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Dienstag, 15. Oktober 2013

Roc Marciano - Reloaded

Release Date:
13. November 2012

Label:
Decon Records

Tracklist:
01. Tek To A Mack
02. Flash Gordon
03. Not Told (Feat. Knowledge Pirate & Ka)
04. Pistolier
05. Thugs Prayer Pt.2
06. 76
07. We Ill
08. Deeper
09. Death Parade
10. 20 Guns
11. Peru
12. Thread Count
13. Nine Spray (Feat. Ka)
14. Emeralds
15. The Man

Review:
Der Meister ist zurück, und das genau zur richtigen Zeit. Wer die letzten zwei Jahre auch nur ansatzweise ein Auge auf Herrn Marciano geworfen hat, der kann nur ahnen, wie froh der inzwischen darüber sein muss, nicht wie seine UN-Kollegen quasi völlig aus dem Rap-Game geschieden zu sein. Von den rohen Eigenproduktionen anno 1997 mit Ox und später 2004 hin zu dem Werk, das ihn 2010 in die Munde aller Eastcoast-Heads katapultierte und ihm anschließend ordentlich die Taschen füllte, als ihn plötzlich jeder auf seinem Projekt als Gast sehen wollte - Roc Marcys Karriere durchlebt gerade ihren zweiten Frühling. Zurücklehnen will sich der Mann aus Hempstead deshalb nicht, als gegeben wird nichts angesehen. Also stehen eine ganze Reihe neuer Projekte an (ein Producer-Album, eines mit Ka, eines mit den Arch Druids und weitere) sowie das offizielle Sophomore, "Marcberg Reloaded", hinter dem nun Decon Records steht.


WRITTEN FOR Rap4Fame

Im Titel wird schon angedeutet, dass Marcy keine musikalische Neufindung nötig hat, um ein weiteres Album mit Material vollzupacken. Im Gegensatz zu "Marcberg" finden hierauf allerdings auch andere Produzenten ihren Weg auf das Album, namentlich der Alchemist, die Arch Druids, Ray West und Q-Tip. Letzterer diente zudem als eine Art Mentor in Producer-technischer Hinsicht, der dem lernbegierigen Marciano beim weiteren Ausfeilen seiner Beats zur Seite stand. Dass deshalb der Minimalismus, der ihm (da genau zur richtigen Zeit in die Szene einschneidend) seinen Hype bescherte, über Bord geworfen wird, muss jedoch nicht befürchtet werden. Noch immer ist die Grundrezeptur genau dieselbe: Exquisite Sample-Arbeit bildet die Grundlage des Albums und garantiert den fast ausgestorbenen Charakter des kompromisslosen, harten New-York-Stils, in den sich der monotone, mancherorts hin und wieder langweilig geschimpfte Rap des Gastgebers mit in großer Dichte dargebrachter, lokaler Straßenterminologie bohrt. Dem beugen sich dann auch sämtliche Gastproduzenten, was "Reloaded" ähnlich kohärent wie "Marcberg" klingen lässt. Tiefgründige Texte sollte man zwar nicht erwarten, doch die sind absolut nicht vonnöten, da Rocky Marciano einer der unangefochtenen Könige darin ist, sich im Aneinanderreihen alltäglicher Ebonics so stilvoll zu gebärden ("Can I kill it? Funkadelic George Clinton / Keep the pimpin' more convincin', without the tension"), dass man besser unterhalten ist als bei den fehlgeleiteten Inhaltsfüllegesuchen so vieler Kollegen. Wenn diese Raps dann über gekonntes, ungerührt cooles Gestell wie etwa dem auf kaum mehr als einem bestechenden Voice-Sample rotierenden "Deeper" daherkommen, bekommt der Fan dieselben feuchten Augen wie seinerzeit bei "Snow". Dabei geht Marcy, der sich selbst gerne mal als Juwelier sieht, den Start ins Album vorerst ohne seine größten Highlights an, zumindest abgesehen vom dreckig losbrechenden "Tek To A Mack". Dafür ist "Not Told" für seine Gastbeiträge, die wiederum in ihrer insgesamt geringen Zahl durchaus ins Album passen, gut geeignet. Spätestens mit der Fortsetzung des "Thug's Prayer" ("You left a big pair of Clarks to fill") wird die Dichte der Kronjuwelen dann maximal: Roc kann mit allem: in Streicher-Bett mit Pinao ("Death Parade"), nur mit Klavier ("76") oder natürlich mit äußerst wenig, was sich im puristischen "Nine Spray" äußert, für das Ka mit seinem statischen Flow geradezu prädestiniert ist. Wer sich hier übrigens über Eintönigkeit beschwert, der ist von einspurigen Genre-Wertevorstellungen über Hatzjagden nach eigentümlichen, auftürmenden Flow-Variationen beseelt, hat das Anliegen der Scheibe nicht verstanden und wird tugendhafte Heldentaten wie "20 Guns" mit seiner grandiosen Sound-Kulisse verschmähen. Als Kitt zwischen den Songs dienen auch diesmal wieder einige Film-Samples - so auch vor "Thread Count" (man bedient sich bei "New York Stories"), in dem Kamaal The Abstract den Gastgeber in Sachen Minimalismus noch überbietet und dennoch mit dem wohl atmosphärisch dichtesten Stück der Platte von dannen zieht, was Marcy am Mic entsprechend würdigt. Geld, Drogen, Henny, Blunts und Zuhälterweisheiten, verpackt mit der Eleganz eines (Rap-)Gentleman. Da bleibt eigentlich nur noch "Emeralds" zu erwähnen, die Arch-Druids-Single, die dieses Album auf dumpfen Snares und mit gefährlichen Streichern zusammenfasst.

Folgender Vergleich soll in keiner Weise ein direkt musikalischer (ebensowenig ein qualitativer) sein, doch in vielerlei Hinsicht ist "Reloaded" Roc Marcianos "Hell On Earth". Denn: Wer den Vorgänger in Ehren hielt und hält, der wird auch im neuen Album einen treuen Begleiter finden, wer damals Prodigy für die Rückkehr seiner eiskalten Art begrüßte, der wird auch dem 2012er Roc Marciano herzlichst Tür und Tor öffnen. Trotz der unzähligen jüngeren Feature-Auftritte behält der Mann seinen Hunger, lässt keine Verwässerungen des öden Eastcoast-Szenen-Querschnitts in sein Album eindringen und bleibt der Fackelträger jener noch faktisch lebendiger, an einer Hand abzählbarer Gralsritter östküstlicher Hardcore-Street-Kunst. Wer also seinen Musikgeschmack in diesen Gefilden beheimatet sieht, der ist mit "Reloaded" für dieses Jahr bestens bedient.
8.3 / 10

Dienstag, 26. Februar 2013

Juggaknots - Clear Blue Skies


Release Date:
25. Februar 2003

Label:
Third Earth Music / Matic Records

Tracklist:
01. The Hunt Is On
02. Trouble Man
03. Jivetalk
04. Watch Ya Head (Remix)
05. Epiphany
06. The Circle (Part II)
07. The Circle (Part I)
08. Who Makes It Hot (Feat. Adagio)
09. Romper Room
10. Come Along
11. Loosifa
12. A Rainy Saturday
13. Sex Type Thang
14. You Gotta Do One Of These Songs
15. Projections
16. I'm Gonna Kill You
17. Luvamaxin
18. Clear Blue Skies (Remix)
19. Up At The Stretch Armstrong WKCR Radio Show
20. Clear Blue Skies (Bonus)

Review:
Wer Jünger des Neunziger-HipHops der Eastcoast nach ihren Helden fragt, der wird (völlig zu Recht) früher oder später die Juggaknots genannt bekommen. Das Trio bewegt sich in familiären Kreisen, so sind (des Alters nach geordnet) Buddy Slim, Breezly Brewin und Queen Heroine Geschwister, Letztere ist anfangs allerdings noch so jung, dass die Schule Vorrang hat. Schon Ende der Achtziger machen die Jungs zusammen Musik, der entscheidende Schritt sind allerdings - wie bei so vielen anderen - die Auftritte bei Stretch & Bobbito. Da man 1993 einen Deal mit EastWest landen konnte, arbeiten die Juggaknots zu dieser Zeit schon an einem Album. Letztendlich kann man sich allerdings nicht einigen und wird vom Label verlassen. Glücklicherweise entscheidet sich Bobbito um diese Zeit, der Welt das zahlreiche Material, das durch seine Finger wandert, zugänglich zu machen, weswegen das Debütalbum '96 ein schnell vergriffenes Vinyl-Release über Fondle 'Em erfährt. Sieben Jahre später ist es dann das Label Third Earth, das die Juggaknots dazu nötigt, dieses Debüt nochmals zu überarbeiten und als "Clear Blue Skies" nochmals zu veröffentlichen.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Aus den ursprünglich neun Tracks sind auf dem Re-Release ganze 20 geworden, die natürlich alle originalen einschließen, aber auch neuere umfassen, auf denen dann auch Heroine (auch als Herawin unterwegs) zu hören ist. Ansonsten sieht die Rollenverteilung in der Familie wie folgt aus: Buddy Slim trägt den Hauptteil der Beats bei und greift nur selten zum Mic, Breeze hält es genau andersrum und ist demnach die Stimme, die einen durchs Album führt. Für alle, die sie nicht kennen, ist genau diese Stimme auch das erste Merkmal und die erste unbedingte Hörenswürdigkeit. Denn nicht umsonst wird Breeze in Fachkreisen als einer der unterbewertetsten Rapper seiner Zeit gehandelt; es gibt wenige, die es mit seinem so natürlichen, nie gehetzten, aber doch leidenschaftlichen und verspielten Flow aufnehmen können, der zudem auch noch ungemein sympathisch ist. Wenn Breeze eine Geschichte erzählt, dann hört man gerne zu. Die Ergänzung dafür wartet bei der Produktion, die sich frisch in allerfeinstem Ninetees-Flavor gewälzt hat und den Hörer mit molligen, lüsternen Basslines in die Arme schließt. Genau deshalb muss man "Jivetalk" trotz einer mäßigen Hook lieben, denn die Energie, die zwischen den Lo-Fi-Klanghäppchen, die über dumpfe Snares tröpfeln, und Breezlys übermächtigem Flow entsteht, ist eine Rarität, die es angemessen zu schätzen gilt und die auch in "Who Makes It Hot" voll einschlägt. Ein Nebeneffekt ist, dass Breeze die zwei Jungs von Adagio trotz ihrer sehr anständigen Auftritte mit königlich locker geflexten Braggadocio-Raps, die äußerst gut mit der zuletzt das Mic ergreifenden Heroine harmonieren, überstrahlt. Soul-getränkte Lo-Fi-Power durchfließt das auf die erhöhte Gewaltrate hinweisende "Romper Room", mit einem Entstehungsdatum vor 1990 vielleicht der älteste Song des Albums. Ein weiterer Aspekt der Scheibe sind viele kurze Tracks (unter zwei Minuten), was sich dadurch erklären lässt, dass im Zuge der Aufstockung der Trackzahl einige halbfertige Stücke integriert wurden. Schlimm ist das nicht, Songs wie "Come Along", "The Circle (Part II)" oder das Kick-schwere "Projections", in dem Heroine heißläuft, zeugen auch so von außergewöhnlicher Klasse, in voller Spielzeit hätten sie das Album jedoch zu sehr aufgebläht. Lediglich "Luvamaxin" hätte länger sein dürfen, denn der gleichzeitig rohe und smoothe Edelstein eines Songs ist mit den süffigen Rhymes von Breeze absolute Oberklasse. "Sex Type Thang" beleuchtet die Gefahr hinter Sexbeziehungen, "Loosifa" dagegen packt eine komplexe Geschichte über einen gewissen Smokey und dessen tragisches Schicksal aus, "I'm Gonna Kill You" fährt ein sehr simples Instrumental für eine weitere Geschichte auf, die wieder von Breezlys Erzählkunst lebt. Neben einem kleinen aber umso feineren Vers in der "Stretch Armstrong Radio Show" wartet gegen Ende noch "Clear Blue Skies" im Original und Remix als eindringliche Thematisierung von Rassismus in Form einer Konversation zwischen einem Sohn und dessen Vater, der ein großes Problem damit hat, dass der Sohn eine schwarze Freundin hat.

Im Endeffekt bleibt nicht mehr viel zu sagen: "Clear Blue Skies" zerbricht nicht daran, dass bereits 1996 das "halbe Album" veröffentlicht wurde oder eine so große Zeitspanne zwischen manchen Tracks liegt, überraschenderweise klingt alles sehr einheitlich nach Mittneunzigern. Wen das und Namen wie Fondle 'Em noch nicht überzeugen, dem sei versichert, dass die Juggaknots nicht nur der typische Standard-Act jener Zeit, sondern eine mit reichlich Talent gesegnete Gruppe sind, die einen überragenden Emcee in ihren Reihen hat und dazu mit haufenweise dicken Beats aufwarten kann. Da man neben großartigem Storytelling auch ein wenig Kreativität mit einfließen ließ, ist "Clear Blue Skies" nicht nur ein für die Szene sehr wichtiges Release, sondern eine Pflichtlektüre, die trotz einiger (weniger) mittelmäßiger Stücke niemand bereuen wird.

8.3 / 10

Freitag, 21. September 2012

Algorithm - Dawn Of A New Error

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A Tribe Called Quest - People's Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm


Release Date:
17. April 1990

Label:
Jive Records

Tracklist:
01. Push It Along
02. Luck Of Lucien
03. After Hours
04. Footprints
05. I Left My Wallet In El Segundo
06. Pubic Enemy
07. Bonita Applebum
08. Can I Kick It?
09. Youthful Expression
10. Rhythm (Devoted To The Art Of Moving Butts)
11. Mr. Muhammad
12. Ham 'N' Eggs
13. Go Ahead In The Rain
14. Description Of A Fool

Review:
Die Geschichte zu einer der legendärsten Crews der HipHop-Geschichte beginnt schon im Jahr 1972 in Queens: Mutter bzw. Großmutter der später als Q-Tip und Phife Dawg bekannten Zweijährigen nehmen ihre Sprösslinge mit in dieselbe Kirche. Einige Jahre später schließen Tip und Phife in der Grundschule Freundschaft - Tip wurde von seinem Vater eine starke Jazz-Prägung mit auf den Weg gegeben, Phife von seiner Mutter zur Poesie animiert. Der nächste Schritt geschieht auf Tips High School, wo man Ali Shaheed Muhammad kennenlernt, der dank eines DJ-Vaters schon seit seinem achten Lebensjahr auflegt und seit dem dreizehnten produziert. Phife, der mit einem gewissen Jarobi White übers Basketballspielen Freundschaft geschlossen hat, besucht aufgrund dieses Sports öfter die High School, Jarobi beatboxt für Tip. Ein wichtiger Faktor sind dann die gleichgesinnten Jungle Brothers, mit denen Tip Freundschaft schließt und die der ursprünglich von Tip als Crush Connection und später als Quest vereinten Gruppe den Namen A Tribe Called Quest verpassen. Eine erste Demo wird von Geffen produziert, ein Album will dort anscheinend aber niemand. Ganz anders bei Jive, die den Tribe verpflichten und 1990 schließlich auch das Debüt veröffentlichen.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 "People's Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm" ist zu diesem Zeitpunkt der bahnbrechende nächste Schritt aus den Reihen der Native Tongues, die von den JBs zusammen mit De la Soul und ATCQ gegründet wurden, enge Bindungen zur Zulu Nation pflegen und der Inbegriff für den alternativen HipHop jener Zeit sind. Obgleich es schwer vorstellbar ist, dass in einer Szene, die zusehends härter wird und für Spaß immer weniger Platz einräumt, eine Bewegung losmarschiert, die ihre lockeren und meist inhaltsbedachten Reime über Jazz-Samples kickt, begeistert der Tribe genau damit. Schlüssel zum Erfolg sind natürlich Tip und Phife am Mic, die bereits hier (wenngleich Q-Tip wesentlich öfter zu hören ist) meisterhaft zusammenspielen, aber auch der regieführende Ali begeistert mit Produktionen, die ihrer Zeit voraus sind: Über satte Drum- und herzhaft füllige Basslines sampelt Mr. Muhammad, was das Zeug hält, von Jazz über die Beatles bis zu typischem Soul. Das Besondere ist die Art und Weise, wie diese Songs, die allesamt alles andere als überladen sind, aus simplen kombinierten Loops eine Atmosphäre beschwören, die nicht nur Laune macht, sondern auch die afrozentristischen und Conscious-Raps freundlich aufnimmt. "Go Ahead In The Rain" ist ein Paradebeispiel, krallt sich in direkter und doch genialer Weise den Funk des Slave-Samples, während Q-Tip aufmunternde Zeilen zum Besten gibt und zu Eigenwahrnehmung aufruft. Eine weitere Stärke sind die zu findenden Ideen - wie Jarobi auf "I Left My Wallet In El Segundo" gekommen ist, wissen die Götter, das Ergebnis ist ein lächelnder Evergreen. Das vierte Mitglied ist am Mic übrigens kaum zu vernehmen, übernimmt nach "Push It Along" allerdings die Vorstellung des Tribes in einem eigens untermalten Zwischenspiel, das (immer mit Jarobis Worten versehen) wie ein roter Faden immer wieder zwischen den Songs eingespielt wird. So auch vor "Can I Kick It?", dem Klassiker mit dem so prägnanten Frage-Antwort-Chorus und dem genialen Zusammenspiel aus Bass und Snare, die den Song in Tips und Phifes Part einteilen. Doch die Platte hat natürlich noch mehr zu bieten, unter anderem ein großartiges "Luck Of Lucien", das dem bei Billy Brooks entlehnten Beat neues Leben einhaucht und auch dessen Bläser für ein weiteres Stück Jazz-Rap bemüht, das diesmal in Form von Zeilen an die Titelfigur Lucien Ratschläge erteilt. "Rhythm" zeigt Ali in innovativer Form, während das vegetarische Plädoyer "Ham 'N' Eggs" tatsächlich mit Langeweile zu kämpfen hat. Als Entschädigung warten edle Momente wie "Bonita Applebum", in dem Tip einer sowohl schönen als auch starken, klugen Frau den Hof macht. Zum Abschluss wartet ein weiteres Highlight, "Description Of A Fool", in dem nochmals die komplette Verspieltheit, aber auch das soziale Bewusstsein der Scheibe zum Vorschein kommt.

Zwar wird dieses Album oft vergessen, da ihm - im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern - noch weitere Großtaten folgen sollten, doch deshalb ist es trotzdem ein klasse Debüt. Mit ihrer völlig unbeschwerten Art bringen ATCQ nicht nur frischen Wind in die Szene, sondern lockern diese auch auf. Die Art, wie die Samples verbaut werden, ist Pionierarbeit, die Raps sind klug, afrozentristisch, aber nicht so provokant und anstößig wie anderswo. Die größte Errungenschaft von "People's Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm" mag allerdings seine Zeitlosigkeit sein, denn nicht nur waren ATCQ ihrer Zeit voraus, man kann dieses Album auch heute noch problemlos anhören, sich der starken Grundstimmung erfreuen, aber auch die einzelnen Songs wertschätzen.

8.6 / 10

Sonntag, 16. September 2012

The Roots - undun


Release Date:
06. Dezember 2011

Label:
Def Jam Recordings

Tracklist:
01. Dun (Intro)
02. Sleep
03. Make My (Feat. Big K.R.I.T. & Dice Raw)
04. One Time (Feat. Phonte & Dice Raw)
05. Kool On (Feat. Greg Porn & Truck North)
06. The OtherSide (Feat. Bilal Oliver & Greg Porn)
07. Stomp (Feat. Greg Porn)
08. Lighthouse (Feat. Dice Raw)
09. I Remember
10. Tip The Scale (Feat. Dice Raw)
11. Redford (For Yia Yia & Pappou) (Feat. Sufjan Stevens)
12. Possibility (2nd Movement)
13. Will To Power (3rd Movement)
14. Finality (4th Movement)

Review:
Eineinhalb Jahre sind seit "How I Got Over" ins Land gezogen, in denen die Roots keineswegs untätig waren: Die meisten werden sich an die Kollabo mit John Legend erinnern, aber auch mit R&B-Sängerin Betty Wright arbeitete man zusammen. Daneben ist die Band aus Philly weiterhin bei Jimmy Fallons Show angestellt, was dem Label Def Jam bezüglich der Promotion eines neuen Albums natürlich sehr entgegenkommt. Trotzdem geht "Undun" keine ewig lange Promo-Phase voraus, von der Zeitspanne zwischen Ankündigung, erster Single und Release können andere Alben nur träumen. Abgesehen davon wird zusätzliches Interesse durch die Ankündigung geweckt, dass "Undun" ein Konzeptalbum - das erste der Gruppe - werden solle.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Wie ?uestlove die Welt wissen lässt, war es schon seit Langem sein Wunsch, ein solches Konzeptalbum durchzuziehen, und da sich die Roots sicherlich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben und man sich an Großtaten wie beispielsweise Prince Pauls Ausflug in diese Gefilde zu messen hat, verwundert es irgendwie gar nicht mehr, wenn man erfährt, dass sich die von den Roots erzählte Geschichte rückwärts abspielt. Doch schön der Reihe nach, denn der Plot an sich ist noch ein überraschend simpler, "Undun" behandelt nämlich das Leben (und Sterben) des fiktiven Charakters Redford Stevens, den nicht die geringsten Besonderheiten auszeichnen und der mit der unbedingten Absicht, aus der Armut auszubrechen, auf die schiefe Bahn zieht. Den Hörer erwartet deshalb kein überzeichnetes Verbrecher-Epos, das moralisch unausweichliche, tödliche Ende ist trotzdem eingeplant und bestimmt folglich maßgebend die Anfangstöne des Albums. Das einmütige "Dun" beginnt mit dem Geräusch einer EKG-Nulllinie und baut sich ganz vorsichtig zu "Sleep" auf, das Stevens' Gedankenwelt zum Zeitpunkt des Todes (oder danach) einfängt, sich darüber wundert, ob die eigene Familie sich an ihn erinnern wird und mit Zeilen wie "I've lost a lot of sleep to dreams" einen bedrückenden Anstrich wählt, dem auf musikalischer Sicht nur noch eine dünne Unterlage beigemischt wird. "Make My" ist die inhaltlich logische Fortsetzung und bildet das Endstadium von Redfords Leben (der sich dessen sehr wohl bewusst ist) auf viereinhalb Minuten ab. Inzwischen ist das Album auf instrumentaler Ebene gleichgezogen, denn wenngleich man immer noch ruhige Töne anschlägt, schreiten die Roots nun in den Hauptteil ihrer großen Symbiose aus Beats und Rhymes, überwacht von ?uestlove auf der einen und Black Thought auf der anderen Seite. Zweiterer ist dank der hohen Feature-Anzahl keineswegs omnipräsent am Mic, lässt so auch andere Stimmen den Plot kommentieren, behält trotzdem mit seiner sehr determinierten, versierten Art jederzeit das Ruder in der Hand und rollt so das Leben von Redford auf, ohne explizite Geschichten zu erzählen oder zu detailliert zu werden - die Eckpunkte der Handlung lassen sich pro Song an einigen wenigen Zeilen festmachen, womit den Emcees große Bewegungsfreiheit gegeben ist. Wie sich später herausstellt, wird diese genutzt, um auf eine Grundfrage des Albums zu lenken, die philosophische Frage, ob es sinnvoll ist, Gutes zu tun, ob dies mit der angeblich jedem Menschen gegebenen Freiheit und dem Anrecht auf Selbstverwirklichung vereinbar ist. So ist es jedenfalls auch möglich, nur die Musik zu genießen, die etwa in "Kool On", dem einzigen Stück, das mit fröhlicheren Tönen das Hustler-Leben hinten anstellt, in Roots'scher Manier universell meisterhaft aufspielt. In "One Time" gibt ?uest mit seinen Drums einem fülligen Piano die Hand, lädt noch einen ergreifenden Chorus ein und erhält, obgleich lediglich das harte Straßenleben thematisiert wird, einen der intensivsten Songs der Platte. Der Mittelteil ist dem inneren Disput des Hustlers Stevens gewidmet und arbeitet die optionenarme Lage, die ihn zu seinen Taten motiviert, heraus, wobei von "The OtherSide" bis "Lighthouse" die Untermalung (kräftig von Klavier unterstützt) sowohl stützend als auch selbstständig einwandfrei gewählt wurde. Das gilt nur bedingt für "I Remember", das einen Blick in frühere, unschuldigere Zeiten wirft und ebenso dem Verlust dieser Unschuld gedenkt, und "Tip The Scale", das die moralisch gleichgültige Mentalität, jeden schmutzigen Job zu übernehmen, noch überzeugt vertritt. An dieser Stelle hätte das Album enden können, doch die Roots induzieren noch ein weiteres Element und somit ein Ende, das in Form von vier Instrumentalen (wobei das erste unverändert von Sufjan Stevens übernommen wurde und somit auch den Namen des Protagonisten erklärt) Redfords Leben in chronologisch korrekter Reihenfolge großartig instrumentalisiert, vom hoffnungsvollen "Possibility" (schätzungsweise den Träumen des jungen Stevens nachempfunden) über den letztendlichen, chaotischen und unsteten Lebensweg bis hin zum erneut sehr harmonischen "Finality".

Zugegebenermaßen machen die Roots es sich auf der Metaebene ihrer Handlung etwas einfach - Stevens wird von Anfang an die "Krankheit" der Ausweglosigkeit des Ghetto-Lebens aufgebürdet, die ihn zwangsweise auf seinen Pfad führt, von dem es für ihn offenbar auch kein Abzweigen mehr gibt. Doch was will man sich groß beschweren, wo sich quasi jedes andere Rap-Album des Jahres 2011 gar keine solchen Gedanken macht. "Undun" ist eine eher kurze, dafür sehr kompakte und nahezu perfekt durchdachte Angelegenheit, die mit starken Auftritten am Mic ebenso wie mit großartiger, emotionsreicher Musik aufwartet, die über das durchschnittliche HipHop-Publikum hinauszielt und es trotzdem voll anspricht. Im Einzelnen funktionieren nicht alle Songs, am Stück ist "Undun" aber unbedingt zu empfehlen, da die Roots das vielleicht beste Album des Jahres abliefern.

 8.1 / 10

Montag, 23. April 2012

Mood - Doom


Release Date:
23. September 1997

Label:
Cup Of Tea Records / TVT Records / Blunt Recordings

Tracklist:
01. Esoteric Manuscript
02. Info For The Streets
03. He Is DJ Hi-Tek
04. Karma
05. The Vision
06. Tunnel Bound
07. Nuclear Hip Hop (Feat. Talib Kweli)
08. Another Day
09. Sacred - Pt. I (Feat. Talib Kweli)
10. Peddlers Of Doom (Feat. Talib Kweli)
11. Millennium
12. Babylon The Great
13. Peace Infinity (Feat. Talib Kweli)
14. Secrets Of The Sand
15. Illuminated Sunlight (Feat. Sunz Of Man)
16. Industry Lies (Feat. Talib Kweli)
17. No Ordinary Brother
18. Cincinnati (Feat. Holmskillit)

Review:
Wer sich in den Neunzigern in Ohio (genauer genommen in Cincinnati) als Rapper einen Namen machen möchte, der hat es nicht leicht. Die großen HipHop-Metropolen liegen ein gutes Stück entfernt, weswegen Mood, eine dreiköpfige Formation der lokalen Szene, hin und wieder nach New York pilgern, um sich dort Gehör zu verschaffen. Am Anfang ist man noch unter dem Namen Three Below Zero unterwegs, Mitte der Neunziger formt man dann Wanna Battle Records, dem ein ganzes Kollektiv lokaler Künstler angehört - unter anderem auch ein gewisser Hi-Tek, den Main Flow (eines der drei Mitglieder; die anderen sind Donte und Jahson) zu diesem Zeitpunkt schon seit ein paar Jahren kennt. Die Single "Hustle On The Side" ist es schließlich, die Mood Aufmerksamkeit von TVT einbringt, was 1997 das Debüt "Doom" zur Folge hat.

WRITTEN FOR Rap4Fame

 Wer dieses Album nicht kennt, der wird seine Mühen haben, es ohne Hören der Musik einzuschätzen: Da thront das Mood-Logo, einen Davidsstern enthaltend, vor der Aufnahme einer Galaxie, Unterstützung erhalten Mood von Hi-Tek, der sich die Produktionsarbeit mit Jahson brüderlich aufteilt, am Mikro findet sich neben den Sunz Of Man mehrere Male Talib Kweli - eine direkte Folge der Besuche in New York. Im Prinzip liegen Mood dann auch irgendwo zwischen diesen Komponenten: Der komplette Stil trägt klar die Handschrift New York'scher Einflüsse, während Mood natürlich abseits der Normen spielen und sich einem Themenkatalog widmen, der seinem Cover voll und ganz Rechnung trägt: "On the 8th day, they all heard God say / Let there be HipHop" spricht "Info For The Streets", ein beinahe noch "gewöhnlicher" Song und Hi-Tek's erster Auftritt, in dem sich Vinyl-Kratzen und dem atmosphärisch-fernen Gestrick vermischt, das man in den Neunzigern auch anderswo zu hören bekam und das hier in Form eines kurzen Klavier-Loops ausgeschmückt wird. Der Charakter der ganzen LP baut auf diesem verstaubten 90s-Sound auf, Lo-Fi-Drumlines tanzen mit pulsierenden Bässen irgendwo in den Tiefen des Kosmos, den Main Flow und Donte mit ihren Raps aufspannen. Die beiden Emcees sind dabei wie geschaffen für die Backdrops ihrer beiden Produzenten: Main Flow bohrt sich mit seinem monotonen Flow ins Ohr des Hörers, der immer etwas heiser klingende Donte folgt direkt dahinter. Gerappt wird über die rückgratlose Rap-Szene, über den eigenen Staat Cincinnati und vor allem natürlich über die eigenen, übermenschlichen Fähigkeiten und die Weisheiten, die man mit der Menschheit teilen möchte und die oftmals in bunte Vergleiche gebettet werden. Die große Stärke sind dabei nicht unbedingt einzeln herausragende Songs, sondern die Gesamtheit der Tracks, die in einheitlichem Fahrtwasser steuern und den Hörer behände mitnehmen - und zwar vom eröffnenden "Esoteric Manuscript" bis zum abschließenden "Cincinnati", für das noch Wanna-Battle-Kollege Holmskillit vorbeischaut. Highlights auszumachen fällt gar nicht so leicht, "Secrets Of The Sand" erhebt mit einer großartigen Hook von Dirty Irby und den ausschweifenden Lyrics jedoch starken Anspruch auf einen solchen Titel, in "Tunnel Bound" glänzt vor allem der vom Teufel versuchte Donte. "Millenium" lädt zu intensiver Meditation und das Zusammentreffen mit Prodigal Sunn und 60 Second Assassin ist als abstrakte Wortstapelei über deren Heilsbringereigenschaften sowie ein Sureshot. Auch Talib Kweli's Einsätze sind hochwertig, sei es nun in "Nuclear Hip Hop", dem entspannt produzierten "Industry Lies" oder in "Peddlers Of Doom", das am Schluss eine großartig ins Konzept passende Spoken-Word-Einlage des Emcees aus Brooklyn einplant ("Mood music, a lush arrangement of popular sounds to induce a mood of relaxation. See to me, hearin emcees rock over beats, that shit is soothin'. The current mood of HipHop is stagnant and not movin'"). So sei auch Talib der letzte und so treffende Satz gewährt, der die Essenz der Scheibe schön zusammenfasst: "We livin' this shit, changing the mood of the entire industry.".

Die bedeutendste Einwirkung dieses Albums auf die HipHop-Szene war wohl die Zusammenführung von Talib Kweli und Hi-Tek. Doch deshalb die eigentlichen Haupdarsteller unter den Tisch zu kehren wäre ein fataler Fehler. Mood's Erstling ist ein fester Bestandteil jener in den Neunzigern veröffentlichten Alben, die in textlicher Hinsicht alternative Wege gingen, die im Streben nach geistiger und spiritueller Erleuchtung dem Esoterischen Einzug erlaubten - jedoch keinesfalls so ausgeprägt wie bei gewissen anderen Künstlern. Trotzdem muss jeder für sich entscheiden, ob er sich diese Themen anhören will, falls ja, bieten Mood außerdem erstklassige Raps und ausgezeichnete Beats, die zwar unter NY-Einfluss stehen, aber durchaus eine eigene Note bestitzen und "Doom" zu einem kleinen Juwel der Rap-Historie machen.

8.1 / 10

Donnerstag, 17. November 2011

Moongod Allah - Ten Tigers Of Kwantung


Release Date:
Mai 2001

Label:
Moonlight Records / Ringz & Partners Inc.

Tracklist:
01. Trial Of The Broken Blades (Feat. Origin & Fraze)
02. Instructor Of Death (Feat. Doc Blake & Coltrane)
03. Moon Warriors (Feat. Cilvaringz, Origin, Fraze, Magpie, Doc Blake & G.I. Samurai)
04. Dinasty Of Blood (Feat. Cilvaringz & Fraze)
05. Saviour Of The Soul (Feat. Cilvaringz & Doc Blake)
06. The Wong Masters (Feat. Cilvaringz & Origin)
07. Shaolin Handlock (Feat. Magpie)
08. Singing Killer (Feat. Cilvaringz, Fraze & G.I. Samurai)
09. A Taste Of Cold Steel (Feat. Cilvaringz)
10. Come Drink With Me (Feat. Origin & Magpie)
11. Science (Feat. Origin) (Bonus)

Review:
Wer sich mit dem europäischen Zweig der Wu-Tang-Familie befasst, der stößt nach Cilvaringz direkt auf Moongod Allah, eine von vielen Schattenfiguren im Wu-Universum, die sich stets im Hintergrund aufhielt. Moon wohnt in den Neunzigern wie Ringz in Holland und begegnet seinem späteren Partner erstmals auf dem Basketballplatz, wo die gemeinsame Liebe zum HipHop in erste Projekte mündet, die man mit einigen Gleichgesinnten zuerst als Henchmen und dann als Lin Brotherz aufnimmt, die aber großteils unveröffentlicht bleiben. Als dank Ringz dann die Aufnahme in den Wu-Kreis erfolgt, managt Moon RZA und Konsorten auf Tour und baut eine enge Freundschaft zum Abt auf, in der er laut eigener Aussage viel lernt. Parallel dazu nimmt der holländische Producer mit seinen Lokalkumpels weiteres Material auf, das u.a. 2001 in Form des sehr limitierten, ausschließlich übers Internet erhältlichen "Ten Tigers Of Kwantung" das Licht der Welt erblickt.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Diese Scheibe markiert den ersten von drei Teilen aus der "Trilogy Of The Swordsmanship" (wobei der dritte, eine Kollabo mit Bronze Nazareth, zwar fertiggestellt aber nie veröffentlicht wurde), doch selbst ohne die Anmerkung sollte niemand auch nur die geringsten Probleme damit haben zu erraten, was ihn hier erwartet. Es ist kein Wunder, dass sich diese Bande Niederländer zum Wu-Tang Clan hingezogen fühlt, denn ganz offensichtlich wird die Liebe für Kung-Fu-Streifen geteilt, seinen Albumtitel leiht sich Moongod von einem Machwerk der Shaw Brothers und im Prinzip ist die ganze LP ein eigener Kung-Fu-Film, nur eben in Hörspielformat. Die Schauspieler sind dabei praktisch alle bisherigen Weggefährten: Mit Cilvaringz und Barrakjudah (alias Origin) von den Lin Brotherz sowie Fraze, Doc Blake (alias Ganz) und Magpie von den Most High Brotherz hat man fast schon das komplette Lineup zusammen. Die Mannschaft kommt zwar aus Holland, gerappt wird aber auf Englisch, und das ganz und gar nicht schlecht. Das hervorstechende Merkmal der Scheibe ist dabei jedoch trotzdem der Lo-Fi-Charakter, in seinen Grundzügen weckt das Album Erinnerungen an "Enter The 36 Chambers", die Ausführung aber ist natürlich eine ganz andere. Moongod wählt nicht nur eine kurze und in absichtlich unsauberem Asian-English vorgetragene Geschichte als Überleitung zwischen den Tracks, fast jeder Song klingt genau so, wie man sich den "Wu-Tang-Sound", der beim eigentlichen Clan nur selten dominiert hat, vor: Fernöstliche Samples, Flöten, Streicher oder diverse andere Instrumente, die teilweise einfach nur in den gewünschten Rahmen gerückt werden, dienen als Kulisse für die Geschichte um Bai Me, einen Martial-Arts-Schüler, der von Meister Kai Sing in die Welt hinausgeschickt wird und der sich einen deftigen Schlagabtausch mit den "Moon Warriors" liefert. Den Emcees ist dabei keine feste Rolle zugewiesen, Cilvaringz spielt beispielsweise einen der Moon Warriors, um später dann im mit großartigen Streichern bedeckten "Wong Masters" als früherer Rivale Hung Si Kwan aufzukreuzen und gemeinsame Sache mit Bai Me zu machen, wobei Ringz' Lines neben ihrer Plotgebundenheit außerdem mit Anspielungen auf diverse Figuren im Wu-Universum gespickt sind. Ansonsten nehmen sich die reimenden Kämpfer nicht viel, sogar der in "Saviour Of The Soul" selbst zum Mic greifende Moongod legt eine ordentliche Vorstellung hin. Cilvaringz treibt die Handlung voran und berichtet von der Suche nach dem Auserwählten (welcher den vernichtenden Streit beenden soll), der sich mit seinem Auftauchen aber Zeit lässt. So kommt man in den Genuss der "Shaolin Handlock"-Technik (erneut großartig inszeniert), die Bai Me und Hung als Antwort auf die "Singing Killer"-Technik (die von Ringz nochmals farbenfroh in "A Taste Of Cold Steel" angekratzt wird) lehren. Den Schlusspunkt setzt ein geheimnisvoller Fremder mit der Aufforderung "Come Drink With Me", was von Magpie und Origin mit einer Hook versehen wird, in der man glatt ODB vermuten könnte. Als kleinen und sehr feinen Zusatz gibt es noch einen von Origin produzierten versteckten (handlungsfremden) Track, der den Hörer mit seinen Streichern einfängt.

In Kennerkreisen hört man des Öfteren, dass ein weniger kommerzialisierter Wu-Tang Clan, wäre er um die Jahrtausendwende seinen ursprünglichen Prinzipien treu geblieben, genau so klänge wie dieses Album. Ganz im Unrecht sind diese Stimmen nicht, denn Moongod Allah und seine Mannen stehen für all das, was seit Jahren immer wieder auf Wu-Alben gewünscht und gefordert wird. Dass die Emcees dabei nicht ganz auf Augenhöhe mit beispielsweise den neun Generälen sind, versteht sich von selbst, trägt aber noch mehr zur Atmosphäre der Scheibe bei - die Synchro in den Shaw-Flicks war schließlich ebenfalls nie die beste (wobei die hiesigen Raps alles andere als schlecht sind). "Ten Tigers Of Kwantung" lebt einerseits von seinem überragenden Konzept, dank dem kein Track verloren wirkt, und andererseits davon, wie die Moonlight-Jungs als ursprüngliche Wu-Fans die Essenz und Grundidee ihrer Idole neu einkleiden und so ein Album erschaffen, das so klingt, wie man es insgeheim jedem neuen Album des Wu-Tang Clans wünschen würde.

8.2 / 10

Freitag, 2. September 2011

Blu & Exile - Below The Heavens


Release Date:
17. Juli 2007

Label:
Sound In Color

Tracklist:
01. My World Is..
02. The Narrow Path
03. So(ul) Amazin' (Steel Blazin')
04. Juicen' Dranks (Feat. Ta'Raach)
05. In Remembrance Of Me
06. Blu Colla Workers
07. Dancing In The Rain
08. First Things First (Feat. Miguel Jontel)
09. No Greater Love
10. Show Me The Good Life (Feat. Aloe Blacc & Joseph)
11. Simply Amazin'
12. Cold Hearted (Feat. Miguel Jontel)
13. The World Is (Below The Heavens..)
14. You Are Now In The Clouds With (The Koochie Monstas)
15. I Am Blu
16. (Silence)
17. Bonus Instrumental

Review:
Kaum zu glauben, doch noch vor vier Jahren war Blu ein ganz kleiner Fisch, der seine Hörerschaft erpicht darauf hinweisen musste, dass sich sein Name ohne "e" am Ende schreibt. Eine EP namens "Lifted" ist (neben einigen Gastauftritten) praktisch das einzige, was der Mann aus L.A. zu jener Zeit auf dem Kerbholz hat. Exile auf der anderen Seite ist fester Bestandteil der westküstlichen Backpacker-Szene, konnte sich seine Sporen unter anderem schon als Producer hinter Emanon verdienen und kann sogar schon auf ein 2006 veröffentlichtes eigenes Album zurückblicken. Auf dem arbeiten Blu und Exile auch schon zusammen, was letztlich (neben einem von Blu begeisterten Label) zum 2007 erscheinenden "Below The Heavens" führt, da man sich schnell und gut versteht.

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Spätestens als einige Zeit nach Release der Platte die halbe Szene davon schwärmte, war es Zeit, sich mit "Below The Heavens", das auf dem kleinen Sound In Color erschienen ist (weswegen der große Erfolg noch mehr verwundert), zu befassen. Der Zusammenschluss zum klassischen MC-DJ-Gespann ruft schnell Assoziationen mit den Großen hervor, was Blu nicht zuletzt selbst anfächert ("The new Pete and CL is Exile and BL"), doch Sorgen, dass man es hier nur mit einem Plagiat zu tun hat, sind gänzlich unbegründet, denn dieses Duo greift an mehreren Fronten mit frischem Wind an: Da wäre einmal Naturtalent Blu selbst, dem man ab der ersten Sekunde anhört, dass ihm das Emceeing im Blut liegt. Mit einer markanten Stimme und einem lässigen Style lädt er die Hörerschaft zu diesem sehr persönlichen Album und hat die seltene Gabe, all die Anliegen und Dinge, die im Leben des 24-Jährigen vorgehen, ansprechend zu verpacken. Und mit solchen Geschichten ist der Großteil des Albums gefüllt, was sich als sehr positive Eigenschaft herausstellt, denn anhören kann man sich das, was Blu zu sagen hat, wieder und wieder, so beispielsweise auch "Show Me The Good Life", in dem sich Blu übers Vatersein Gedanken macht:

"I got a call from my girl last week, she telling me about that time of the month and how it may not come
Dropped the phone right before she said I might have a son
And I started asking God how come, I got dreams I ain't reached yet, ends that ain't meet yet
When it comes to being a man, shit I'm barely getting my feet wet
Trying to hit reset knee deep in debt, trying to figure out how to feed a mouth that ain’t got teeth yet
How the hell am I gonna show a child to be a man, when I'm twenty-two without a clue on how to take a stand?
"

 
Das alles würde natürlich ohne eine üppige instrumentale Untermalung nicht funktionieren, und genau dort kommt Exile mit einem der freshsten Soundteppiche des Jahres ins Spiel. Das Fundament ist das einer herkömmlichen Westcoast-Backpacker-Platte, doch Exile hat ein erstaunliches Geschick beim Finden, Auswählen und Verarbeiten seiner Samples und schlägt hier einen Weg ein, den man von Emanon (oder auch von "Dirty Science") in dieser Stärke nicht kennt: Es ist immer genug Saft im Beat, um die Nackenmuskeln zu fordern, trotzdem trieft die LP vor Soul, entspannten Voice-Samples und guter Laune. Das belegt schon "My World Is.." als perfekte Kombination aus Raps, Streichern und Voice-Sample (Erinnerungen an die Smut Peddlers werden wach), mit dem Blu geradezu zu tanzen scheint. Der Sommer-Track schlechthin ist "So(ul) Amazin'" (vielleicht die jahresbeste Fusion aus deftiger Snare und Streichern, die mit jeder Sekunde Sonnenschein durch die Boxen schicken), nicht minder stark ist "Blu Collar Workers", das das Portrait eines abgebrannten, hart arbeitenden MCs präsentiert, der seine Mühen damit hat, Zeit für Dinge wie eine Beziehung zu finden. Des Weiteren singt Blu den Refrain selbst und demonstriert dabei, dass er diese Kunst, bei der sich schon so viele Rapper lächerlich gemacht haben, erstaunlich gut beherrscht und sie vor allem gut einzusetzen weiß. Das gilt natürlich auch, wenn Miguel Jontel für "Cold Hearted", in dem Blu über ein weiteres meisterhaftes Voice-Sample von Exile einen Blick in seine Kindheit unternimmt, vorbeischaut. Ähnlich geht es zu, wenn "In Rememberance Of Me" sich wundert, wie schnell die Zeit vergeht, während "Simply Amazin'" Gedanken über Blu's Ist- und Sollzustand zusammenfasst ("Fuck that, we goin' platinum plus, and still ridin' on the back of the bus") und "Dancing In The Rain" mit famoser Akustikgitarre unvermeidbare Downphasen verarbeitet. Kritikpunkte zu finden fällt schwer, mit "Juicen' Dranks" bietet sich zumindest ein Aussetzer an, während auch "No Greater Love" das Niveau der restlichen Songs nicht ganz hält. Gegen Ende jedenfalls wartet wieder Sahne-Material in Form von "The World Is" und "You Are Now In The Clouds With", und wer dann noch nicht genug hat, dem bietet die CD noch ein ungelistetes "I Am Blu" sowie ein leckeres Bonus-Instrumental.

Nach diesem Album etablierte sich ein unglaublicher Blu-Hype, für den bisher noch kein Ende abzusehen ist. Ausnahmsweise darf in diesem Fall attestiert werden: zu Recht. Wie sehr sich das zuvor praktisch unbeschriebene Blatt Blu mit dieser Scheibe profilieren kann, wie sehr dieses Debüt durch die Bank weg Hörer begeistert, sucht in den letzten Jahren seinesgleichen. Zu danken hat Blu seiner unglaublich sympathischen Art, die seine persönlichen Geschichten erst so richtig hörenswert macht, und natürlich Exile, dem Meister hinter den Kulissen, der einen außergewöhnlichen Beat-Katalog zusammenstellt. "Below The Heavens" ist dabei keineswegs perfekt, macht dafür aber unglaublich viel Spaß und wird HipHop-Liebhaber auch noch in vielen Jahren durch sonnige Sommertage begleiten.

8.4 / 10

Dienstag, 23. August 2011

The Doppelgangaz - Lone Sharks


Release Date:
28. Juni 2011

Label:
Groggy Pack Entertainment, LLC.

Tracklist:
01. Happy Face
02. Nexium
03. Get Em
04. Doppel Gospel
05. Dumpster Diving
06. The Gods
07. Pack Kevorkian
08. Wench Rench
09. Rap $ Unemployment
10. Like What Like Me
11. Lush
12. NY Bushmen
13. At Night
14. Dead Already
15. Suppository

Review:
Ladies & Gentlemen, Sharks & Sharkettes, es ist Zeit, sich einem der wenigen Acts zu widmen, die 2011 noch nicht im Halbkoma dahindämmern. The Doppelgangaz alias EP und Matter Ov Fact stehen mit einem neuen Album vor der Tür. Das Ghastly Duo (oder auch Groggy Pack), beheimatet in "Parts Unknown" (in Wirklichkeit aber Orange County, NY) kennt sich schon seit geraumer Zeit - die Kindheitsfreunde basteln bereits seit über zehn Jahren gemeinsam an Tracks -, schwingt seinen Hintern aber erst relativ spät in den Pool der Rap-Szene: 2009 debütiert man mit einer EP und schiebt gleich im selben Jahr das kostenlose Album "2012: The New Beginning" hinterher. So erreicht man die Aufmerksamkeit einiger Hörer und auch Websites, veröffentlicht ein Jahr darauf mit "Beats For Brothels" ein großteils instrumentales, erstmals kostenpflichtiges Werk und macht kräftig Werbung für "Lone Sharks", das noch im Sommer 2011 (ganz ohne bei anderen Künstlern so übliche Verspätung) folgt.

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Eigentlich ist ihr Katalog dafür noch zu überschaubar, doch man darf trotzdem sagen, dass alles beim Alten bleibt: Eigenregie ist das Stichwort, EP produziert die komplette Scheibe, während das Duo die Raps brüderlich (bzw. doppelgängerhaft) aufteilt. Ihren Namen rechtfertigen sie übrigens nicht mit Äußerlichkeiten (der schwarze Matter Ov Fact rühmt sich gerne damit, doppelt so groß wie sein weißer Partner zu sein), sondern mit ihrer geistigen Verwandtheit. Die ist nicht zu leugnen, denn wenngleich sie stimmlich unschwer auseinanderzuhalten sind, sind Stil und vor allem Inhalt sehr ähnlich. Was die Musik der DGs mit sich bringt, erschließt man am besten über deren Klientel. Freudig dem Album entgegengeblickt hat wohl ausschließlich die Fraktion Eastcoast-Heads, die der Ansicht ist, dem minimalistischen Hardcore wurde noch nicht Genüge getan. Denn im Prinzip praktizieren EP und MoF genau das: staubtrockene Drumlines, bedächtig, dosiert und messerscharf eingesetzte Effekte und Samples sowie Raps, die sich nicht mit dem Klatsch und Tratsch der heutigen Szene aufhalten, sondern den Hörer in die eigentümliche Welt der Doppelgangaz ziehen. Eine Welt, in der man den "Black Cloak Lifestyle" lebt, der Müllcontainer-Tauchen als beliebte Sportart und Weg zur Beschaffung neuer Kleidung vorsieht und für den peinliche Andersartigkeit Trumpf ist: "He's used to hearin' three words: Go away, creep" beschreibt sich Matter Ov Fact so schön selbst. Doch man sollte seine Reise schön bei "Happy Face" beginnen, das in einer Welt, in der Rap-Intros zu sinn- und lieblos vergorenen Formalitäten verkommen sind, vorführt, wie man mit ein wenig verstaubtem Klavier und den weisen Worten von Nina Simone eine Atmosphäre aufbaut, wie man sie zumeist nur noch im HipHop-Museum vorfindet: Hier wird nichts überstürzt, jeder Takt genau an seinen Platz gesetzt, um schließlich eine perfekte Überleitung zu "Nexium" zu bilden, dem ersten Meisterwerk der Scheibe, das diese ruhige Stimmung so umwerfend weiterspinnt, dass man beim Einsetzen von Kick und Raps nur noch ekstatisch staunt. Sowas bringen in der Tat nur "The Gods" zustande, doch das Ghastly Duo denkt nicht im Traum daran, sich in bester Rapper-Manier selbst zu beweihräuchern, "Like What Like Me" adressiert die Auswahlkriterien für die Gefährtinnen der DGs und ist dabei wörtlich zu nehmen - das Hobby "Dumpster Diving" wurde ja bereits erwähnt und der Song selbst tropft mit jeder Sekunde so smooth-königlich von seinen satten Kicks, dass man nichts als Sympathie für die beiden Außenseiter empfindet. Ein wunderbares "Lush"-Interlude hat nicht vor, den Hörer aus dem Bann der Scheibe zu entlassen, andächtig ruhiges Klavier begleitet die als Outro hinter "Nexium" gespannten Sekunden, in denen Eddie Cantor zitiert wird - Balsam für die Seele, der auf dem Papier nicht unbedingt zusammenhängend klingt, in seiner Umsetzung aber so ungeheuer stark ist, dass selbst ein durchschnittliches "Pack Kevorkian" oder das im hinteren Teil der LP anzutreffende, schwächere (aber immer noch gelungene) "Dead Already" kaum Kritik bedarf. Instrumentale Outros an einigen Songs, rohe Stimmen, die anscheinend nur für ein solches Projekt kreiert wurden, bei den Doppelgangaz passt einfach alles zusammen, und zu allem Überfluss setzt es dann regelmäßig Hochkaräter: "Rap $ Unemployment" ("I'm sellin' the god's daughter, ain't no tellin' where I bought her") zerknuspert mit seiner Kick den wildesten Synthie-Banger, während hier vor allem EP seinen illustren Wortschatz zu präzisen Sätzen formt, die unter dem schwarzen Mantel hervorgeschossen werden. (Flow-)Technische Spielereien werden hier nicht nur nicht vermisst, sie hätten gar nicht ins Bild gepasst. Songs wie "Get Em" (großartig mit MF-Grimm-Voicecut) oder "Suppository" halten nichts von Hektik, sondern treffen mit eleganter Coolness punktgenau ins Schwarze. Mehr muss an dieser Stelle nicht gesagt werden, doch wer noch einmal in einem Song all das vereint haben will, wofür die Doppelgangaz stehen, dem sei zu "Doppel Gospel" geraten.

Bei dem, was die Doppelgangaz zelebrieren, bekommt der Begriff "Sharking" eine ganz neue Bedeutung. EP und Matter Ov Fact geben sich selbst als Antihelden, pfeifen darauf, sich selbst als die Obermacker darzustellen und nehmen lieber die Rolle der zwielichtigen Gestalten an, um die man in der Regel lieber einen Bogen macht. In diesem Fall wäre das allerdings ein großer Fehler, denn wem auch nur ansatzweise etwas an gutem Eastcoast-HipHop liegt, der sollte, der darf sein Jahr 2011 nicht ohne "Lone Sharks" verbringen. Dieses Album ist für die Leute, die letztes Jahr bei Roc Marciano feuchte Augen bekamen, doch wenngleich es hier genau dieser Rap für Erwachsene ist, wohnt ihm gleichzeitig der obskure Charakter inne, den die Doppelgangaz als relativ junge Künstler zu ihrem Markenzeichen erkoren haben - und die Symbiose funktioniert erstaunlich gut. Wer nun immer noch nicht überzeugt ist, dem ist nicht zu helfen, alle anderen dürfen sich über eines der Highlights (und einen Geheimtipp) des Jahres 2011, das nicht perfekt, aber doch verdammt gut geraten ist, freuen.

8.2 / 10

Black Samurai - The Struggle Continues


Release Date:
2000

Label:
Black Foundation Recordings

Tracklist:
01. Ghetto God Blessed - Malik Allah, Lord Laing, Cipher Allah & Black Ravage
02. Symphony Of Destruction - Black Ravage, Black Nemesis & Cipher Allah
03. Believer - Justice & Black Ravage
04. Black Cracker Suite - Yogi, Radix, Lord Laing & Malik Allah
05. Life To Freedom, Death To The Debt - X-Factor, Yogi, Lord Laing & Black Ravage
06. Worries - Black Nemesis, Dark Az Night, Yogi & Fameless
07. Life Is A Struggle - Adante, X-Factor & Black Ravage
08. Respect From The Street - Cipher Allah, Rukkus, Force Of Macabe & Urban Monk
09. Jackin' The Black - Black Nemesis, Rawality, Venom & Fameless
10. Samurai Jamming - Fameless, Rukkus & Urban Monk
11. Justice / Kill 'Em All - Justice & Black Ravage
12. StreetGamesDevilsBluesAndPopo - Cipher Allah, Venom, Mack 10, Lord Laing, Malik Allah & Black Law
13. Everybody Must Dead - Rawality, Hussain, Rukkus, Lord Laing & Yogi
14. Out Of Darkness - Cipher Allah, Fameless, Black Nemesis, Lord Laing & Black Ravage
15. Black Is Jah Colour - Black Ravage, Fameless & Yogi
16. New Jack Millenium Sting - Black Samurai, Black Ravage, Fameless & Black Nemesis
17. Street Things, Ghetto Things - Malik Allah, Venom, Black Law & Cipher Allah
18. No Unity - Rukkus

Review:
Lange dauert es nicht, bis wieder die ganze Mannschaft zusammenkommt. Um die Jahrtausendwende kann ein vorwiegend britisches Kollektiv die Untergrundszene mit einem recht eigentümlichen Release verblüffen: "Life As A Struggler" dient als Plattform für weit über ein Dutzend Emcees, die ihrer Unmut Luft machen und dabei ihre Weltansicht, geprägt vom Leben in den Ghettos der Midlands und Londons, darlegen. Kommerziell besonders erfolgreich war das in Eigenregie veröffentlichte Werk sicherlich nicht, doch Black Samurai, eine der Schlüsselfiguren der gleichnamig betitelten Truppe, liegt viel daran, den Emcees aus seinem Umfeld eine Möglichkeit zu geben, gehört zu werden (was für ihn selbst den Verzicht auf Luxusgüter mit sich bringt). Da sich an der Einstellung nichts geändert hat, ist es also nur logisch, den Zweitling "The Struggle Continues" zu taufen.

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Viel hat sich auf den ersten Blick nicht geändert - noch immer prangt der Samurai auf dem Cover und bekommt Gesellschaft von einem zweiten, der mit einem Schwert (als Metapher für die scharfe Zunge) ausgerüstet ist. In der Tat scheint es, als habe man mit "The Struggle Continues" vor, der britischen Obrigkeit noch vehementer zu Leibe zu rücken, was für den Hörer weitere furiose Raps bedeutet. Ansonsten gibt es im Lineup keine nennenswerten Änderungen zu vermelden, die Gästeliste ist wohl sogar noch ein wenig gewachsen. Hinter den Boards ist die Abwesenheit von Baby J, der "Life As A Struggler" noch zur Hälfte befeuerte, zu vermelden, erstaunlicherweise vermisst man ihn jedoch kaum. Sorge dafür tragen neben Black Samurai und Cipher Allah (eine weitere Namensvariation des Moorish-Delta-Künstlers) einige neue Gesichter, allen voran Urban Monk, aber auch 76, Brothers Of "M" oder Stix. Man merkt schon, der bunte Salat noch nie gehörter Namen ist auch hier sehr präsent, die alten Bekannten vom Vorgänger gibt es aber auch: Yogi ist wieder mit von der Partie, ebenso zwei Drittel von MD7, Fameless (unauffällig aber gut) und auch Nemesis, die hier als Black Nemesis auftritt. Mit Rawality, Adante und Justice haben es sogar noch drei weitere Damen aufs Album geschafft, was gelungene Abwechslung ins Spiel bringt. Den Anfang macht jedoch "Ghetto God Blessed" mit erfrischendem Lo-Fi-Drumkit, packenden Streichern und einem Cipher, der die Essenz der Scheibe gleich aufsummiert:

"Allah help me, cause I'm trapped in the wilderness
The land of the man who's constantly killing us
It seems like life's a movie where the black man dies first
Righteous path, I try my best not to divert
[...]
2000, what's your new year's resolution?
Resurrect the dead, free slaves and start a revolution
[...]
Mark my words, devil's gonna die
But right now I gotta hustle to survive, I ain't gonna lie
"



Der Charme der Scheibe besteht weiterhin nicht in technischer Perfektion (wenngleich einige der Emcees weit oben mitspielen), sondern im gemeinsamen Anliegen, dem die Beats ein Gesicht geben und das die Unmenge an Rappern überhaupt erst möglich und erträglich macht - jede Stimme genau zuordnen wird sowieso niemand können. Dabei lässt sich die Scheibe recht gut in die schwungvolleren Wutreden und die melancholischen Blicke in die schwarze Realität der Darsteller, die in einigen Tracks ganz besonders gut gelingt, einteilen. Zur ersten Kategorie zählt "Life To Freedom, Death To The Debt" als Kampfaufruf an die Dritte Welt, auf der es zudem mit X-Factor den einzigen französischen Beitragenden zu hören gibt. In verwandten Gewässern tummelt sich das furiose "StreetGamesDevilsBluesAndPopo", dem das geradezu andächtige "Justice / Kill 'Em All" vorausgeht. Etwas aus der (düster gestrickten) Reihe tanzen "Symphony Of Destruction" und "Black Cracker Suite", Qualitätseinbußen sind trotzdem nicht zu verzeichnen. Die Krönungen dieser Scheibe warten trotzdem anderswo: Für "Jackin' The Black" stöpselt Monk aus Klangpartikeln, die er weiß Gott wo ausgegraben hat, ein unfassbar schmutziges Instrumental (das noch unfassbarer gut ist) zusammen, in dem sich vor allem Nemesis und Rawality überragend dem Rassismus in England widmen ("Y'all jackin' the Black, but there ain't no black in the Union Jack / The colours reflect the hatred that the system projects", das ebenfalls der Rassenthematik verschriebene "Black Is Jah Colour" trumpft ähnlich stark auf und arbeitet noch ein perfekt in die Szenerie passendes Voice-Sample ein. Ganz großes Kino ist auch die Gitarre in "Out Of Darkness", während "Everybody Must Dead" ein bitteres Schluchzen hinter einer knochigen Drumline verlauten lässt. Mehr Melancholie gibt es im minimalistischen "Worries", "Believer" dagegen langt (neben dem ebenfalls ein wenig farblosen "Life Is A Struggle") mit seinem exzessiven (und irgendwie leicht unpassenden) Gesang als einziger Song etwas daneben. In Anbetracht der das Album abschließenden Kracher (vor allem "No Unity" walzt den Hörer nochmal platt) lassen sich diese Schönheitsfehler allerdings mehr als verkraften.

Wahrscheinlich ist es dem kurzen zeitlichen Abstand zum Release des Debüts zu verdanken, dass hier nicht etwa die Qualität verloren geht, sondern direkt an "Life As A Struggler" angeknüpft werden kann. Der Sound klingt dabei ein wenig sauberer ausproduziert, wenngleich zu jeder Zeit verdorben genug, um dem Album sehr zur Freude des Hörers seinen rohen Charakter zu bewahren. Die Vielzahl der Emcees, die wieder gut zusammenarbeitet, nimmt weiterhin kein Blatt vor den Mund und konzentriert sich noch mehr auf die politischen und sozialen Missstände auf der Insel. Für die Zahl der Tracks ist die Quote der weniger berauschenden Songs sehr gering und wird problemlos verkraftet, was "The Struggle Continues" insgesamt nur minimal hinter das Debüt setzt und in jedem Fall zu einem Spitzenalbum macht.

8.4 / 10

Montag, 8. August 2011

Capital D & The Molemen - Writer's Block


Release Date:
20. August 2002

Label:
Molemen / All Natural Inc.

Tracklist:
01. Intro
02. Writer's Block Pt. II
03. Young Girl Lost
04. Paper Chase
05. Midnight
06. Mrs. Manley
07. Du'a (The Deen's List)
08. Crossfire
09. Currency Exchange
10. Final Judgment
11. Cause & Effect
12. Du'a (Stevie Wonder)
13. Mass Transit
14. Bonus Track 1 & 2

Review:
Capital D's Solokarriere wäre beinahe gar nicht zustandegekommen, denn irgendwann nachdem er 2001 mit Tone B. Nimble als All Natural das zweite gemiensame Album veröffentlicht hat, kommt der Moslem mit seinem Glauben in Konflikt und begräbt seine Musikkarriere kurzzeitig vollkommen. Doch der Chicago-Emcee kommt glücklicherweise zu der Entscheidung, dass gehaltvolle Musik für ihn legitim ist. Nachdem er von den Molemen einen Packen Beats vorgelegt bekommt, ergreift ihn seine Liebe zum Schreiben und er entwirft einen Longplayer, der auf einer All-Nat-12" aus dem Jahr 1997 aufbaut: "Writer's Block", das sich als fertiges "The Movie"-Produkt schließlich Konzeptalbum nennt.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Dieses Album sieht nicht nur aus wie Chicago von seiner Schokoladenseite, es ist genau das. Die Molemen, die gerade ein emsiges Jahr 2001 (u.a. mit "Ritual Of The Molemen") hinter sich haben, gehören zu den angesagtesten Produzenten der Stadt und Cap D selbst hat jüngst mit All Nat wieder bewiesen, wie fähig er ist. Da wird sich niemand beschweren, wenn Memo, PNS, Panik und Cap die Beats recht gleichmäßig untereinander aufteilen. Am Mic selbst steht Cap von Anfang bis Ende ganz alleine, was bei dem einen oder anderen vielleicht Bedenken hervorruft, denn man muss seinen tiefmonotonen Flow schon mögen, um mit ihm glücklich zu werden. Wenn das der Fall ist, dann steht dem Genuss eines schön konzipierten Albums nichts mehr im Weg. Im Gegensatz zu "Prince Among Thieves" oder ähnlichen Scheiben verfolgt Capital D keinen linearen Handlungsstrang, er nimmt die Rolle des beobachtenden Erzählers ein, der in den schon im 1997er Track im Mittelpunkt stehenden Writer's Block (es geht hier also keineswegs um Schreibblockade) zieht und von den dort hausenden Charakteren und ihren Geschichten berichtet - das Ergebnis sind ein Haufen Skizzen, die sich mal überschneiden und mal für sich alleine stehen. Die Produktionen klingen dabei wie aus einem Guss und orientieren sich an klassischen ostküstlichen Werten, vor allem hinsichtlich der Abwesenheit jeglichen Schnickschnacks. Der Gesamtton ist dabei sehr ernst, also das perfekte Setting für Capital's Raps. Den Anfang macht nach einem "Intro", in dem der Hörer von Cap's Umzug und der unwirtlichen Lage in seinem neuen Zuhause erfährt, Panik's "Writer's Block Pt. II", erneut eine lose aneinandergewobene Skizze vieler Namen aus Cap's Wahrnehmungsumfeld, von der kurzzeitigen Mitbewohnerin Tracy bis zur "neighborhood squad" um Big Lou. Es folgen die genaueren Portraits, die immer gut, aber manchmal auch richtig überragend produziert sind: "Mass Transit" ist gerade wegen seines andächtig-langsamen PNS-Beats voll und ganz All-Natural-Stoff und rahmt Cap's Flow dabei selten gut ein, "Mrs. Manley" dagegen ist eine ganz spezielle Nummer, die lediglich aus dünnen Drums und einem melancholischen Piano-Loop besteht, was die Geschichte über die nette Oma von nebenan (und Ersatzmutter für Cap) und ihren Krebstod ergreifend in Szene setzt. Den Jackpot räumt trotzdem "Crossfire" ab, ein Meisterwerk eines Songs, für das Panik dezente Bläser und Streicher zu einem Sahne-Beat schnürt, den Cap für eine kleine Anekdote über das immerwährende Spiel auf der Straße nutzt, das er auf einem Spaziergang im Park miterlebt, als ihm der Tunichtgut Jay (aus Lou's Gefolgschaft) begegnet ("He had a little story he was try'nna relate / I wasn't interested, told him 'Chill, I'm straight' / I know it'd be a tale 'bout what he did last night / Bout some drinkin' and a girl and some weed and a fight / It's always the same, only the days ever change / Forever try'nna scuffle, he's a magnet for trouble") und prompt Ärger im Gepackt hat. Abgerundet wird der Track durch den wiederkehrenden eröffnenden Vers, den Cap zum finalen Fade als perfektes Stilmittel einsetzt. Noch konkretere Street-Tales gibt es auf "Paper Chase" und dem mit Basketball-Metaphern versehenen "Currency Exchange". Ersterer Song endet mit einer lebenslänglichen Haftstrafe für Lou (zu der man ihn in "The Deen's List" besucht), davor ist der typische Hoodlum allerdings noch in die tragische Geschichte um Eliza, das "Young Girl Lost", verwickelt. Im zweiten "Du'a"-Gebet schließlich wartet noch ein kleines aber feines Instrumental auf den Hörer, während "Final Judgement" philosophische Ansätze zeigt.

Was Capital D auf seinem ersten Solo vollbringt ist ein Konzeptalbum der besonderen Art: Selten hielt ein Album so gut zusammen, obwohl es keine direkte Handlung verfolgt. Doch die Skizze des eigenen Blocks gelingt, man fühlt sich, nur geleitet von Cap's monoton-dunklem Organ, wie in einem Film, in dem sich Kurzstreifen über einzelne Schicksale, die wiederum unter anderem durch wiederkehrende Neben- und Hauptdarsteller verknüpft sind, aneinanderreihen: All das erzählt David Kelly mit einer erwachsenen Nüchternheit, die mancher eintönig schimpfen mag, die die Intensität der einzelnen Geschichten jedoch ungemein steigert. Als weiterer Bonus kommen die Produktionen hinzu, die durchwegs mindestens gut sind und an einigen Stellen ganz groß aufspielen. Damit ist "Writer's Block" sowohl für Anhänger des Chi-Untergrunds als auch für strikte Eastcoast-Heads ein Sureshot.

8.1 / 10