Freitag, 12. Februar 2010

Cannibal Ox - The Cold Vein


Release Date:
15. Mai 2001

Label:
Definitive Jux

Tracklist:
01. Iron Galaxy
02. Ox Out The Cage (Feat. El-P)
03. Atom (Feat. Cryptic One & Alaska)
04. A B-Boys Alpha
05. Raspberry Fields
06. Straight Off The D.I.C.
07. Vein
08. The F-Word
09. Stress Rap
10. Battle For Asgard (Feat. L.I.F.E. Long & C-Rayz Walz)
11. Real Earth
12. Ridiculoid (Feat. El-P)
13. Pain Killers
14. Pigeon
15. Scream Phoenix

Review:
Cannibal Ox sind ein ein weiterer Fall jener Künstler, die sich den Rest ihrer Karriere mit dem schier unendlichen Respekt herumschlagen werden müssen, den ihnen ihr Debütalbum eingebrockt hat. Nicht unschuldig an dieser Tatsache sind die Umstände, unter denen "The Cold Vein" das Licht der Welt erblickte. 2001, als erstes richtiges Album, das auf Definitive Jux veröffentlicht wurde und mit einer kompletten Produktion vom Herrn und Meister El Producto selbst, war der erste Schritt bereits getan. Ansonsten waren die beiden Harlem-Natives zu diesem Zeitpunkt keine unbeschriebenen Blätter mehr: Seit 1995 ist man mit der Atoms Family unterwegs und treibt im New Yorker Untergrund sein Unwesen. Darauf folgt das Zusammentreffen mit El-P - und das Ergebnis ist dieses Album.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Wieviel El-P selbst von diesem Werk hält, sollte die Tatsache, dass "The Cold Vein" vor dem eigenen Solo "Fantastic Damage" veröffentlicht wird, klarstellen. Was nun diesem Album als Basis zugrunde liegt, scheint auf den ersten Blick sehr inkompatibel: zwei grundverschiedene Emcees und ein Producer, der für seine gänzlich abstrakten Beats bekannt ist. Doch dann stellt sich heraus, dass die Rhymes, vor allem seitens Vast Aire, teilweise fast ebenso abgehoben sind wie die Untersätze von El-P. Auf der anderen Seite wird jedoch auch auf Reality-Rap-Niveau das Leben in Harlem in die Rhymes gepackt. Dieses Zusammenspiel beginnt im ersten und endet im letzten Track, ohne dabei ein einziges Mal zu missglücken. Mit "Iron Galaxy" beginnt dieser erste Track mit nicht weniger als einem Klassiker, in dem El-P mit einer gewaltigen Electro-Walze einrollt und Platz macht für eine nicht minder beeindruckende Show der beiden Protagonisten. Spätestens hier hat man die Möglichkeit, sich ein Bild von den beiden zu machen: Vast Aire ist der etwas langsame Pfundskerl, der mit einer sehr eigenen und gewöhnungsbedürftigen, hellen Stimme seine sehr poetischen Rhymes gelassen und bedächtig ins Mic fließen lässt - und Vordul Megallah der optisch unauffälligere Zweite, dessen erschreckend düstere, kalte Stimme das Pendant zu Vast darstellt. El-Producto ist auf dieser Scheibe jedoch ebenfalls mindestens ein Hauptdarsteller, welcher die unterschiedlichsten Songs aneinander reiht - von ruhigen Tracks bis hin zum totalen Chaos in Audioformat. "A B-Boys Alpha" schwingt verhältnismäßig zurückhaltend, ist deswegen jedoch keinesfalls langweilig und bietet, wie fast jeder Song dieser Platte, ein großartiges Drum-Grundgerüst. Neben mehr als einer Minute hinreißendem Instrumental-Fade-Out bekommen hier auch die Poeten am Mic genügend Raum, sich zu entfalten - wer von beiden die bessere Figur macht, lässt sich schwerlich sagen:

[Vast]
"And I ain't dealin with no minimum wage
I'd rather construct rhymes on a minimum page
Cynical ways, cats sin for nickels these days
"

[Vordul]
"All of us canoeing through sewers with juvenile maneuvers
Caught up in nooses from borders with troubleshooters
On corners where coppers'll hop outta Dunkin Donuts
Poppin' they gun and shoot us
"
Auch das sehr atmosphärische "F-Word" zählt zu den ruhigen Nummern, während Vast mit seinen Ausführungen über eine Beziehung einen thematischen Umschweif vornimmt. Das direkt folgende "Stress Rap" ist wohl der einzige Track, der sehr konventionell gehalten ist - und der trostlos schmucklose Eastcoast-Rap, der eine haarscharfe Realität beschreibt, steht Vordul besser zu Gesicht. Auch wenn manche Hörer ob der Herkömmlichkeit dieses Songs enttäuscht sein mögen, reiht sich auch dieses Stück unbeirrt bei den absoluten Highlights der Scheibe ein. Der einzige Track, den man halbwegs kritisieren kann, ist das träge "Painkillers", denn hier geht das Konzept nicht so sehr auf wie beim Rest. Und dieser Rest ist die Spielwiese von El-P. "Raspberry Fields" ist mit seinen Synthies so herrlich schräg, dass die Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Genialität problemlos gelingt. In zwei Tracks bequemt sich El-P sogar selbst ans Mic, wobei vornehmlich "Ridiculoid" als Anwärter zum Electro-geladensten Instrumental kräftig mitmischt. Zwei Mitglieder der Atoms Fam schauen in Form von Cryptic One und Alaska in "Atom" vorbei, während die Stronghold-Fraktion mit L.I.F.E. Long und C-Rayz Walz in "Battle For Asgard" vertreten ist, das als abstraktester Beitrag El-P's auf dieser LP gewertet werden kann. Gegen Ende wird lyrisch, vorderst von Vast Aire, nochmals abgehoben. "Birds of the same feather, flock together" heißt es in "Pigeon", dem das überragende "Scream Phoenix" als perfekter Abschluss folgt.

Was "The Cold Vein" letztendlich so besonders macht, ist die außergewöhnliche Kombination aus diesen hervorragenden und schon sehr gegensätzlichen Emcees und dem Mastermind El-P. Seine Produktionsarbeit gehört zur besten, mit der je ein Album von ihm ausgestattet wurde - wenn sie nicht sogar die beste ist. Die Gäste sind dezent und gut gewählt, doch zu keinem Zeitpunkt vergisst man, wer die Gastgeber sind. Vast Aire und Vordul Mega rappen in einer Galaxie, die der des Mainstreams und der platten Phrasen sehr weit entrückt ist. Vielen mag dieses Album über das Ziel hinaus schießen (und für Neulinge im Rap ist es wohl schwerlich geeignet), doch man kann sich nur glücklich schätzen, dass die Szene über Werke wie "The Cold Vein" verfügt: Werke, die anders sind und die bei genauem Hinhören ihre enormen Stärken offenbaren.

8.8 / 10

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