Sonntag, 16. September 2012

Kidz In The Hall - Occasion



Release Date:
22. November 2011

Label:
Duck Down Records

Tracklist:
01. Real Life
02. Occasion
03. Break It Down
04. That Good (Feat. Esthero)
05. Make It Up Tonight (Feat. Sulaiman)
06. Crash Dummy (Feat. Killa Kyleon)
07. Pour It Up (Feat. Bun B & David Banner)
08. She's Smokin
09. Player Of The Century (Feat. Freddie Gibbs)
10. Star (Feat. Tabi Bonney & One Chance)
11. Won't Remember Tonight (Feat. Marsha Ambrosius)
12. Friends
13. Walk On Air
14. I Swear (Feat. Vic Spencer)

Review:
Kaum zu glauben, aber die Kidz In The Hall gibt es seit nunmehr acht Jahren. Von der Newcomer-Hoffnung auf Rawkus über Duck Downs Anzug tragendes, für Abwechslung engagiertes Neusigning mit Ivy-Hintergrund hin zu den Semi-Hipstern, die auch ja in HipHops Postmoderne lokalisiert sein möchten, beziehen Naledge und Double-O ihren Zuspruch schon seit geraumer Zeit nicht mehr (bzw. nur sehr sporadisch) vom konventionellen HipHop-Publikum. Genau deshalb hält Dru-Ha sie wahrscheinlich weiterhin im Stall, man will schließlich nicht nur aus angegrauten Neunziger-Veteranen bestehen. Abgesehen davon war das Duo damit beschäftigt, in ihrer von MTV gestützten Show "Here Now" zu feiern und das neue Album "Occasion" aufzunehmen.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Damit waren die Kidz wie gesagt eigentlich ausschließlich mit Feierei beschäftigt, denn das bahnbrechende und vollkommen überraschende Konzept des mittlerweile vierten Albums ist - ganz genau - das Zurseitelegen der Alltagsprobleme und das Feiern. Dafür müssen die Beats, die auf früheren Alben anscheinend noch zu hart waren, abgeschliffen und angepasst werden. Eigentlich ist es vollkommen idiotisch, an dieser Stelle zu überlegen, was die zwei Matschbirnen zu solchen Maximen getrieben hat, denn schon damit würde man sich wahrscheinlich mehr Gedanken zu dieser Scheibe machen, als es die beiden Interpreten selbst taten. Das an sich ist noch kein Kapitalverbrechen, denn die Notwendigkeit inhaltlichen Gehalts wurde in der Musikgeschichte schon zuhauf widerlegt - im HipHop bricht damit nur ein Ast weg; der Fokus ruht also anderswo umso konzentrierter. Damit wäre man bei den mageren Reimkünsten angelangt, nur um auch diesen Aspekt potentieller Qualitätssicherung mit einem Satz schnellstens wieder beiseite zu schieben. Nachdem sich die Erwartungswerte bzgl. Wortwitzes und - noch allgemeiner - Konzepten als wahr und somit sehr überschaubar erwiesen haben, landet man bei dem, was Double-O als instrumentalen Teppich erklärt - und damit unweigerlich bei der Erkenntnis, dass dieses Album Sondermüll ist. "99 percent of my fans wear high heels" heißt es im von E-Gitarre und Synths zugeleierten "Break It Down". Dieses Kastrationsbekenntnis zur eigenen Musik ist angesichts der Ambitionen des Albums nicht nur leicht sexistisch, sondern natürlich auch ein Schuss ins eigene Bein, ein Eingeständnis der eigenen Eindimensionalität, das allerdings vollkommen überflüssig ist. Denn wer hier nicht von selbst abwinkt, der hat es nicht anders verdient. Songs wie "She's Smokin'" sind miserable Versuche, die spätabendliche Afterhour musikalisch zu begleiten, "Friends" eignet sich höchstens als Motivationsmusik für einen Suizidalen mit schwer zynischen Zügen. Und wo man sich gelegentlich über das Jauchegrubenniveau der restlichen Tracks hievt, treten nervtötende Gäste (Killa Kyleon), schwache Hooks ("Make It Up Tonight") oder schlechte Rap-Darbietungen der Gastgeber einmal kräftig zu, damit auch ja alles schön ungenießbar bleibt. Richtig schlecht mögen die Raps vielleicht gar nicht sein, doch schon ab dem fünften Track hängt dem Hörer das immergleiche verbale Gesabbel so sehr zum Hals heraus, dass eine objektive Beurteilung dieses Umstands unmöglich scheint. Das sollen UPenn-Absolventen sein? Beim Schaulaufen der degenerierten Songs, das schon in "Occasion" einen frühzeitigen, traurigen Höhepunkt findet, ist das schwer zu glauben. Bun B und David Banner werden auf einer Untat eines hektischen Beats in die Wüste geschickt, das Auftreten von Freddie Gibbs im stinklangweiligen "Player Of The Century" bekommt man nur noch am Rande mit. Die besseren Momente finden sich in "Won't Remember Tonight" und "That Good", etwas Besonderes hat man deshalb allerdings noch lange nicht vor sich. Dass sich mit "I Swear" dann nochmal auf die eigene Schulter geklopft wird, mutet nurmehr wie ein schlechter Witz an.

Bei den alten Griechen ergingen sich die Wohlsituierten in den erhabenen Künsten der Philosophie und fingen an, sich u.a. kosmologische Fragen zu stellen. Wenn man sich nun vor Augen hält, was 2011 im musikalischen Spiegel des Lebens zweier geistig Halbstarker wie Double-O und Naledge, die offenbar ebenfalls keine Geldmängel mehr haben, zu hören ist, kann man nur den Kopf schütteln. An und für sich ist keines der Elemente, die in diesem Album zu finden sind, ein Todesurteil, die in schlechter Weise kombinierte Summe ist es allerdings, die "Occasion" zu einer Nichtigkeit einer musikalischen Äußerung verkommen lässt, die zwar sogar ihre zwei bis drei Party-tauglichen Songs vorzuweisen haben mag, als Album und vor allem auf lange Sicht aber so dermaßen unbedeutend ausfällt, dass man die Kidz In The Hall am liebsten in den frühzeitigen Ruhestand schicken würde.

1.8 / 10

Common - The Dreamer / The Believer


Release Date:
20. Dezember 2011

Label:
Warner Bros. / Think Common Music Inc.

Tracklist:
01. The Dreamer (Feat. Maya Angelou & James Fauntleroy II)
02. Ghetto Dreams (Feat. Nas)
03. Blue Sky (Feat. Makeeba Riddick)
04. Sweet
05. Gold (Feat. James Fauntleroy II)
06. Lovin' I Lost
07. Raw (How You Like It) (Feat. Makeeba Riddick)
08. Cloth (Feat. James Fauntleroy II)
09. Celebrate (Feat. James Fauntleroy II)
10. Windows (Feat. James Fauntleroy II)
11. The Believer (Feat. John Legend)
12. Pops Belief (Feat. Lonnie "Pops" Lynn)

Review:
Er ist zum Glück noch nicht komplett in die Welt der Schauspielerei entglitten, wo er zweifelsohne eine weitaus weniger integrale Persönlichkeit darstellt als in der Welt des HipHops. Dabei wäre das nicht einmal ganz unverständlich, denn die neue Richtung, die der bald 40-Jährige mit seinem letzten Album ("Universal Mind Control") einschlug, wurde gemeinhin ganz und gar nicht gutgehießen. Andererseits ist dies keine neue Situation für ihn, man erinnere sich an das Badu-beeinflusste "Electric Circus". Common beantwortete die damalige Kritik mit dem von Kanye und Dilla gestützten "Be", nun geht es zurück zu Chicago-Veteran No I.D., der "The Dreamer / The Believer" im Alleingang produziert.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Damit, dass mit der Verpflichtung von No I.D. ein gutes bzw. sehr gutes Ergebnis schon als gesetzt gilt, liegen folglich sehr hohe Erwartungen auf diesem Dutzend Tracks, ein enttäuschendes Album wäre an dieser Stelle verheerend für Common. Deshalb muss man dankbar sein, dass sowohl Lonnie Lynn Jr. als auch Dion alias No I.D. echte und vor allem professionelle Künstler sind, die es auf die Reihe bringen, solchen Erwartungen standzuhalten. Es stellt sich heraus, dass das Duo dieses Unterfangen sehr systematisch bewerkstelligt, ohne dabei aber in die verfängliche Altbackenheit oder Erzwungenheit abzudriften, die zu vermuten wäre. Common spielt dabei mehrere Rollen: den Straßenpoeten, der er als Conscious-Emcee seit jeher ist und der zuletzt auf "Be" durchgehend präsent war, aber auch einen etwas feurigeren Reimemeister, der Erinnerungen an das 1996er "The Bitch In Yoo" weckt und hauptsächlich in "Sweet" zum Tragen kommt, für das Dion Doris & Kelley in knallharte Snares packt und Common seinen nicht näher klassifizierten Unmut ungerichtet (angeschnitten und kurz torpediert wird die verweichlichte Szene, die überdies die Fähigkeiten und das Gewicht des Chicagoers vergessen zu haben scheint) entlädt. Der inhaltliche Konsens der restlichen Tracks bietet keine Überraschungen mehr, Common nimmt seine Ankündigung eines "positiven" Albums beim Wort und hätte sein Album damit ganz sicher nicht so seelenruhig nach Hause schaukeln können, wenn nicht Dion hinter den Reglern stünde. Der ist hinsichtlich seiner Sample-Wahlen alles andere als avantgardistisch (die oben erwähnten Doris & Kelley kommen dem einen oder anderen vielleicht von Black Milk bzw. den Kidz In The Hall bekannt vor), bereitet sie aber ansprechend auf: "Blue Sky" lebt rotzfrech von einem überraschend stark in Szene gesetzten E.L.O.-Sample, "Lovin' I Lost" verlässt sich (erfolgreich) stark auf Curtis Mayfield, während Common einer verlorenen Liebe nachtrauert. Auf der anderen Seite wird man sich über "Ghetto Dreams" wundern, das mit Nas als Conscious-Bombe vermutet werden könnte, sich aber als schwer triebdominiert-oberflächliche, bildhafte Abhandlung über die Ghetto-Traumfrau herausstellt - der grandiose Donnerschlag eines Beats lässt das allerdings locker verschmerzen, zumal "The Dreamer" als gefühl- und doch druckvoller Opener schon angemessen in die Welt des "hoffnungslosen HipHop-Romantikers" einführt. Außerdem wäre da ja noch "Cloth", ein wunderschönes Liebeslied an die Seelenverwandte, bei dem James Fauntleroy II in seiner exzessiven Rekrutierung auch Sinn macht. Auf einem Track wie "Celebrate" nämlich, der mit saudämlicher Hook leichtes Unverständnis hervorruft, zieht er die einträchtige Stimmung beinahe ins Kitschige, während auch "Windows" am Rand zu dieser Schwelle kämpft und mit etwas weniger Geschnulze besser dran gewesen wäre. Wenn schon Pathos, dann überlasse man diesen Job doch bitte John Legend, der das von No I.D. wieder mit Feingefühl produzierte "The Believer", einen typischen Common-Song mit kunstvoller Inklusion des Allmächtigen ebenso wie der Aussprache gegen die gewaltvollen Jetztzustände, deren Überwindung in Commons Glauben eingemeißelt ist, (sinnvoll) veredelt. Damit fehlt nur noch Lonnie "Pops", der mit ein paar abschließenden, unstrukturiert sinnierenden Worten über Träume und Glaube den durchgeplanten Abschluss gestaltet.

Kaum ein anderer Künstler könnte es sich leisten, sein Album so sehr nach den an es gestellten Erwartungen zu kalibrieren und planen und trotzdem noch ein triumphales Ergebnis zu erhalten. Doch ebensowenig wie Common ein besonders aufbrausender, unberechenbarer Emcee ist, sondern stattdessen seine Kraft aus innerer Ruhe bezieht, stellt er - mit dem bärenstarken No I.D. im Rücken, der das Album sowohl schlüssig, dynamisch als auch sehr gut produziert - auf seinem neunten Album ohne große Überraschungen und sogar mit der einen oder anderen textlichen Unsauberkeit bzw. zwei fast mittelmäßigen Songs ein knapp in den sonnigen Rängen platziertes Album auf die Beine.

7.5 / 10

Nujabes - Spiritual State



Release Date:
03. Dezember 2011

Label:
Hyde Out Productions

Tracklist:
01. Spiritual State (Feat. Uyama Hiroto)
02. Sky is Tumbling (Feat. Cise Star)
03. Gone Are The Day (Feat. Uyama Hiroto)
04. Spirale
05. City Light (Feat. Substantial & Pase Rock)
06. Color of Autumn
07. Down on the Side
08. Yes (Feat. Pase Rock)
09. Rainy Way Back Home
10. Far Fowls
11. Fellows
12. Waiting for the Clouds (Feat. Substantial)
13. Prayer
14. Island (Feat. Uyama Hiroto & Haruka Nakamura)

Review:
Ebenso wie sein Wirken in der westlichen Welt einen eher überschaubaren Hörerkreis beeinflusste, hielt sich auch die Vergötterungswelle nach Nujabes' beinahe zwei Jahre zurückliegendem, tragischem Tod in Grenzen. In Japan mag das anders (gewesen) sein, jedenfalls blieb auch die sonst so beliebte Leichenfledderei (vielleicht weil es einfach kein Material gab) aus, lediglich das von Seba Jun selbst begründete Hyde Out Productions kündigte recht bald die Veröffentlichung eines dritten, Post-Mortem-Albums an, mit dem man sich bis jetzt Zeit ließ. Mit "Spiritual State" liegt nun also das letzte Vermächtnis des einmaligen japanischen Produzenten vor.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Dass man der Sache kritisch gegenüberzutreten hat, sollte klar sein, auch ein Vergleich mit "Metaphorical Music" oder "Modal Soul" ist nicht angebracht. Bei anderen Künstlern sollte man ja schon froh sein, wenn das Vermächtnis mit einem solchen Album nicht mit Füßen getreten wird, in diesem Fall darf man allerdings sogar auf etwas mehr hoffen, sofern man Hyde Out eine gewisse Qualitätskontrolle zugesteht. Vielleicht liegt es daran, dass selbst das unsortierte Material, das aus Nujabes' Hinterlassenschaft zusammengekratzt wurde, einen entsprechend hohen Standard hält oder daran, dass Seba, dessen Diskographie gemessen am Output, der heutzutage bei einigen Künstlern zu beobachten ist, gegen die leere Menge strebt, sehr selektiv mit dem war, was auch tatsächlich aufgenommen wurde, jedenfalls muss sich für "Spiritual State" niemand schämen. Dem Aspekt der Gesamtkomposition, der genau durchdachten Platzierung der Tracks, darf natürlich nicht das volle Gewicht beigemessen werden, denn wie zu erwarten war und wie sich auch schnell herausstellt, sind es mehr die Einzelstücke, die auf eigene Faust in die entrückt schöne Welt von Nujabes führen. "Spiritual State" gibt da als Album-Opener direkt das beste Beispiel ab, spannt mit herzlichem Klavierspiel seinen Spannungsbogen genau über seine sechseinhalb Minuten Spielzeit und erreicht damit eine Klasse, die sowohl von Schwermut als auch einer beruhigenden Entspanntheit zehrt, insgesamt vollkommen für die unschuldige, elegante Schönheit steht (nebst Rasseln kommt kein Schlagwerk zum Einsatz), die Nujabes zugeschrieben wird, und die die Heerscharen an Nujabes-Plagiatoren zurück in die Schulbank schickt. "Spiral" geht in eine ähnliche Richtung, sammelt seine Punkte aber mit einer satten Kick als Unterstützung. Die von Nujabes gewählten Instrumente sind oftmals Klavier und Akustikgitarre, Ersteres regiert die Tracks, in denen MCs zugegen sind. Gerade hier schleichen sich allerdings schwächere Momente ein: "Waiting For The Clouds" erscheint wie auch "City Lights" etwas matt, Substantial wirkt kraftloser als gewohnt. Pase Rock, nie der weltbeste Rapper, passt zwar ganz gut in "Yes", mit acht Minuten hätte man sich hier allerdings kürzer fassen können. Klarer Gewinner am Mic ist Cise Star, das Cyne-Mitglied profitiert zwar zugegebenermaßen in "Sky Is Tumbling" von vielschichtigen Klavierläufen, zeigt sein Gefühl für Nujabes' Untersatz aber (u.a.) auch mit einer starken Hook, was einmal mehr zum Wunsch nach mehr gemeinsamen Tracks von Cyne und Nujabes führt. Doch die besten Minuten feiert Nujabes alleine: Zwar wirken einige Tracks ("Color Of Autumn" oder "Fellows") streckenweise etwas unausgereift, Diamanten gibt es aber zur Genüge: "Gone Are The Days" swingt charmant um die Ecke, "Dawn On The Side" ist eines der Nujabes-typischen, nachdenklichen und besänftigenden Edelstücke, "Rainy Way Back Home" verbindet meisterlich Klavier und Gitarre und steuert damit wie auch "Prayer" in die melancholische Richtung. Letzte noch unerwähnte Großtat ist damit "Far Fowls" als (gewohnt atmosphärische) Kombination aus Flöte und Gitarre.

"Spiritual State" zählt als Nujabes' drittes Album und macht seinen zwei Vorgängern keine Schande. Die posthume Greueltat, die vielen anderen Künstlern angetan wurde, bleibt aus, was einerseits für die Verantwortlichen bei Hyde Out spricht, andererseits aber auch für Nujabes und dessen Klasse. Was die Scheibe von ausschließlichem Lob abhält, ist einerseits das Fehlen von Nujabes, der zweifelsohne eine etwas zusammenhängendere Gesamtkomposition vorgenommen hätte (manche Übergänge muten doch etwas abgehackt an), andererseits ist es die (geringe) Zahl eher mittelmäßiger Songs, die resultierend sondiert dasteht und so mehr ins Auge (bzw. Ohr) sticht. Trotzdem ist "Spiritual State" eines der besten Alben des Jahres, für den Nujabes-Fan Pflicht und für alle, die mit der jazzigen Sorte HipHop etwas anfangen können eine unbedingte, nur knapp die vier Kronen verpassende Empfehlung.

7.2 / 10

Rashad & Confidence - The Element Of Surprise


Release Date:
29. November 2011

Label:
Ill Adrenaline Records

Tracklist:
01. Introduction
02. Brand New
03. The City
04. Understand
05. Rumors Of War
06. Days Of My Youth
07. Interlude
08. Pen On Display
09. Shining
10. Pass Me By
11. Interlude
12. They Keep Asking Me
13. Let Me Explain
14. All Year Round
15. The Break Up Song

Review:
Sie sehen aus, als wären sie Veteranen, die man zu kennen hätte, doch es ist nicht verwunderlich, wenn bei Rashad oder Confidence keine Glocken klingeln. Ersterer ist Emcee aus Brooklyn, der seit dem dreizehnten Lebensjahr von seinen Rap-Idolen fasziniert und inspiriert ist und über das verwüstende Myspace in Confidence einen Produktionspartner findet. Der wiederum stammt eigentlich aus Philly (wo er seine Teenager-Jahre mit den goldenen Neunzigern verlebt), zieht aber 1998 nach Boston, um dort die Musikschule zu besuchen. So erklärt es sich, dass einige Jahre später erste Lebenszeichen von ihm im Umfeld von Leedz zu vernehmen sind. Dort knüpft er außerdem Kontakt zu Beneficence, was schließlich zu "The Element Of Surprise" auf Ill Adrenaline führt.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Für die beiden war es wohl Liebe auf den ersten Blick, die aus der ursprünglichen Anfrage nach einem einzigen Beat schnell die Brücke zum vollwertigen Projekt baute. Inwiefern der Titel angebracht sein soll, bleibt allerdings ein Rätsel, denn mit einem Cover, das unmissverständlich als Hommage an Lord Finesse gedacht ist, sollte eigentlich klar sein, woher der Wind weht, zumal Ill Adrenalines anderes 2011er Release ("Sidewalk Science") fast genauso geartet war. Confidence baut auf seiner MPC Beats der klassischen Schule und rechtfertigt zusammen mit dem gerne themenorientiert rappenden Rashad die Bezeichnung "True School" durch und durch. Kurzum: Das Überraschungselement ist in Handarbeit gefertigter BoomBap mit Hand und Fuß - ohne jegliche Überraschungen. Damit ist das Zielpublikum auf die üblichen Verdächtigen abgesteckt, und wer mit diesem Album nichts anfangen kann, der sollte das spätestens an dieser Stelle realisieren. Denn abgesehen davon beweisen Ill Adrenaline mit ihrer Verpflichtung einen guten Riecher, das performende Duo gehört zweifelsohne zu den guten Retro-Köpfen. Zwar ist "Element Of Surprise" zudem auch noch recht harmlos, dafür ist die Musik herzhaft und eingängig. Schon im ersten Durchlauf geht "Brand New" mit seinen warmen Streichern direkt ins Ohr, während man (nicht zuletzt dank des sporadischen Sax-Einsatzes) unschwer heraushört, dass dies der Beat war, um den Rashad anfangs bei Confidence anhielt und der auch auf einem Mixtape mit Neu-Arrangements von 90er-Klassikern lebt. Schnell stellt sich heraus, dass Confidence sein Handwerk wirklich beherrscht, dass seine Beats zwar einen behaglichen Flair mitbringen, dass die Samples aber trotzdem nicht so ausgelutscht sind, wie das anderswo oft der Fall ist. So wird "Rumors Of War", obwohl es der vorhersehbare Track mit leicht seichtem Polit-Talk ist ("Young troops fightin' abroad, takin' chances / Puttin' their lives at risk at bein' blown to ashes / All they wanted was scholarships to pay for classes / But in return they got sent back home in caskets"), zum ambitionierten Highlight, "Pen On Display" muss nicht mehr tun, als Rashads lyrische Fähigkeiten zu rühmen - die Harmonie mit Confidence und seinen Beats ist da, man hört gerne zu. Insofern stört es nicht, dass Rashad (zu) viel über sich selbst, seine Ziele und Träume sowie seinen mühseligen Weg als Rapper berichtet. "Understand" konzentriert sich mehr auf die Rap-Szene, "Days Of My Youth" ist die schon unzählige Male durchgekaute Dia-Show der früheren Tage, in denen alles besser war. Doch selbst hier besteht nicht die Notwendigkeit, Reißaus zu nehmen. "Pass Me By" reflektiert über verpasste Chancen im Leben, das etwas schwächer produzierte "Shining" offenbart einen unmittelbaren Pragmatismus ("I'm not against having riches and wisdom and knowledge / But what's the point if you live materially impoverished") und während die beiden kurzen Instrumental-"Interlude"s von Confidence noch erwähnenswert sind, schließt die LP nach weiteren munteren Kopfnickern mit dem nahezu amüsanten "Break Up Song", in dem Rashad die sinnvolle Entscheidung, einen Schlussstrich unter eine selbstzerstörerische Beziehung zu ziehen, seine Pforten.

Nach einer klassischen Dreivertelstunde, in der ein Dutzend Beats desselben Schlags ins Land gezogen sind und ein einziger MC - ohne einen einzigen Gastbeitrag - für Unterhaltung gesorgt hat, lässt sich verstehen, wieso dieses Album ein Überraschungserfolg geworden ist: Es tut niemandem weh, es macht aber unter den Zielen, die es sich selbst setzt, praktisch nichts falsch. Confidence schustert feine Beats und Rashad ist ein fähiger Rapper, der zwar in keinster Weise sonderlich markant ist, dafür aber mit einer sehr angenehmen Art nie das Verlangen nach Features aufkommen lässt. Das Verwerflichste an "The Element Of Surprise" ist der unangebrachte Titel, ansonsten ist das Album für alle, die eine Portion 2011er True-School-BoomBap suchen, genau richtig.

6.6 / 10

The Roots - undun


Release Date:
06. Dezember 2011

Label:
Def Jam Recordings

Tracklist:
01. Dun (Intro)
02. Sleep
03. Make My (Feat. Big K.R.I.T. & Dice Raw)
04. One Time (Feat. Phonte & Dice Raw)
05. Kool On (Feat. Greg Porn & Truck North)
06. The OtherSide (Feat. Bilal Oliver & Greg Porn)
07. Stomp (Feat. Greg Porn)
08. Lighthouse (Feat. Dice Raw)
09. I Remember
10. Tip The Scale (Feat. Dice Raw)
11. Redford (For Yia Yia & Pappou) (Feat. Sufjan Stevens)
12. Possibility (2nd Movement)
13. Will To Power (3rd Movement)
14. Finality (4th Movement)

Review:
Eineinhalb Jahre sind seit "How I Got Over" ins Land gezogen, in denen die Roots keineswegs untätig waren: Die meisten werden sich an die Kollabo mit John Legend erinnern, aber auch mit R&B-Sängerin Betty Wright arbeitete man zusammen. Daneben ist die Band aus Philly weiterhin bei Jimmy Fallons Show angestellt, was dem Label Def Jam bezüglich der Promotion eines neuen Albums natürlich sehr entgegenkommt. Trotzdem geht "Undun" keine ewig lange Promo-Phase voraus, von der Zeitspanne zwischen Ankündigung, erster Single und Release können andere Alben nur träumen. Abgesehen davon wird zusätzliches Interesse durch die Ankündigung geweckt, dass "Undun" ein Konzeptalbum - das erste der Gruppe - werden solle.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Wie ?uestlove die Welt wissen lässt, war es schon seit Langem sein Wunsch, ein solches Konzeptalbum durchzuziehen, und da sich die Roots sicherlich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben und man sich an Großtaten wie beispielsweise Prince Pauls Ausflug in diese Gefilde zu messen hat, verwundert es irgendwie gar nicht mehr, wenn man erfährt, dass sich die von den Roots erzählte Geschichte rückwärts abspielt. Doch schön der Reihe nach, denn der Plot an sich ist noch ein überraschend simpler, "Undun" behandelt nämlich das Leben (und Sterben) des fiktiven Charakters Redford Stevens, den nicht die geringsten Besonderheiten auszeichnen und der mit der unbedingten Absicht, aus der Armut auszubrechen, auf die schiefe Bahn zieht. Den Hörer erwartet deshalb kein überzeichnetes Verbrecher-Epos, das moralisch unausweichliche, tödliche Ende ist trotzdem eingeplant und bestimmt folglich maßgebend die Anfangstöne des Albums. Das einmütige "Dun" beginnt mit dem Geräusch einer EKG-Nulllinie und baut sich ganz vorsichtig zu "Sleep" auf, das Stevens' Gedankenwelt zum Zeitpunkt des Todes (oder danach) einfängt, sich darüber wundert, ob die eigene Familie sich an ihn erinnern wird und mit Zeilen wie "I've lost a lot of sleep to dreams" einen bedrückenden Anstrich wählt, dem auf musikalischer Sicht nur noch eine dünne Unterlage beigemischt wird. "Make My" ist die inhaltlich logische Fortsetzung und bildet das Endstadium von Redfords Leben (der sich dessen sehr wohl bewusst ist) auf viereinhalb Minuten ab. Inzwischen ist das Album auf instrumentaler Ebene gleichgezogen, denn wenngleich man immer noch ruhige Töne anschlägt, schreiten die Roots nun in den Hauptteil ihrer großen Symbiose aus Beats und Rhymes, überwacht von ?uestlove auf der einen und Black Thought auf der anderen Seite. Zweiterer ist dank der hohen Feature-Anzahl keineswegs omnipräsent am Mic, lässt so auch andere Stimmen den Plot kommentieren, behält trotzdem mit seiner sehr determinierten, versierten Art jederzeit das Ruder in der Hand und rollt so das Leben von Redford auf, ohne explizite Geschichten zu erzählen oder zu detailliert zu werden - die Eckpunkte der Handlung lassen sich pro Song an einigen wenigen Zeilen festmachen, womit den Emcees große Bewegungsfreiheit gegeben ist. Wie sich später herausstellt, wird diese genutzt, um auf eine Grundfrage des Albums zu lenken, die philosophische Frage, ob es sinnvoll ist, Gutes zu tun, ob dies mit der angeblich jedem Menschen gegebenen Freiheit und dem Anrecht auf Selbstverwirklichung vereinbar ist. So ist es jedenfalls auch möglich, nur die Musik zu genießen, die etwa in "Kool On", dem einzigen Stück, das mit fröhlicheren Tönen das Hustler-Leben hinten anstellt, in Roots'scher Manier universell meisterhaft aufspielt. In "One Time" gibt ?uest mit seinen Drums einem fülligen Piano die Hand, lädt noch einen ergreifenden Chorus ein und erhält, obgleich lediglich das harte Straßenleben thematisiert wird, einen der intensivsten Songs der Platte. Der Mittelteil ist dem inneren Disput des Hustlers Stevens gewidmet und arbeitet die optionenarme Lage, die ihn zu seinen Taten motiviert, heraus, wobei von "The OtherSide" bis "Lighthouse" die Untermalung (kräftig von Klavier unterstützt) sowohl stützend als auch selbstständig einwandfrei gewählt wurde. Das gilt nur bedingt für "I Remember", das einen Blick in frühere, unschuldigere Zeiten wirft und ebenso dem Verlust dieser Unschuld gedenkt, und "Tip The Scale", das die moralisch gleichgültige Mentalität, jeden schmutzigen Job zu übernehmen, noch überzeugt vertritt. An dieser Stelle hätte das Album enden können, doch die Roots induzieren noch ein weiteres Element und somit ein Ende, das in Form von vier Instrumentalen (wobei das erste unverändert von Sufjan Stevens übernommen wurde und somit auch den Namen des Protagonisten erklärt) Redfords Leben in chronologisch korrekter Reihenfolge großartig instrumentalisiert, vom hoffnungsvollen "Possibility" (schätzungsweise den Träumen des jungen Stevens nachempfunden) über den letztendlichen, chaotischen und unsteten Lebensweg bis hin zum erneut sehr harmonischen "Finality".

Zugegebenermaßen machen die Roots es sich auf der Metaebene ihrer Handlung etwas einfach - Stevens wird von Anfang an die "Krankheit" der Ausweglosigkeit des Ghetto-Lebens aufgebürdet, die ihn zwangsweise auf seinen Pfad führt, von dem es für ihn offenbar auch kein Abzweigen mehr gibt. Doch was will man sich groß beschweren, wo sich quasi jedes andere Rap-Album des Jahres 2011 gar keine solchen Gedanken macht. "Undun" ist eine eher kurze, dafür sehr kompakte und nahezu perfekt durchdachte Angelegenheit, die mit starken Auftritten am Mic ebenso wie mit großartiger, emotionsreicher Musik aufwartet, die über das durchschnittliche HipHop-Publikum hinauszielt und es trotzdem voll anspricht. Im Einzelnen funktionieren nicht alle Songs, am Stück ist "Undun" aber unbedingt zu empfehlen, da die Roots das vielleicht beste Album des Jahres abliefern.

 8.1 / 10

Nick Wiz - Cellar Sounds Vol. 3 (1992-1998)



Release Date:
25. Oktober 2011

Label:
No Sleep Recordings

Tracklist:
CD1:
01. Intro (Feat. UG)
02. Finish The Game (Feat. Shabaam Sahdeeq)
03. Your Girl (Feat. Pudgee)
04. Rowdy At The Party (Feat. LSD)
05. Murderous Flow (Original Version) (Feat. Ran Reed)
06. How That Go (Feat. Black Widow & Black Sun)
07. The Bricks (Feat. Hardwe're)
08. Sho Ya Right (Feat. Imperial)
09. Untold Scrolls (Feat. Shadowz In Da Dark)
10. Smooth With Mine (Feat. Nautilus)
11. We About To Get Hectic (Feat. Madhouse & Native Assassins)
12. Bet You Didn't Know (Feat. N-Tyce)
13. Ghetto Biz (Original Version) (Feat. Miilkbone)
14. Dem Not Know (Feat. Quannie & LSD)
15. The Bottom Line (Feat. Cella Dwellas)
16. The Everyday Routine (Feat. Pudgee)
17. Strap On The Mask (Feat. Native Assassins)
18. The Pressure (Feat. Slade)
19. Regular Wreck (Feat. Madhouse)
20. The Presentation (Feat. The 12 Block)
21. Shadow Boxing (Echo Pass) (Feat. Shadowz In Da Dark)

CD2:
01. Comin' Thru (Feat. Black Star)
02. Me And My Shadow (Feat. Shadowz In Da Dark)
03. Sex (Ghetto Style) (Feat. Pudgee)
04. Illest Nigga Alive (Feat. UG)
05. The Blue Curse (Feat. Ran Reed)
06. Meet Ya Maker (Feat. Sinister Voicez)
07. The Natives Are Restless (Feat. Native Assassins)
08. Another Classic (Feat. Tross)
09. The Ism (Feat. LSD)
10. The Boom Bip (Feat. Mad House)
11. Fill In The Blanks (Feat. Hardwe're)
12. What They Want (Feat. Imperial)
13. Flip Side (Feat. N-Tyce)
14. While You Were Away (Feat. Ran Reed)
15. Late Night (Feat. Phantasm)
16. Food For Thought (Feat. Martyse)
17. Curb High (Remix) (Feat. Shadowz In Da Dark)
18. Welcome To My Mind (Feat. Pudgee)
19. You Know My Style (Feat. Pure Sinister)
20. Rollin' (Feat. LSD)
21. Arms Too Short (Feat. Native Assassins)
22. I'm Tellin' U (Original Version) (Feat. Cella Dwellas)

Review:
Wer dachte, nach zwei Teilen mit über 80 fast ausschließlich unveröffentlichter Leckerbissen aus den Jahren 1992 bis 1998 sei Schluss? Sehr falsch, No Sleep Recordings und Nick Wiz scheinen gerade erst in Fahrt zu kommen. Nachdem man auf den zweiten Teil zweieinhalb Jahre warten musste, kehrt Nick Wiz nach weniger als einem halben Jahr aus seinem "Cellar" in Jersey zurück, natürlich beladen mit unzähligen angestaubten DATs seiner Sessions aus der damaligen Zeit. Mit von der Partie ist sehr rares (als Beispiel sei Echos heute quasi nicht mehr erhältliche "Underground Airplay"-Serie genannt), aber auch komplett ungehörtes Material, und natürlich ist "Cellar Sounds Vol. 3" in bester Manier ein umfangreiches, 43 Tracks zählendes Monstrum.
WRITTEN FOR Rap4Fame

 Erneut über zweieinhalb Stunden 90s-Flavor erwarten den geneigten Fan bei dieser, ausschließlich über UGHH vertriebenen Doppel-CD. Ein kurzer Blick in die Tracklist genügt, um alle alten Verdächtigen auszumachen: die Cella Dwellas, Shabaam Sahdeeq, Pudgee Tha Phat Bastard, Shadowz In Da Dark, Miilkbone und so weiter. Der Umstand, dass Ran Reed diesmal mit nur drei Tracks etwas kurz kommt, ist einer besonders frohen Nachricht geschuldet: In absehbarer Zeit wird als nächster Teil der "For Those That Slept"-Reihe von No Sleep Recordings ein komplettes Album unveröffentlichten Materials von Reed erscheinen. Die originale Version seiner 2000er Single "Murderous Flow" ist deshalb nicht von minderer Qualität, wobei er nicht bei den ganz großen Momenten (selbst wenn die Warnung vor dem "Blue Curse" oder das für alle Knackis besonders aufmunternde "While You Were Away" jedermanns Neunziger-Durst stillen dürfte) dabei ist. Die sind, wie schon beim zweiten Teil, nicht mehr ganz so zahlenstark wie auf Teil Eins vertreten, aber immer noch oft genug anzutreffen: UG eröffnet die Parade im "Intro", in dem zuerst Nicks offenbar vergessener Keller (nicht zu Unrecht metaphorisiert als Bibliothek) wiederentdeckt wird, auf dass dann wilde Streicher lostanzen, über die die stimmgewaltigere Hälfte der Dwellas zeigt, wie energiereich sie kurz vor der Jahrtausendwende unterwegs war ("Running from roof to roof / Trying to find one to throw ya off of / I lost a love, I lost my dame, I lost my chain / I lost my brain, insane like Cypress B-Real"). Später wird dieser Status mit "Illest Nigga Alive" unterstrichen - ein Track, der in keiner Dwellas-Sammlung fehlen darf. Auch "Late Night", "The Bottom Line" und die OG-Version des schlüpfrigen "I'm Tellin' U" sind feinste Ware. Trotzdem ist die Masse der Tracks weder fehlerfrei noch einfach am Stück hörbar - Nicks Masche erschöpft sich nunmal doch nach einiger Zeit, was den Griff zur Skip-Taste unerlässlich macht, um nicht die Lust an den echten Schmankerln zu verlieren, da vor allem unter den älteren Tracks viel Charakterloses zu finden ist: LSD reißen mit "Rowdy At The Party" ebensowenig wie das spätere Venom N-Tyce in "Bet You Didn't Know" (was in diesem Fall lediglich am Beat liegt, denn Tyces zweiter Auftritt in "Flip Side" überzeugt mit frei heraus dargebotenem Storytelling) oder die Native Assassins (die vor der Existenz von Shadowz In Da Dark aus Fatal und Black Sun bestanden und ihr Unwesen trieben) in "Arms Too Short" (Grund ist hier lediglich ein versemmelter Chorus). LSD machen dem Hörer auch mit dem stinklangweiligen "The Ism" oder "Dem Not Know" keine Freude. All das stört in Anbetracht der erhabenen Momente der LP nicht: Pudgee nährt mit "Welcome To My Mind", "The Everyday Routine" und dem expliziten "Sex (Ghetto Style" den Schmerz ob seines nie offiziell erschienenen "King Of New York"-Albums, die bisher noch nicht in Erscheinung getretenen Imperial begeistern mit starkem Zusammenspiel und typischer 90s-Hook in "Sho Ya Right", die vom fünften Echo-Tape bekannten Hardwe're grüßen aus den "Bricks" ("Yo, I be dissin' a lot of NBA players just for fun / I punch Michael in the jaw, then smack Kenny and his son / I know this drunk named Reggie, he drink Miller / Nothin' different, I got mad hoes / I'm down with Scotty and we be pimpin'") und fordern später zum Lyrics-Lückenfüllen ("Fill In The Blanks") auf, Miilkbone versprüht mit "Ghetto Biz" reichlich Straßenmelancholie (vollkommen unverständlich, wieso diese, wesentlich bessere Version nicht auf "Da' Miilkrate" landete) und Shabaam und sein Madhouse bringen mit "The Boom Bip" etwas frühneunzigerische Abwechslung ins Spiel. Sahdeeq alleine soll ebenfalls noch Erwähnung finden, sein "Finish The Game" reiht sich immerhin unter die besten seiner Tracks und belegt erneut die unglaubliche Harmonie, die er und Nick Wiz pflegten. Damit ist alles Wichtige auch schon umrissen; abschließend darf noch jeder, der die beiden Auftritte von Lord Have Mercy auf den ersten beiden Teilen schätzte, dessen hiesiger Abwesenheit eine Träne widmen.

Da man schon nach dem zweiten Teil dachte, es könne nun nicht mehr so viel kommen, sei an dieser Stelle auch ein vierter und fünfter Teil der Serie nicht ausgeschlossen. Wenn der Qualitätsabfall so gering bleibt wie bisher, ist dagegen auch nicht das Geringste einzuwenden. Zugegebenermaßen lässt Nick Wiz in Sachen "Genießbarkeit am Stück" einige Federn, im Prinzip sollte allerdings jeder, der die ersten beiden Teile mochte, so konsequent sein und die sinnvolle Entscheidung treffen, auch für den dritten einzuhalten. Allen Neulingen sei zuerst der erste ans Herz gelegt, sofern die Affinität zum goldenen Neunziger-Sound, wie er hier schillernd ausgelebt wird, besteht, wird der Schritt zu "Cellar Sounds Vol. 3", einer weiteren Sternstunde und Zeitkapsel, von selbst erfolgen.

6.7 / 10