der mit dem New Yorker HipHop der Neunziger aufgewachsen ist, importiert er nur seine Einflüsse ins 21. Jahrhundert. Als Produzenten engagiert er dafür übrigens den Manhattaner Tommy Mas, der bisher gänzlich unbekannt war, als Teil von Team Facelift zur Zeit allerdings bei Duck Down unter Vertrag steht und seinen Bekanntheitsgrad vielleicht in absehbarer Zeit etwas steigern wird. "Dr. Lecter" ist jedenfalls schon ein bärenstarkes Aushängeschild, denn was Tommy Mas auf 15 Tracks aus den Apparaturen zaubert, atmet den Geist des Big Apple, erinnert an die rohe Unbefangenheit vergangener Tage und klingt trotzdem frischer als fast jedes andere Release dieses Jahr. Der perfekte Untersatz für Bronsoliño, der mit diesem Album die halbe Szene vorführt: Dass er überall mit Ghostface verglichen wird, kommt nicht von ungefähr, stimmlich schippert er in verwandten Gewässern, sein Flow rast (streckenweise an Big Pun erinnernd) mit seiner unbeschwerten Leichtigkeit auf der Überholspur Richtung erste Liga. Doch die maßgebliche Ingredienz ist das, was das Wort Swagger vor seiner Pervertierung meinte: Man kann diesem Mann kaum zuhören, ohne bei den spielerischen Zeilen zu lächeln, seine Art der Wortwahl beweist jene Art Einzigartigkeit, die kaum mehr zu finden ist. Es ist ein Mix aus Essen, teils vergessenen Charaktern (v.a. aus der Sportwelt, wie einige Songtitel verraten) und übermütigem NY-Slang, zementiert in das Reppen der eigenen Hood. "Shiraz" fasst das in wenigen Zeilen zusammen:

"We've been the best since I stepped in
Bring a hooker to the muthafuckin' Jets Inn
In the sack, break her back like a Redskin
Need the dough like I'm trying to get the bread thin
Tree to make the head spin
Every season play the corner like I'm Revis
Light Ceaser, heavy bearded like I'm Jesus
[...]
In my lungs go the drugs like the red chief
Red leaf lettuce, blood money on the bench seat
12 courses laid up on the long table
Aged wine got me spinning like a dreidel
For fly women use a condom cause it's fatal
Hazel eyed bitches always blazing up the basil
"


 Vom Basilikum zum Extra Virgin Oil ist der Lebensstil klar definiert: Es wird gekocht, gerappt, geraucht und die Gesellschaft schöner Damen genossen. "Fuck that sittin' down rap type shit. I stand up cause I'm a motherfuckin' man, and I'm motherfuckin' hot" - besser hätte man es kaum formulieren können, denn Tracks wie "The Madness", in dem der Rotschopf mit dem Ceaser-Schnitt und dem Jesus-Bart dreieinhalb Minuten am Stück dem Hörer die Ohren befeuert, sind der Grown Man Rap, der an so vielen Stellen vermisst wird: "This shit is wronger than a tuna on a plate for 80 dollars / Or the sex that I be havin' though I hate my baby momma". Diese Lines könnte man nun seitenlang zitieren, das Verwunderliche ist dabei jedoch, dass man Bronsoneli's Raps nie müde wird. Gäste werden nur aus dem eigenen Camp geladen, das Wasser reichen kann dem Gastgeber aber niemand, auch wenn die tieferen Stimmen bei NBA-Star "Chuck Person" eine schöne Abwechslung bilden. Für "Jerk Chicken" taucht Tommy Mas mit Horace Andy in Reggae-Gefilde (und flippt das Sample in ebenso ansprechender Weise wie einst Omega One), "Ronnie Coleman" gibt instrumental weniger her, wird von Bronsoliño als urkomischer Abspeck-Trip jedoch trotzdem unterhaltsam gestaltet. "Forbidden Fruit" passt als romantische, Sax-begleitete Romanze (auch qualitativ) nicht ganz ins Bild und die "Verarbeitung" einer schiefgegangenen Beziehung in "Brunch" reißt ebenfalls aus der Grundstimmung aus. In "Buddy Guy" und dem kinnladensenkenden "Barry Horrowitz" ist Bronsoneli dagegen voll in seinem Element, das er auch gegen Ende der LP (einem großartigen Ende, das Tommy Mas mit einem wunderschönen Jon-Lucien-Sample feiert) nicht mehr verlässt.
 Ganz nebenbei und vollkommen ohne Absicht führt Action Bronson vor, was mit der Szene nicht stimmt: Jeder will etwas Besonderes sein, zu viele Rapper rennen verkrampft irgendwelchen Verträgen oder Zielsetzungen hinterher. Nicht so Bronsonova, der einfach rappt, weil es ihm Spaß macht, und das mit einer Originalität, die zwar zu Teilen von seinem Dasein als Koch herrührt, aber durch die Sorgenlosigkeit, mit der er durch sein Album marscheirt, unterfüttert wird. Es bleibt abzuwarten, wie Bronson sicht entwickelt, ob das nächste Projekt mit Statik Selektah beattechnisch mit dem überraschenden Nobody Tommy Mas (an dieser Stelle gebührt auch ihm Respekt für einen nicht perfekten, aber doch erfrischend guten Instrumentalteppich, der ganz klassisch im Soul und in Retro-Drumpatterns verankert, aber trotzdem jung und funkig ist) mithalten kann. Doch solange Action nur aus Spaß an der Sache und mit dem Ziel, irgendwann in der Toskana kulinarische Lehrstunden nehmen zu können, rappt, sieht seine Zukunft rosig aus.
7.6 / 10

Freitag, 25. November 2011

Bronze Nazareth - School For The Blindman


Release Date:
13. September 2011

Label:
ihiphop Distribution

Tracklist:
01. Intro
02. Jesus Feet
03. The Road (Feat. Masta Killa & Inspectah Deck)
04. Fire Implanters (Feat. LA The Darkman)
05. Instrumental Interlude
06. The Bronzeman 2 (Feat. Canibus) (Additional Vocals By Raekwon)
07. King Of Queens
08. Instrumental Interlude
09. Fourth Down (Feat. Salute, Kevlaar 7 & Phillie)
10. Fresh From The Morgue (Feat. RZA)
11. Malcolm School Skit
12. Pictures (Stem Cells)
13. Records We Used To Play
14. The Letter
15. Gomorrah (Feat. Killah Priest)
16. Instrumental Interlude
17. Reggie (Feat. Rain The Quiet Storm)
18. Farewell (Feat. Willie The Kid)
19. Cold Summer (Feat. Salute & June Megalodon)
20. Worship (Feat. Salute, Kevlaar 7 & Phillie)

Review:
Wer sich anschaut, was Bronze Nazareth über die letzten fünf Jahre getrieben hat, der bekommt bestätigt, dass der Produzent und Rapper aus Detroit derzeit der aktivste Beat-Bastler aus dem Kreis der Wu-Elements ist. Nicht nur für diverse Cats aus dem Wu-Universum (letztes Jahr arrangierte er das Album von 60 Sec Assassin, jüngst konnte er einen Beat auf Raekwon's Album landen und produzierte einen großen Teil von Timbo's Debüt), sondern auch für verschiedenste Leute aus dem Untergrund (die "Wu-Tang Meets The Indie Culture"-Platte wird dabei sicher eine Hilfe gewesen sein) schraubte er Beats, lässt sich sogar von 67 Mob für ein komplettes Album anheuern. Außerdem etabliert er seine eigene Truppe, die Wisemen, und arbeitet beständig an dem von Fans heiß erwarteten und schon seit Jahren angekündigten "School For The Blindman".

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Wie schon "Children Of A Lesser God" erscheint die LP über ihiphop, anscheinend hat Chuck Wilson die Jungs nach dem Babygrande-Exodus also von seiner neuen Vertriebs-Idee überzeugen können. Am Sound der Platte rüttelt das jedenfalls nichts, man merkt, dass Bronze seinen eigenen Kopf und seine Ideen durchgesetzt hat, die fast eine komplette Produktion von ihm vorsehen und als Gäste fast ausschließlich Herren aus der Wu-Tang-Familie. Wer mit "The Great Migration" im Hinterkopf in dieses Album spaziert, der mag zuerst vor den Kopf gestoßen sein, denn wie schon "Children Of A Lesser God" seinen eigenen Sound hatte, herrscht auch auf "Blindman" ein spezieller Vibe - einer, der dem Album eine heute seltene Eigenschaft verleiht: Es wird von Mal zu Mal besser. Wer also zuerst nicht so recht weiß, was er mit diesem Album anfangen soll, der sei ermutigt, noch etwas Zeit zu investieren, denn Bronze hat sich nicht umsonst so viel Zeit gelassen. Bereits das letzte Wisemen-Album hatte eine gewisse Blues-Note, die Bronze auch hier anpeilt und in die sein Album getränkt ist - das Endergebnis klingt trotzdem anders als vorige Releases. "Great Migration" beispielsweise lebte von den ungefilterten, rohen Ambitionen eines weisen Jungspunds, was zu dicken Drumlines und direkt in die Einschlagskraft investierter Energie führte, der Nachfolger ist besonnener, erwachsener und etwas subtiler, kanalisiert die Energie in etwas unterschwelligerem HipHop-Blues, der natürlich trotzdem die üblichen Samples (vorwiegend der 60er) in einer Art flippt, wie man sie nur bei Bronze hört. "Jesus Feet" ist dafür das Paradebeispiel, für das ein eher zierliches, aber sehr treffsicheres Streicher-Sample die Grundlage bildet, auf der Bronze zeigt, dass er auch an seinen ohnehin seit jeher unterbewerteten Raps gefeilt hat. Das frühere Verlangen nach mehr Wu-Generälen hat jetzt erst recht keinen Nährboden mehr, trotzdem lädt Bronze einige ein: "The Road" mit einem Sample der (echten) Diplomats harmoniert vor allem mit dem High Chief, während der Rebel INS solide, aber nicht auf Höchstform (der er wohl seine ganze restliche Karriere hinterherlaufen wird) performt. Selbst nach mehrfachem Anhören fällt zwar auf, dass Bronze die Klasse seines Debüt nicht erreicht, Spaß macht sein Album deshalb trotzdem. Wie er in Tracks wie "King Of Queens" (auf dem er sich an eine Ex erinnert) oder "Records We Used To Play" mit den Samples umgeht, diese in knackige Drums verpackt und dabei den angestaubten Flair nicht verliert, ist eine Wonne, die er nur auf dem eigenen Album in dieser Intensität darlegen kann. Der Überhammer wartet dann in einem typischen, zum Überlaufen mit Soul gefüllten "Fresh From The Morgue", auf dem sich auch Mentor RZA zuhause fühlt. "The Bronzeman" mit Intro von Raekwon wäre dagegen ohne den zu bissigen Canibus besser dran gewesen, die restlichen Gäste passen dafür ins Bild. Die Wisemen zeigen sich als harmonierende Einheit (lediglich der wie Sean Price klingende June Megalodon muss sich noch eingliedern) und LA The Darkman (ebenso wie sein Bruder Willie The Kid) ist hier sowieso besser aufgehoben als bei einem DJ Drama. Schönheitsfehler der Platte umfassen "Gomorrah", bei dem sich Bronze's Gesang in der Hook nicht als die beste Entscheidung herausstellt, während im eigentlich erstklassigen "Farewell" komplett übersteuerte, den Track stark in Schieflage bringende Drums für Unverständnis sorgen. Ansonsten lässt sich zwischen Interludes, einem "Letter" an einen vom rechten Weg abgekommenen und verstorbenen Freund, Storytelling über "Reggie" und Weed-Konversationen mit "Pictures" (u.a. vom Großvater) aber wenig bemängeln.

Die Schule für den Blinden soll sowohl die geistig Umnachteten aufhellen als auch einem Blinden die Möglichkeit geben, etwas von Bronze's Weisheiten mitzunehmen. Das gelingt wieder einmal, Bronze lässt sich nicht von anderen beeinflussen und realisiert seine eigenen Vorstellungen, welche die Umschreibung "HipHop-Blues" an dieser Stelle noch ein weiteres Mal fordern. Die beteiligten Emcees sind auf einer Wellenlänge, die Beats (wenngleich drei Stück von auswärts stammen) folgen dem roten Faden, den Bronze vorgibt. "School For The Blindman" ist in erster Linie ein (zusammenhängendes) Album, zusätzlich eines, das sich nicht sofort öffnet. Man mag ob der Klasse von "Great Migration" und der kleinen hier auftretenden Makel enttäuscht sein, letztendlich legt Bronze aber eines der besten Alben des Jahres vor.

7.1 / 10

Ghost - Seldom Seen, Often Heard


Release Date:
20. März 2006

Label:
Breakin' Bread / Musicforheads

Tracklist:
01. Part Of My Life Intro
02. Seldom Seen, Often Heard (Feat. Verb T, Kashmere & Asaviour)
03. Basic Instinct (Feat. Abstract Rude)
04. Make A Difference (Feat. Lowkey)
05. Music (Skit) (Feat. Disorda a.k.a. Johnny Zig Zag)
06. The Pay Off (Feat. Verb T & Asaviour)
07. Valley Of The Legends (Feat. Kashmere)
08. Talk To Me (Feat. Debbie Devorah)
09. Invisible Inc (Feat. Verb T, Kashmere & Asaviour)
10. Alien Invasion (Feat. Finale)
11. On The Right Track (Feat. Asaviour)
12. Through The Hills (Feat. Mudmowth)
13. Music For The People (Skit)
14. Learn Respect (Feat. Dubbledge)
15. Better Tomorrow (Feat. Asaviour & Verb T)
16. Round Trip
17. Seldom Seen (Outro)

Review:
Er taucht 2002 in der Szene in Großbritannien auf und ist seitdem als Geheimtipp kaum mehr wegzudenken: Ghost unterschreibt 2003 bei Breakin' Bread und veröffentlicht zwei EPs und einige Singles, die sogar kommerziell (für einen Neuling aus dem Untergrund) überdurchschnittlich gut laufen. Der Produzent und DJ hat eine wöchentliche Show bei Itch FM und verbringt als das Arbeitstier, das er ist, den Großteil seiner überschüssigen Zeit im Studio - daher übrigens auch der Name, denn Frischluft wird abschnittsweise nur dann konsumiert, wenn Essen oder Gras alle sind. Trotzdem lässt er sich für sein Albumdebüt Zeit, plant genau, was zu hören und wer beteiligt sein soll, setzt sich dann mit einer Auswahl nicht nur britischer Künstler zusammen und kann 2006 "Seldom Seen, Often Heard" präsentieren.

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Im Gegensatz zu seinen späteren Alben ist das Debüt zumindest hinsichtlich des Aufbaus ein Producer-Album, wie man es von unzähligen anderen Beat-Klempnern ebenfalls kennt. Damit hat man die Parallelen zu anderen Producer-LPs aber auch schon komplett aufgelistet. Das sonstige, stupide Aneinanderreihen von Tracks mit möglichst illustren Gästen sollte man hier gar nicht erst erwarten. Ghost hat in Verb T, Asaviour und Kashmere drei feste Freunde und Brüder im Geist gefunden, die auch hier den Kern der vertretenen Emcees bilden, dazu kommen einige präzise gewählte und vor allem ins Konzept passende Gäste - die Zeit, die sich Ghost vor Aufnahme des ersten Tracks genommen hat, um sein Album erst einmal zu durchdenken, war gut investiert. Die Grundbotschaft, die er transportiert, ist die Musik selbst, der Weg ist das Ziel der Reise, die dieses Album bietet. Ghost's Stil zu beschreiben, fällt gar nicht so leicht, denn wenngleich sich typische BoomBap-Elemente finden, pflegt er in allen seinen Werken einen ganz eigenen Charakter, der sich vor allem durch die jedem Song innewohnende Ruhe auszeichnet. Die wird grundlegend durch intensives Arbeiten mit Samples erreicht, im Speziellen jedoch mit der Wahl und Zusammenstellung jener Samples: Wo man auf anderen Scheiben einen Teil der Samples kennt und sofort die Brücke zu verwandten Platten schlägt, schafft Ghost es tatsächlich, einen eigenen Sound zu etablieren. Seine Waffen sind dabei vereinzelter Klaviereinsatz, viel Akustikgitarre, im Hintergrund arbeitende Streicher, Flöte und ein allen Songs als gemeinsamer Nährboden dienender, etwas angestaubt klingender Vibe, der die LP wie Kleister zusammenhält. In "Make A Difference" kommt sogar eine Harfe (wie immer bei Ghost wird diese jedoch nicht zu sehr in den Vordergrund gestellt) zum Einsatz. Es ist kaum verwunderlich, dass Ghost seine großen Momente in besonnenen Tracks feiern kann, die den Hörer dazu einladen, den Geist treiben zu lassen: Das eröffnende "Seldom Seen, Often Heard" braucht für seine magische Atmosphäre nicht viel mehr als zwei Piano-Loops und das ferne Rauschen von perfekt eingesetzten Rasseln, die den Hörer wie Nebelschwaden im ersten dichten Klangerlebnis einfangen. Dass sich dazu noch die wichtigsten Emcees der Platte vorstellen, ist nur rechtens. Alle drei profilieren sich noch mit weiteren Tracks: "The Pay Off" berichtet von der harten Arbeit, die man in seine Tätigkeiten steckt, "Better Tomorrow" erklärt sich praktisch selbst, "On The Right Track" (mit schönen Cuts von DJ IQ) trägt lose einige von Asaviour's Ansichten zusammen und lebt dabei weitesgehend vom relaxten Outfit, das Ghost bereitstellt, und "Invisible Inc" führt nochmal die gesamte Truppe zusammen. Dazu kommen einige weitere Gäste, vom ebenfalls eng mit Ghost zusammenarbeitenden Dubbledge über die gut eingebaute Sängerin Debbie Devorah bis hin zu zwei Amis: Ein (zu jener Zeit) gänzlich unbekannter Finale aus Detroit bekommt einen perfekt auf ihn und seinen halb genuschelten Flow zugeschnittenes Instrumental, Abstract Rude wird in die unendlichen Weiten, die in "Basic Instinct" von verträumtem Flötenspiel ausgebreitet werden, geschickt und referiert darüber, was ihn und seine Mitmenschen antreibt. Bevor das stimmungsschwere Instrumental "Round Trip" (mit Biscuit's Flöte als Abrundung) den Hörer auf einen letzten Trip schickt und einen Vorgeschmack gibt, was auf "Freedom Of Thought" ausführlicher geboten sein wird, findet sich außerdem noch ein putzmunterer Mudmowth, der sich im von Glockenspiel begleiteten "Through The Hills" pudelwohl fühlt:

"I was nine when I started rhymin' and cypherin'
Aspiring, to be the king of punchlining
Working on my timing, strugglin' and strivin'
A ten year old with Shakespeare-style writing
And I'm still shining with such diverse flows
My piss stream does cart wheels in toilet bowls
"



Die große Stärke von Ghost ist, dass er sich nicht strikt einer Schublade zuordnen lässt, weswegen er potentiell auch für jeden interessant ist, wobei er dieses potentielle Interesse durch die gebotene Qualität nicht nur rechtfertigen, sondern sogar doppelt unterstreichen kann. Außerdem tut er das einzig Richtige, was man auf einem Producer-Album machen kann: Er wählt seine Gäste sorgfältig, achtet darauf, dass jeder Gast auch wirklich an seinen Platz passt und dort nicht wegen seines Names sitzt, er wählt eine überschaubare Anzahl und baut auf einem Dreierkern (Asaviour, Kashmere und Verb T) auf. Rechnet man nun noch seine eigenständige, oft überragende Produktionsarbeit ein, kommt man mit "Seldom Seen, Often Heard" auf ein stimmiges Album, das zwar nicht zu jeder, aber fast jeder Sekunde begeistert.

7.8 / 10

Donnerstag, 17. November 2011

Big Noyd - Episodes Of A Hustla


Release Date:
16. September 1996

Label:
Tommy Boy Music

Tracklist:
01. It's On You
02. The Precinct
03. Recognize & Realize (Part 1) (Feat. Prodigy)
04. All Pro (Feat. Ty Nitty, Twin Gambino & Prodigy)
05. Infamous Mobb (Feat. Prodigy)
06. Interrogation
07. Usual Suspect
08. Episodes Of A Hustla (Feat. Prodigy)
09. Recognize & Realize (Part 2) (Feat. Mobb Deep)
10. I Don't Wanna Love Again (After Six Entertainment Remix) (Feat. Se'Kou)
11. Usual Suspect (Stretch Armstrong Remix) (Feat. Prodigy)

Review:
Er ist die Personifikation eines Mitläufer-Rappers aus dem Camp einer erfolgreichen Gruppe. Big Noyd gehört vom ersten Tag an (schon auf "Juvenile Hell") zum Anhang von Mobb Deep, schafft es aber, dank seines Verses auf "Give Up The Goods" einen eigenen Solo-Deal mit Tommy Boy an Land zu ziehen. Mitte der Neunziger zählen Mobb Deep zu den ganz Großen, was selbst für den Lakai Noyd rosige Aussichten mit einem Soloalbum verheißt. Doch ein Zwischenfall kostet ihn den großen Wurf: Während der Aufnahmen wandert er wegen versuchten Mordes ein und hinterlässt Tommy Boy ein halbfertiges Album, das schließlich als "Episodes Of A Hustla" irgendwo zwischen LP und EP seinen Weg in die Läden findet.

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Unter 40 Minuten Spielzeit sind es, darüber hinaus wurde die Tracklist mit zwei Skits aufgebauscht, man erkennt also recht schnell, dass Tommy Boy die Aufnahmen, die Big Noyd noch fertigen konnte, so gut als möglich zusammengeflickt hat. Doch das soll nicht weiter stören, solange die Musik passt. Und in dieser Hinsicht sieht eigentlich alles sehr vielversprechend aus, denn wir befinden uns in der Ära von "The Infamous" und "Hell On Earth" und niemand Geringeres als Havoc zeichnet für praktisch sämtliche Beats der Platte verantwortlich, während Prodigy auf sechs der acht Tracks zu hören ist - alleine diese Tatsache macht es schwer erklärlich, wieso "Episodes Of A Hustla" heutzutage so untergegangen ist, im Prinzip ist es sowieso eine halbe Mobb-Deep-Scheibe. Genau deshalb wird auch jenen kritischen Zungen, die den Rapper Noyd als technisch wenig standhaft abstempeln und ihm lediglich eine Existenz als Feature-Rapper auf den Alben seiner Brötchengeber zugestehen, der Teppich unter den meckernden Füßen weggezogen. Dass die Scheibe auf inhaltlicher Ebene nicht viel mehr als den vom Rauch benutzter Handfeuerwaffen geschwängerten Street-Talk der legendären Projects zwischen der Vierzigsten und der Einundvierzigsten zu bieten hat, wird niemanden überraschen - wohl erwähnenswert ist allerdings, dass Noyd offenbar genau einzuschätzen wusste, welche Mischung aus Gästen aus dem Infamous-Camp und eigenen Raps ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Da er stets ähnlich gut wie auf "The Infamous" aufgelegt ist, darf sich niemand über Langeweile am Mic beschweren. Die wahre Magie der Scheibe passiert natürlich hinter den Boards, wo Havoc das Geschehen leitet. So viel sei gesagt: Es gibt wenig, was seinem Tun und Treiben zu jener Zeit das Wasser reichen kann, und genau an dieser Stelle liegt erst der Reiz von "Episodes Of A Hustla": Die Beats mögen nicht ganz so kohärent wie auf den IMD-Alben angesiedelt sein, doch für sich genommen packt Hav ein Juwel nach dem anderen aus. Den Anfang macht jedoch Charlemagne, der "It's On You" produziert, ein Intro, das klingt, als hätte Noyd es verpasst, darauf zu rappen. Doch das stört nicht groß, denn der Beat ist ein wahrhaftiges Sahnestück und stellt Noyd mit kurzen Cuts von "The Infamous" vor. Dann kann die Show losgehen: Dumpfe Snares pumpen an allen Ecken und Enden, fremde, düster-unheilvolle Samples tanzen durchs Bild und die Infamous-Posse spittet mittendrin ihre ungeschönten Zeilen: Im ersten Teil von "Recognize & Realize" klagt grandios ein Voice-Sample gegen Prodigy's kalten Windhauch einer Performance an, im zweiten Teil führt Havoc in "Hell On Earth"-Gefilde. Das klingt zwar nicht wie Noyd's Solo-Tracks, doch wen stört das schon. Die Bässe brummen und Noyd portraitiert sich im ersten Solo-Cut als "Usual Suspect" (dieses Bild unterstreichen auch die beiden Skits, die Noyd als von der NYPD gesuchten Mann darstellen). Im ebenbürtigen "Stretch Armstrong Remix" gibt es dann sogar noch den Prodigy-Verse, der gegen Ende des Originals eingespielt wird, in voller Länge. Im eher sperrigen "All Pro" (das erst nach einigen Malen seine Klasse offenbart) dürfen sogar Nitty und Gambino ran, im Titeltrack ist es dann wieder das so gut funktionierende Gespann Noyd-P. "Episodes Of A Hustla" ist nochmal ein Ungetüm eines Instrumentals: simpel, roh, kalt - kurzum, genau das, was man bei Havoc liebt, während Prodigy die Hook beisteuert und Noyd, immer auf der Hut vor dem Arm des Gesetzes, berichtet, was der QB-Hustler so treibt. Als potentieller Wackelkandidat und R'n'B-Nummer zu erwähnen ist noch "I Don't Wanna Love Again", doch Se'kou (die auch wirklich singen kann) macht ihre Sache durchwegs souverän und passt überraschend gut auf Hav's Produktion, die ihren Nachbarn an Trockenheit in nichts nachsteht.

Wer dieses Album gehört hat, der kann sich eigentlich nur fragen, wieso es so dermaßen untergegangen ist. Wer Mobb Deep der Neunziger Schule liebt, der braucht deren zwei Klassiker. Wer einen Nachschlag will, der braucht "Episodes Of A Hustla". Noyd scheint dabei ganz genau erkannt zu haben, wie entscheidend Hav und P für den Erfolg seines eigenen Projekts sind, was zwar darin resultiert, dass man es hier weniger mit einem Soloalbum als einer Kollabo zwischen Mobb Deep und Noyd zu tun hat, doch wieso sollte man sich darüber beschweren, wenn es eine maximale Qualitätsausbeute bedeutet. Trotzdem ist die Scheibe weit von den Mobb-Alben entfernt, was hauptsächlich daran liegt, dass man ihr anhört, dass sie eigentlich nur halbfertig ist. Hätte Noyd noch ein paar Hochkaräter mehr platzieren und die Tracks dann selbst sinnvoll zu einem Album zusammenfügen können, "Episodes Of A Hustla" hätte noch eine Stufe besser sein können. Doch auch so hat man es hier mit einem wahren Leckerbissen zu tun.

7.3 / 10

Frankie Cutlass - Politics & Bullshit


Release Date:
11. Februar 1997

Label:
Relativity Records

Tracklist:
01. Puerto Rico / Black People
02. Feel The Vibe (Feat. Rampage, Doo Wop & Heltah Skeltah)
03. Focus (Feat. Lost Boyz & M.O.P.)
04. You & You & You (Feat. Sadat X & June Luva)
05. Boriquas On Da Set (Remix) (Feat. Fat Joe & Doo Wop)
06. Old School Radio (Interlude)
07. The Cypher Part III (Feat. Craig G, Roxanne Shanté, Biz Markie & Big Daddy Kane)
08. Know Da Game Game (Feat. Mobb deep, Kool G Rap & M.O.P.)
09. Games (Feat. Roc-City-O)
10. Pay Ya Dues (Feat. Keith Murray, Busta Rhymes & Cocoa Brovaz)
11. Boriquas On Da Set (Feat. Fat Joe, Doo Wop & Evil Twins)

Review:
Heutzutage hat ihn der Glauben befallen und er wandelt nach Aufgabe seines kompletten Besitzes als frommes Schaf Gottes über die Erde, doch Mitte der Neunziger ist Frankie Cutlass in New York eine feste Größe (er pflegt nebenbei auch Beziehungen zu einigen Gangs) und so etwas wie ein Repräsentant puerto-ricanischen HipHops - spätestens mit dem von ihm produzierten 1994er Hit "Puerto Rico", das auf dem selbstveröffentlichten Debütalbum "The Frankie Cutlass Show" zu finden ist. Als Schützling von Funkmaster Flex und DJ bei Hot 97 ist ihm aber die Aufmerksamkeit des kompletten Big Apple sicher. Seine Producer-Fähigkeiten sichern dem Mann aus Spanish Harlem dann sogar einen Deal bei Relativity, was im Jahr 1997 zu seinem zweiten Album, "Politics & Bullshit", führt.

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Es reicht schon ein Blick in die Tracklist, um zu bescheinigen, dass "Politics & Bullshit" für seinen Jahrgang ein durch und durch typisches Album ist - zahlreiche damals große Namen finden sich ein und drücken sich das Mic in die Hand, nur um allesamt eine gute Figur über die Beats von Frankie zu machen, der nicht weniger in die Neunziger passt und mit dem hier zu hörenden Sound genau das auslebt, was man aus den Mittneunzigern kennt und schätzt. Doch bevor es richtig losgeht wird nochmals daran erinnert, woher man Frankie schon zu kennen hat, denn "Puerto Rico / Black People" spielt nochmal Teile seines Hits "Puerto Rico" ein, um dann in ein astreines Instrumental überzugehen. Auf alten Lorbeeren ausruhen will Frankie sich allerdings nicht, denn er hat gleich einen neuen potentiellen Hit parat: "Boriquas On Da Set" mutet wie die direkte Fortsetzung seines ersten Hits an und addiert mit Doo Wop und Fat Joe (der schon im Video zu "Puerto Rico" auftauchte) auch passende Gäste für den nächsten Stimmungsmacher, der diesmal nicht nur die Puerto-Ricaner, sondern auch alle anderen anspricht. Dabei ist der Track nicht einmal bei den besten der Scheibe zu finden, sogar der wesentlich Street-lastigere Remix (der aus irgendeinem Grund Ray Boogie und True Da Grynch alias die Evil Twinz streicht) hat auf lange Sicht die Nase vorne. Ein definitiver Hingucker ist "The Cypher Part III", der als Juice-Crew-Reunion beworben wird und von seiner Aufmachung direkt an Marley's (den Frankie als Vorbild nennt) "Symphony" angelehnt ist. Mit einem entspannten George-Duke-Sample und einem starken Auftritt von Roxanne Shanté stört es dann auch nicht, dass das originale Lineup anders aussah. Ebensowenig wird man sich daran stören, dass die Scheibe von keinem Konzept zusammengehalten wird, dass die Tracks thematisch nur den kurzen Streifen von Party bis Straßenweisheiten abarbeiten. Zusammengehalten wird das Projekt von Frankie's fast durchgehenden Top-Produktionen und der geistigen Verwandschaft aller beteiligten Emcees - Kombos wie Sadat X, Redman und GP Wu's June Luva machen mächtig Spaß und veredeln das ohnehin schon erstklassige Instrumental zu "You & You & You". Noch besser gelingt "Feel The Vibe", das so stilsicher minimalistisch vorbeischlendert, dass man es ohne weiteres auch auf "Nocturnal" stecken würde, weshalb der makellos gute Auftritt von Ruck und Rock doppelt gut kommt. Ein weiteres Allstar-Lineup, das fast genauso gut funktioniert, ist "Pay Ya Dues", der absolute Überkracher wartet aber in "Know Da Game", das genau so gut ist, wie man sich eine Kollabo der fünf zu jener Zeit vorstellt. So macht man ordentlichen Street-Talk. "Focus" und "Games" können da leider nicht mithalten und markieren die einzigen Momente, bei denen entweder die Produktion etwas abfällt oder die Akteure nicht optimal zusammenspielen.

Bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Wer dieses Album nicht kannte, aufgrund der Feature-Gäste und des Erscheinungsjahres aber interessiert ist, der darf mehr als beruhigt zugreifen. Frankie Cutlass ist nicht nur fähiger DJ, sondern auch überaus guter Producer, der den Sound der Neunziger ebenso im Blut hat wie die Großen der damaligen Zeit. Da Producer-Alben zu jener Zeit sowieso nicht so alltäglich wie heute waren, die Beats fast alle passen und die angesammelte Mannschaft durchwegs bestens gelaunt auftritt, hat Frankie wenig Probleme mit einem sonst so oft fehlenden Albumgefühl. Trotz zweier schwächerer Tracks ist "Politics & Bullshit" damit ein kurzes aber sehr hörenswertes Machwerk.

7.2 / 10